Bekämpfe das Grün!
Original: © März 2016 Blum
eBook: © April 2016 choose your art
Titelbild, Gestaltung & Satz: Blum
Fighting The Green © Deine Lakaien
Korrektur: Sim
Speyer, Deutschland
Alle Rechte vorbehalten
Lieber Leser, solltest du Anregungen oder Kritik für unsere Produkte haben, würden wir uns sehr über eine eMail von dir freuen: xo@karma23.de
Über dieses Buch
Bekämpfe das Grün! ist eine Geschichte aus dem Rollenspiel Karma²³ und spielt auf einer seiner Welten:
Über all die Zeitalter, in denen die Menschheit sich auf Terra entwickelte, übersah sie, was um sie herum vorging. Unzählige von fremden Kulturen entstanden auf weit entfernten Planeten, Kriege wurden ausgefochten und Allianzen geschmiedet. Gottgleiche Wesen übten die Kontrolle über weitreichende Sektoren der Galaxie aus. Schließlich erreichten diese Mächte auch die Heimatwelt der Menschen und sie nahmen sich, was sie brauchten. Sie entführten tausende von Menschen aus verschiedenen Kulturen und schufen sich aus diesem genetischen Grundstock ihre eigenen Sklavenvölker. Doch sie wussten nicht um die Natur der Menschen. Sie kannten nicht deren inneren Drang nach Freiheit und ihre enorme Anpassungsfähigkeit. Es kam, wie es kommen musste – während die Herren des Alls an Korruption und innerem Verfall litten, erhoben sich die menschlichen Sklavenkulturen und begannen ihren Siegeszug …
Für meine Spieler, allen voran Mirko, weil sie es stets schaffen mich auch in den dunkelsten Stunden zum Lachen zu bringen.
Das Leben ist hart, aber es funktioniert.
Sim
Kennung: L4Gp7p115-6 :: Quadrant: 7|115 :: System: Lagu :: Größe: 6 :: Gravitation: 1,1 G :: Umlaufzeit: 1,0 Standardjahre :: Trabanten: Danga, Guran :: Subraumanschluss: Tu2QpD-SS4-D11,2D :: Sj 2.250 :: Name: Gedan :: :: ::
Es ist schwül. Ich erinnere mich nicht daran, im Frühjahr mal einen Tag erlebt zu haben, an dem es nicht wenigstens zeitweise schwül gewesen wäre. Und ich habe ein wirklich gutes Gedächtnis. Heute ist es besonders schlimm. Die Luftfeuchtigkeit wird auf meinem Armpad mit einem kleinen Pluszeichen angezeigt. Das bedeutet, sie liegt über den gängigen Zahlenwerten. Was kommt nach einhundert Prozent? Es ist, als könne man die Luft schneiden und wenn man zu tief einatmet, ertrinkt man. Bei den Com-Arbeitern gibt es ein Sprichwort: »Halt die Luft an, wenn du durch den Tangwald gehst …« Der Tangwald ist nass und er ist vor unserer Haustür. Das Grün ist dort nicht so stark wie auf den Feldern. Die Bäume halten es zurück. Dafür kann man dort praktisch überhaupt nicht atmen. Sofort setzen sich die Lungen mit Flüssigkeit zu, man hustet und verschluckt sich. Wenn man Pech hat, stolpert man über die eigenen Füße, fällt mit dem Gesicht voran in eine Wasserpfütze und ersäuft im Brackwasser. Schlimmer Tod. Letztes Jahr haben sie Master Murwick im Wald gefunden. Er lag da – ersoffen – keine dreihundert Schritte von unserer Dehydrationsanlage entfernt im Schlamm. Der Coroner aber fand heraus, dass Murwick, bevor er in den Wald gegangen war, zu viel von einer ganz anderen Flüssigkeit zu sich genommen und wohl eher darum die Kontrolle über seine Füße verloren hatte. Sowas kommt hier vor.
Ich stelle mein Armpad um. Es zeigt mir jetzt die verbleibenden Stunden an, die es noch hell sein wird, wenn man den Tag hier als hell bezeichnen kann. Noch sieben Stunden. Dann verlöschen die letzten Strahlen der Lagu. Das Zentralgestirn von Lp7p115 ist eine tief rote Sonne und eindeutig am Zenit ihrer Leuchtkraft angekommen. Natürlich wird sie noch viele Milliarden Standardjahre weiter leuchten, aber ihre besten Tage sind vorbei. Der Reif zeigt mir ebenfalls an, wie warm es noch werden soll. In zwei drei Stunden wird die Temperatur auf 36 °C bei immer noch extremen Luftfeuchtigkeitswerten angestiegen sein. Die Entfeuchter müssen dann heruntergefahren werden, da sie ab 40 °C zu störanfällig sind und niemand die Dinger wirklich gut reparieren kann. Also niemand hier auf der Farm. Drüben in New Derk gibt es genügend Mechaniker und Spezialisten für KI-gestützte-Tribinär-Maschinen. Aber sowas kostet eine Menge Credits. Wir haben keine Menge Credits. Wir haben nichts. Na ja, nichts ist vielleicht falsch formuliert. Wir besitzen tatsächlich ein Stück Land hier im Tangolo. Die ComTrans hat es meinem Vater geschenkt. Eine Abfindung sozusagen dafür, dass er nach Erledigung seiner Pflichten Gedan nicht verlassen hat, sondern mit seiner ganzen Familie dem Siedlerprogramm beigetreten ist. Toll, oder? Ein ganzes Farmgebiet, sogar mit Feuchtzellen und niederen Terrassen, auf denen man Nabanugi anbauen kann. Wie ich das Zeug hasse. Wie ich die Farm hasse. Wie ich meinen Vater hasse … Aber allem voran, wie ich das Grün hasse.
»Pitt, hast du das Grün bekämpft?«
Ich hebe den Kopf und ärgere mich. Alle Mütter scheinen irgendwie psionische Fähigkeiten zu haben. Ich könnte schwören, meine Mutter kann in meinen Gedanken lesen. Sie steht drüben in der hinteren Küchentür. Es ist noch früh, aber natürlich hat sie Recht. Wenn man das Grün nicht früh bekämpft, hat man später um so mehr Arbeit.
»Mach´s gleich Ma.«
»Und sag deiner Schwester, sie soll die Pferdchen raustreiben.«
»Kay Mam …«
Ich stehe träge auf und spucke den Nabanugi-Stengel aus, auf dem ich herumgekaut hatte. Über mir erstreckt sich die gewaltige Scheibe Lagus. Ein roter Klecks, von Wolken umrahmt wie das kranke Auge eines wütenden Chaosriesen. Wenn er blinzelt, wird er die ganze Welt unter sich verwüsten. Ich laufe zum Stall hinüber.
Vor der Tür steht X842. Er hebt seinen eckigen Kopf und starrt mir mit seinen glimmenden Sensoren entgegen. Für einen quadropoden Droiden seines Alters ist er durchaus rüstig und funktioniert nach wie vor tadellos. Zwar hat ein Droidtech aus New Derk letztes Lokaljahr bei einer Routinewartung festgestellt, dass X8s Motionchip zu einer KI-Überlagerung in seinem Sekundärboard geführt hat, doch bis auf vorübergehende Launeschwankungen sei nicht mit Fehlleistungen zu rechnen.
»X8, ist Mabe im Stall?« Man muss die Droiden immer mit ihrem Namen oder ihrer Kennung ansprechen. Oder wenigstens mit einem Teil davon. Sonst nehmen ihre Sensoren eine Ansprache nicht als für sie bestimmt an. Dies führt dazu, dass sie sich dezent zurückhalten und genau nichts tun. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es sich bei dieser Tatsache keineswegs um einen Tribinärcodefakt, als vielmehr um pure Ignoranz und Faulheit handelt. Aber wie soll ein Droide faul sein?
Der tonnenschwere Quadropode erhebt sich langsam wie eine uralte Schildplattenechse von Merk und dreht sich behäbig zu mir um.
»Sie ist im Stall junger Master Irnov.«
»Ja, das fragte ich.«
»Ja, das fragten sie Master.«
»Ein einfaches Ja hätte genügt.«
»Ja.«
Ich muss schmunzeln. Wie oft habe ich dieses Spiel schon mit ihm gespielt? Unendliche Male. Er versteht nicht, um was es dabei geht. Er wird immer und immer wieder aufs Neue in seinen schwerfälligen Sätzen antworten. Ich habe ihm ein paar Witze beigebracht. Er kann sie erzählen; aber man kann sicher sein, dass sein Publikum meist vor der Pointe eingeschlafen sein wird.
Treffen sich ein Talburianer, ein Mensch und ein Ifpege nach einem zweistandardjährigen interstellaren Raumflug in einer interkulturellen Bar auf Yybcor. Der Schankwirt fragt sie interessiert, was sie nun als nächstes vorhätten.
Sagt der Talburianer mit abgespreiztem Finger: »Jetzt wäre es erfrischend, einen umgebungsangepassten Raum und eine gute Tasse Tee zu haben. Wäre es nicht?«
Der Mensch winkt ab und sagt: »Wenn ich mein Bier leer getrunken habe, schnappe ich mir eins der Freudenmädchen hier und mache ihr ein Kind der Liebe.«
Alle sehen erwartungsvoll den Ifpegen an. Dieser zieht verhalten an seinem Trinkröhrchen und pfeift schließlich verlegen: »Gibt es auf Yybcor einen Zoo?«
Oder noch schlimmer, er ist durch seine ihm fehlende Möglichkeit der korrekten Betonung überhaupt nicht in der Lage den Witz korrekt vorzutragen:
Was passiert mit einem Gedan, wenn man Salz auf ihn streut? Er gedan ein …
An der Tür mache ich halt und ziehe am Riegel. Drinnen ist es noch wärmer und die Luft riecht nach einer Mischung aus altem, feuchten Heu und den Ausdünstungen der Tiere. Das helle Geschnatter der Pferdchen umhüllt mich. Aus meinen Kindheitserinnerungen an Mern kenne ich richtige Pferde. Sie sind stattlich, viel größer als ein Mensch und man kann auf ihren gebogenen Rücken reiten. Schnell wie der Wind galoppieren sie mit ihrem Reiter dahin, unermüdlich, stark und frei rennen sie mit den Winden. Gedans Pferdchen sind winzig. Die Regierung der Gedanen hat bei den Siedlern durchgesetzt, dass kein mitgebrachtes Nutztier eine bestimmte Körpergröße überschreiten darf. Manche der Farmer haben Schweine eingeführt. Werden sie zu groß, müssen sie getötet werden. Außerdem sind Schweine aus irgendeinem Grund anfälliger für die Bakterien Gedans. Seltsam, wo Schweine doch eigentlich sehr robuste Tiere sind. Ich habe einen Medbericht gelesen, indem die Wissenschaftler der CTC herausgefunden haben wollen, dass Schweine besondere Probleme mit bestimmten Bakterien in den Bodenpilzen Gedans hätten. Diese, durch die Nahrung aufgenommen, würden den Verdauungstrakt der Tiere schädigen und ihr Fleisch darüber hinaus ungenießbar machen. Die Antwort der ComTrans auf dieses Problem waren die Pferdchen. Sie fressen besagte Pilze nicht, werden von den Bakterien nicht befallen und ihr Fleisch ist darüber hinaus deutlich bekömmlicher für uns Menschen. Außerdem kann man aus ihrem Blut verschiedene Seren herstellen, die in der Immunologiemedizien benötigt werden. Hab ich letztes Sj von einem Wanderlehrer gelernt.
Pferdchen sind kleiner als gängige Hofhunde. Ein ausgewachsenes Tier reicht mir nicht einmal bis zum Knie. Dafür sind sie stämmig und wachsen schnell heran. Sie vermehren sich wie die Katzen. Irgendwie sind sie einfach total niedlich. Aber das sind die Stallkaninchen auf Merk auch und man schlachtet sie dennoch. Ich mache mir nicht so viel aus Fleisch, aber Mabe kann nicht ohne. Schlachten nein, schrecklich. Mittagstisch ohne Fleisch, geht auch nicht. Mädchen sind seltsam.
Die Pferdchen schnattern wie verrückt. Sie wittern das Gras und die Freiheit. Später werden sie wieder in den Stall getrieben, aber davon ahnen sie jetzt noch nichts. Es ist jeden Tag so, aber sicher wurde bei der durch Zucht und Genetik verursachten Kleinwüchsigkeit das Gehirn ebenfalls maßgeblich verkleinert. Als schlau kann man die Gedan-Pferdchen wirklich nicht bezeichnen.
Ich öffne das hintere Gatter und sie springen umher wie junge Hunde. Selbst die älteren Wallache schäumen und treten vergnügt aus. Heute Abend wird Ma einen von ihnen schlachten und einen saftigen Braten für uns bereiten. Doch jetzt ruft das Gras. Die letzte Hürde senkt sich, sie galoppieren los, durchpflügen als graubraune Welle die stickige Luft und erfüllen sie mit ihrem wiehernden Gequake. Ich lache laut auf, als zwei von ihnen an mir vorbei springen und meine Oberschenkel als Trittbretter nutzen. Raus jetzt aber ihr Schnecken, wohoo, rufe ich ihnen hinterher und wedle wild mit meiner Kappe durch die Luft. Mein Schweiß rinnt mir in die Augen und brennt, so dass ich blinzelnd mit dem Arm über mein Gesicht reibe.
Wo? Ich sehe mich in der Scheune um. Keine Spur von Mabe. Wo kann sie sein? Es ist ihre Aufgabe, sich um die Pferdchen zu kümmern. Nicht meine. Ich müsste jetzt lernen. Geographische Geometrie der zweiten Stufe. Nicht, dass ich die erste Stufe verstanden hätte. Kann man auch nicht verstehen. Niemand weiß, wie ein Former funktioniert, der zur Geomanipulation fähig ist. Wir können auch keine bauen. Die Smavari konnten das. Nicht weit von der Farm entfernt steht so ein Ding. Es ist über zweihundert Meter hoch und dabei nur eine Ruine. Der Rest davon liegt daneben und erstreckt sich noch einmal so weit. Man stelle sich einen vierhundert Meter hohen Turm vor, der mittels Satunterstützung und Traktorbeam in der Lage war, Berge zu verschieben oder gar geotektonische Veränderungen zu verursachen. Die Smavari müssen unglaubliche Baumeister gewesen sein. Es gibt sie nicht mehr. Sie sind alle tot. Vor über 550 Standardjahren wurden die letzten von ihnen, die letzten smavarischen Besatzer auf Gedan, von den aus der Zone der Intergalaktischen Allianz stammenden Bandonta vertrieben oder ausgelöscht. Diese rotschwarzen Pflanzenwesen aber hatten keine Verwendung für Gedan. Sie wollten nur den Sprungpunkt hier im System. Also ließen sie Gedan den Gedanen und zogen weiter. Ich bin noch nie einem Bandonta begegnet, aber mein Vater sagt, sie wären strenge Wesen, denen man mit großem Respekt begegnen sollte. Ich glaube, in New Derk gibt es eine bandontanische Botschaft. Aber diese hat nichts mit den Eroberern von damals zu tun. Die hocken hier, um ihre IGA-Kommissare zu beschützen. Es geht um Geld, Handelsgüter und Frachtzölle, hinüber zur verbotenen Tanbarischen Zone.
Langsam schlendere ich zum Gatter und fächere mir mit meiner Kappe Luft zu. Es gibt auf Gedan keine frische Luft. Man sollte denken, man kann sich daran gewöhnen. Weit gefehlt. Meine Eltern verschleppten mich vor über zehn Sj hierher. Damals war ich noch ein Kind. Unglaublich oder? Zehn Sj hocke ich hier nun schon im Dreck. Von Eingewöhnung keine Spur. Mabe scheint besser klarzukommen. Vielleicht, weil sie nicht von Mern stammt.
Ich lehne mich an die hölzernen Stützbalken des Daches und sehe auf die nebelverhangene Kuppe hinaus. Der Nebel ist diesig und wird von der Sonne rötlich eingefärbt. Sieht aus wie Zuckerwatte, riecht aber garstig. Hinter dem Nebel sehe ich den dunklen Finger des Turmes. Mahnend erhebt er sich in seiner zerbrochenen Pracht gen Himmel, nie wieder bereit, sein schöpferisches Werk zu verrichten. Tot, sie sind alle tot. Hat man ihre Kadaver verbrannt? Wo sind ihre Friedhöfe? Wir haben auch keinen richtigen. Die Toten werden hier verbrannt. Man will sie nicht wie die Ureinwohner des Planeten dem Sumpf oder gar dem Grün überlassen. Man verbrennt sie und die Asche packt man in Krugen. Die Kruge von Tante Ivei steht neben der von Goßväterchen Michail und Mütterchen Vanka. Sie stehen im Wohnzimmer über dem Kamin. Da werden auch eines Tages Ma und Pa stehen … und ich und meine Schwester.
Hinter mir kraucht X8 durchs Stroh und beginnt es zu reinigen. Gutes trockenes Stroh ist wertvoll. Nichts wird hier einfach trocken. Also durchsiebt der Droide das vorhandene Stroh und filtert so Kot, Milben und vom Urin verunreinigte Halme von den sauberen. Dabei wirbelt er Staub und Ungeziefer in die Luft und macht diese noch schlechter, als sie es ohnehin schon ist. Hustend suche ich das Weite und verlasse die Scheune, den Pferdchen folgend. Zwei Blutmilben landen auf meinem Handrücken und ich schnicke sie angeekelt davon. Mern … meine Geburtswelt – ein zivilisierter Planet, der schon immer von Menschen wie mir bevölkert wurde. Keine Sumpfkugel, deren Ureinwohner meist nur nachts aus ihren Löchern gekrochen kommen und die einem erwachsenen Mann nicht einmal an den Schritt heranreichen. Ich finde sie irgendwie unheimlich. Gedrungene Maden mit ihren zwei fahl glimmenden gelblichen Augen und der violett anmutenden Haut – nicht gerade Schönheiten. Zwar gehen sie aufrecht, doch ihr Gang ist watschelnd und behäbig und mit ihren Stummelärmchen sind sie kaum in der Lage, ein vernünftiges Werkzeug zu bedienen. Kaum zu glauben, dass die Bewohner ihrer größten Nation, die Sabanesen, es zu einer technischen Entwicklungsstufe geschafft haben, in der sie ihre Werkstätten immerhin mit Dampfkraft betreiben können. Dampfkraft! Aber was will man von den aufrechtgehenden Kaulquappen erwarten? Ihre Augen nehmen derart viel Platz in ihrem Kopf ein, dass nicht viel Platz für ein adäquates Gehirn bleibt. Oder werden sie von Nervenknoten angetrieben und gelenkt? Die gedanische Anatomie ist nicht gerade mein Lieblingsfach.
Die Scheune umrundend halte ich Ausschau nach Mabe. Wo steckt sie nur? Warum muss ich ihre Arbeit verrichten? Ich könnte lernen oder meine Arbeiten angehen, aber nein, ich muss mich um meine große Schwester kümmern. Vorne am Haus schließlich entdecke ich sie. War klar. Der Postman ist da. Sie flirtet mit ihm. Ein Klassiker. Henk ist ein Tunichtgut, aber Mädchen mögen das und er sieht ja auch ganz gut aus, wie er so auf seinem Gravbike mit den Ledertaschen heran gebraust kommt. Lederjacke, enge Schutzhosen, Stiefel und ein ›mir gehört die Welt, auch wenn die Welt eine Sumpfkugel ist‹-Lächeln im Gesicht. Welches Mädchen könnte da noch widerstehen? Henk ist ein Arsch. Ich hasse Henk. Mabe mag ihn. Ich hasse Mabe.
»Da kommt dein nerviger kleiner Bruder«, sagt der Postman prompt, als ich mich den beiden nähere.
»Ma sagt, du sollst dich um die Pferdchen kümmern.«
Mabe sieht mich mit einem Blick der Verachtung an. Wie eine smavarische Statue schaut sie von oben auf mich herab und bohrt sich durch meine Augen in mein Herz. Wie macht sie das? Ich bin fast einen Kopf größer als sie, sogar größer als der schnöde Postman. Wie immer wird mir unbehaglich zumute. Aber ich bin im Recht. Soll sie ihre Arbeit machen und nicht mit diesem Idioten Schwätzchen halten. Pa würde dies sicher auch nicht gefallen. Sicher nicht.
Er will sie an einen der Nachbarsöhne verhökern. Natürlich nicht im Ernst. Ich meine, er wird sie nicht im wörtlichen Sinne verkaufen. Aber eine Partnerschaft zweier Höfe käme ihm sicher gelegen und was verbindet besser, als eine Hochzeit. Ich finde das blöd. Die anderen Farmersöhne sind alle dumm und ungeschickt. Gut, manchen von ihnen kann ich es in Sachen Kraft nicht gerade gleichtun, aber im Kopf haben sie wirklich nichts drauf. Bauern eben. Ungebildet, ungewaschen und primitiv. Horizontlos fällt mir noch ein, als die Stimme meiner Mutter aus dem Haus zu uns dringt: »Peter Irnov«, das bin ich, »bekämpfe jetzt endlich das Grün und komm danach ins Haus, damit du dich säubern kannst.
Blamage. Mit herunterhängenden Schultern strecke ich Mabe die Zunge heraus und wende mich dem Haus zu. Henk lacht. Soll er doch. Er ist trotzdem ein Arsch. Warum ist er wohl Postman? Sicher nicht, weil er was anständiges gelernt hat. Wer will schon Tag für Tag durch die Wildnis rasen, das bisschen frischen Fahrtwind im Gesicht und immer mit fest zusammengepressten Lippen, wie auf dem Abtritt aussehen? Öffne deinen Mund Postman und die Welt erfüllt dich mit guten Proteinen.
Neben dem Kücheneingang, dem Hintereingang, befindet sich die breite Garagentür zu Pas Werkstatt. Die breiten Metalllamellen sind nach oben gerollt, weil X8 jeden Morgen aus der Garage kriecht und die Tür dann den Tag über offen bleibt. Es riecht nach Lösungsmitteln, altem Öl und Werkzeugen, die seit Generationen vom Vater an den Sohn weitervererbt werden. Drinnen ist alles grau in grau. Hydrogelschlüssel, Verbundstoffmanipulatoren in allen erdenklichen Ausführungen, Halbzeuge und ein entsprechender Halbzeugbereiter, das alte fluguntaugliche Speederbike meines Vaters, die dazugehörigen Teile, der Roverpod, mit dem wir den Erntehänger ziehen und schließlich all die Haken, Filterpfannen, Stangen und Besen, die man zur Pflege der Wasserfelder benötigt, erfüllen diesen Raum Zeit meines Lebens. Hier bin ich aufgewachsen. Als Baby, so erzählen sie es mir immer wieder, bin ich hier bei Großvater und Pa auf dem öligen Boden herumgekrabbelt und habe mir beim Spielen die lange Stirnnarbe beigebracht. Ich gehe an der Erntesense vorbei, mit der ich als Heranwachsender Bekanntschaft machen musste. Die Klinge ist scharf, ich hätte mir auch den Schädel spalten können. Ein Lächeln erfüllt meine Züge bei dem Gedanken an diesen Tag damals. Alle waren in helle Aufregung geraten. Das arme Kind, Blut überströmt, weinend. Der Doc tackerte mich wortlos und begann dann ein Gespräch mit Pa über die Nab-Preise und ereiferte sich über seine Abgaben, die er der Com zu leisten hatte, während meine Mutter immer noch über das Unglück ihres kleinen Sohnes lamentierte.
Ich erinnere mich an nahezu jede Einzelheit. Andere scheinen sich nicht an ihre Kindheit zu erinnern. Nicht wie ich zumindest. Seltsam, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, alles zu vergessen. Ist das nicht blöd, wenn man Dinge erlebt und sie dann einfach vergisst? Ich stelle mir das wie ein Vakuum vor, so wie das Nichts, das einen umhüllt, wenn man durch die Schleusentür eines Frachters ins All hinausgeblasen wird. Leere im Gehirn. Andererseits, wenn ich an Henk denke, ist das mit der Leere im Hirn schon sehr greifbar.
Da steht der Flamerbackpack. Ich hebe das Geschirr von der Wand, die öligen Lederriemen und sortiere die einzelnen Komponenten. Es rasselt, während ich es mir umlege. Der Tornister ist schwer und man kann ihn ohne das Geschirr kaum bewegen. Selbst Pa findet ihn schwer. Vor einem Standardjahr hatten sie einen echt üblen Streit deswegen. Also Ma und Pa meine ich. Pa hatte die Meinung vertreten, ich könne jetzt den Flamer tragen und Ma fand, ich sei noch nicht soweit. Das ging hin und her, bis sie zu schreien begannen. Er müsse immer Recht haben, es müsse immer nach ihrem Willen gehen und Ma verhätschle ihre Kinder nur. Ich habe dann das Geschirr angelegt und bin zum ersten Mal raus damit. Die beiden stritten einfach weiter und bemerkten mein Verschwinden zuerst nicht. Erst als ich mit verkohlten Haaren wiederkam und sie meine Brandwunden an den Armen sahen, hörten sie auf zu streiten. Man kam dann zu einer Einigung. Ich sollte noch ein halbes Sj warten. Der Tornister sei noch zu schwer. Mittlerweile ist das Anlegen des Geschirrs für mich zur Routine geworden. Ich verbrenne mich auch nicht mehr bei der ersten Verpuffung von Gasen im Zündrohr, wenn ich den Flamer starte. Vor einigen Wochen hat mir Pa sogar gezeigt, wie man die Hauptspule des Geräts austauscht und ich denke, ich habe mich nicht dumm dabei angestellt. Einen Flamer muss man komplett auseinander und wieder zusammenbauen können. Das ist hier überlebenswichtig. Hier im Grün.
Das Grün
Der Tornister ist verdammt schwer. Gut, ich bin noch nicht erwachsen, aber ich bezweifle, dass Pa das Ding ohne zu schnaufen tragen kann. Warum macht das eigentlich kein Droide? Ach ja, wir haben ja nicht die nötigen Credits für einen entsprechenden Droiden. Die Macothers im Tal haben einen Droiden, der einen Multitornister auf dem Rücken trägt. Er kann mit speziellen Distributoren an einem seiner Arme Pestizide, und nach einer entsprechenden Reinigung, Brennstoffe verschießen. Aber sowas können wir uns nicht leisten. Also mach ich die Arbeit.
Das Geschirr schneidet mir in die Schultern. Immer wieder rücke ich es zurecht, versuche, die Last anders zu verteilen, um das Tragen angenehmer zu gestalten, aber wenn ich links nachziehe, sitzt es rechts zu locker und wenn ich rechts nachziehe, bekomme ich keine Luft mehr. Sitzt das Ding halbwegs richtig, juckt mein Rücken unter meiner Schutzjacke derart, dass ich anhalten, den Tornister absetzen und die Jacke ausziehen muss, weil ich ansonsten auf der Stelle wahnsinnig würde. Schweiß rinnt mir die Stirn hinab, findet seinen Weg durch meine Augenbrauen und landet schließlich brennend in meinen Augen. Alles ist nass. Alles hier ist nass.
Ich schlurfe müde an der Koppel entlang und nehme kaum wahr, wie die Pferdchen neben mir her galoppieren in der ständigen Erwartung, etwas zu Fressen zu bekommen. Nicht, dass sie jemals etwas zusätzliches bekämen. Ma hat uns verboten die Viecher mit Zucker oder Rüben zu füttern. Es gibt nur Heu, alles andere verändert den Geschmack des Fleisches und drückt damit den Marktwert. Wer weiß, wie das Fleisch schmeckt, ehe er das Tier gekauft hat? Eine Frage, die offenbar nur ein junger Mensch stellen kann, denn Ma reagierte auf dem Markt ziemlich ungehalten, als ich sie stellte. Klar, wer einmal von uns probiert hat, kennt den Geschmack. Aber merkt er sich diesen Eindruck bis zum nächsten Einkauf? Ich kann mir ziemlich viel merken. Also vor allem Dinge aus der Vergangenheit. Aber wenn Ma mir aufträgt, am nächsten Tag etwas zu erledigen, kann es schon geschehen, dass diese Datei zur vorgesehenen Zeit in meinem Hirn unauffindbar geworden ist.
Hinter der Koppel kommt der Weg zum Wald, der sich an den Feldern entlang schlängelt. Das Grün wartet auf mich. Es lauert, schiebt sich mir unmerklich langsam entgegen. Es ist gesichtslos, anonym wie ein Strudel, der ein Schiff in die Tiefen eines endlosen Meeres zieht. Ich bleibe stehen und sehe mir an, was mir die Nacht beschert hat. Es hat sich über eine Armlänge ausgebreitet. Vielleicht hätte ich gestern etwas ausgiebiger brennen sollen. Während ich an den Verschlüssen der Riemen herumnestle, beäuge ich die Umgebung. Das wird Stunden dauern. Aber es muss schließlich gemacht werden. Langsam setze ich den Tornister ab. Er steht ungerade auf einem kleinen Stein und den Blättern einer Kräuterpflanze, die ich nicht kenne. Stell nie denTornister ab, wenn du dir nicht sicher bist, dass er gerade steht! Vorsichtig rücke ich ihn zurecht. Soll schon vorgekommen sein, dass einer seinen Flamer hat fallen lassen und dieser ist geplatzt und hat sich entzündet. Klar können das auch typische Übertreibungen sein von Leuten, denen abends in der Taverne nichts besseres einfällt. Andererseits, wer möchte sich innerhalb weniger Sekunden in einen schwarzen, zuckenden, schwärenden Schlackehaufen verwandeln?
Der Zünder sitzt fest. Ich habe es nun zum dritten Mal überprüft. Schlauch auch. Also nehme ich den Tornister am Handgriff und ziehe ihn neben mir her, während ich das Rohr ausrichte und mich auf die Hitzewelle vorbereite. Es gibt ein helles Zischen, dann ein langestreckter Ton, der an einen aufgerissenen Wetterballon denken lässt. Dann kommt dieses schreckliche Fauchen, welches nur den Flamern zu eigen ist. Sofort muss ich, wie immer, blinzeln und kneife die Augen zusammen, um sie vor der Hitze zu schützen. Das Grün weicht. Ich verbrenne es. Langsam treibe ich es zurück. Beißend stinkender, öliger Rauch dreht sich in kleinen Spiralen nach oben, wird dünner und zerfächert sich zu kobaltblauen Wölkchen. Knisternd hauche ich dem Grün sein Leben aus. Schritt für Schritt bekämpfe ich es. Schritt für Schritt brenne ich es von unserem Land.
Es gibt Farmer, die den Tornister auf dem Rücken tragen, damit sie das Rohr mit zwei Händen bedienen können. Starke Farmer, die sich nicht vorbeugen müssen, um den Tornister halten zu können. Erwachsene Männer, die nicht nach hinten umkippen, wenn sie den Zünder betätigen und das Rohr seine alles vernichtende Macht über die Umwelt ergießt. Ich bin nicht erwachsen und nicht sonderlich kräftig. Die Vorstellung vom Ausstoß nach hinten gedrückt und zu Boden geschleudert zu werden, zaubert mir einen Schauder auf die Unterarme und lässt mich zögern, aber dann drücke ich den Zünder nur noch fester durch und beharke das Grün mit der brennenden Flüssigkeit.
Nach ein paar Minuten, ich bin nur wenige Meter weit gekommen, begutachte ich mein Werk. Die Schneise ist nun wieder so breit wie sie gestern morgen gewesen war. Gestern, als ich das Grün verbrannt hatte. Ich senke das Rohr und lasse den Zünder los. Die Flamme erstirbt. Mein Blick wandert den Weg entlang, versucht eine Relation zwischen Zeit und Fläche aufzubauen. Das Feld ist groß. In der Luft hängen die weißen Nabafalter, von denen immer wieder unzählige in die Flammen geraten und zuerst als flatternde Feuervögelchen und dann als graue Asche durch die Luft schweben. Die Wasserflächen laufen über, bilden große Lachen, die sich teilweise mehrere Meter über den Weg erstrecken. Dort wird es schwerer, das Grün zu bekämpfen. Natürlich ist das Wasser kein Gegner für den Hochdruck-Flamer, aber es verursacht dennoch einen gewissen Zeitverlust. Hatte ich nicht noch eine Kräuterpastille in meiner Jacke? Mit den Handschuhen versuche ich, die Jackentaschen zu erforschen. Lass das Grün nicht aus den Augen! Ich lasse es nicht aus den Augen. Da ist kein Bonbon mehr. Mit einem Krächzen, das Rohr ist noch heiß, überspringt der Flamer die Aufwärmphase und spuckt seinen tödlichen Odem über das Grün. Es brennt nicht. Es schmort und schnurrt in sich zusammen, wobei es ein sonderbar klägliches Wimmern von sich gibt. Vielleicht irre ich mich aber auch, vielleicht stammt dieser Laut auch aus meiner Waffe. Sie ist laut und obszön und übertönt die ohnehin wenigen Umgebungsgeräusche.
Ich gehe weiter, brenne, gehe und versuche nicht in eine der tieferen Pfützen auf dem Weg zu geraten. Es ist nicht ratsam hinzufallen, während man einen Flamer bedient. Natürlich würde man den Zünder loslassen und der Flamer würde augenblicklich verlöschen, aber das Rohr ist extrem heiß und kann bei Berührung Stiefel, Haut und Fleisch zu einer Einheit verschmoren.
Am ganzen Leib schwitzend versuche ich, meine Pflicht zu erfüllen. Schweiß sammelt sich zwischen meinen Zehen, läuft mir als breiter Strom den Rücken hinab. Ich spüre, wie er den Dreck bindet, der sich aus Ruß und Staub gebildet hat. Diese Marsche sammelt sich schließlich in meinen Stiefeln zwischen den Zehen. Stunde um Stunde, Schritt um Schritt brenne ich das Grün zu schwarzer Schlacke. Langsam siegt die Technik und die Verbissenheit gegen die Agonie der endlosen Reproduktion des Grüns. Es ist bald Mittag. Nur noch wenige Meter, dann habe ich zumindest den absolut nötigsten Status Quo erreicht. Es wäre weit besser, wenn ich noch eine Hand breit mehr verbrennen würde. Ich hätte morgen weniger Arbeit. Oder zwei Hand breit und ich könnte besser schlafen. Alle könnten das. Aber es ist anstrengend. Es ist sehr anstrengend. Meine Augen brennen und fühlen sich in der Hitze der Flamme an, als blickte ich seit Stunden in das Triebwerk eines Transportshuttles der ComTrans. Mein rechter Arm, der den Tornister Stück für Stück neben mir herzieht, fühlt sich lang und taub an und meine Hand, in dem dicken steifen Schutzhandschuh, spüre ich praktisch überhaupt nicht mehr. Am schlimmsten aber schmerzt mein Rücken, der die andauernde Schräglage in die mich die Aufgabe des Brennens zwingt, mit heftigen Stichen zwischen jedem einzelnen Wirbel quittiert. Fehlhaltungen seien normal bei Farmern. Sie sind halt Arbeiter und wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt der Doc.
Vor zwei Standardjahren habe ich meinen Eltern gesagt, ich wolle an die ComTrans Akademie gehen. Vielleicht wäre es möglich, einen Pilotenschein zu machen. Ich hätte gute Credits verdienen können. Schon während der Ausbildung kann man immer wieder kleine bezahlte Shuttelflüge ergattern. Timoth Warwin macht das seit einem Sj. Er ist jetzt kein Farmer mehr. Ma und Pa waren erschüttert. Wie hätten sie die Farm allein in Schuss halten sollen? Sie hatten nicht genügend Einkünfte, um einen Hilfsarbeiter bezahlen zu können. Einen weiteren Droiden konnten sie sich erst recht nicht leisten. Allein mit Mareh-Beatrix könnten sie es niemals schaffen. Gerade während der Erntezeit wäre es unmöglich. Ich entließ mein Traumgespinst der Hochschule in den Äther meiner anderen Träumereien und packte mit an. Was hätte ich tun sollen? Sie im Stich lassen? Lasse niemals deine Familie im Stich!
Endlich habe ich das Ende des hintersten Feldes erreicht. Auf dieser Seite ist das Grün nicht ganz so stark wie drüben am Rand des Waldes. Seltsam eigentlich, wo es doch aus dem Wald selbst ferngehalten wird. Es ist als, sammle es all seine Kraft, um diesen uralten natürlichen Feind zu belagern. Es gibt Wälder, die den Kampf gegen das Grün verloren haben. Manche erst vor kurzem. Man kann ihre Konturen noch recht gut erkennen. Grüne Hügellandschaften, teilweise mit filigranen Armen, die sich aus der Gesamtmasse erheben wie die Gliedmaße um Hilfe rufender Ertrinkender. Drüben auf der anderen Seite des Tals gibt es solch einen Wald. Die Gedanen nennen ihn Shag`onGonda . Ich glaube, es bedeutet soviel wie ›Stiller Ort‹ oder ›Stille Welt‹. Mein Gedan ist schlecht. Die Pads übersetzen Gedan aber auch nicht gerade optimal. Die Denkweise der kleinen Wesen ist schwer zu deskriptieren für eine KI.
Ich wische mir den Schweiß vom Gesicht und reibe mir mit der umnähten Kante des Handschuhs eine kleine Wunde in die Stirn. Blinzelnd sehe ich zum Haus hinüber. Ma hat die Wäsche neben den Dehydrierer gehängt, der dem Haus am nächsten steht. Sie wird wie immer dennoch nicht trocknen und sie wird das Zeug später im Haus in den Trockner werfen. Sie hasst das, weil sie Credits sparen will. Immer denkt sie, es müsse möglich sein, sich der Umwelt anzupassen, um so wenige Credits wie möglich auszugeben. Letzten Sommer hat sie versucht, aus den kleinen weißen Pilzen, die an den Kommunikationsmasten gedeihen, einen Brotaufstrich zu machen. Sie hatte gelesen, sie seien nahrhaft und schmecken tun sie wirklich nicht schlecht. Zumindest, wenn man sie roh isst oder zu einem Salat bereitet. Gut, man bekommt davon meistens Durchfall, aber was soll`s? Mas Aufstrich führte zu Warteschlangen vor der Abtritthütte und ich muss jetzt noch schmunzeln, wenn ich an Mabes Gezeter und ihre Tänze denke, die sie vor der kleinen Holzhütte aufgeführt hatte.
Wenn die Wäsche fertig ist, wird es bald Mittagessen geben. Pa wird mit dem Zugpod vom Feld zurück kommen und Hunger haben. Ich habe auch Hunger.
Mit dem Fuß schiebe ich ein verschmortes Stück Grün vom Weg und beginne den Schlauch des Flamers abzuschrauben. Die ganze Ausrüstung muss nach jedem Brennvorgang gründlich gereinigt werden. Die Reste schüttle ich über dem verbleibenden, endlosen Grün aus. Brennflüssigkeit ist ätzend und jeder Tropfen der auf dem Grün landet, ist ein guter Tropfen. Danach harke ich den Tornister wieder in das Geschirr und fädle die Ledersicherungen ein. Er ist jetzt nur noch halb voll und wiegt daher nur noch die Hälfte. In ein, zwei Standards werde ich einen zur Hälfte geleerten Tornister auf dem Rücken tragen können, während ich das Grün bekämpfe.
So, jetzt muss nur noch das Rohr auspusten und los kann`s gehen. Vorsichtig reinige ich zuerst das Rohrende mit einem extra zu diesem Zweck am Tornister befestigten Lederstück. Dann setze ich das nach Schwefel und Brennpaste riechende Endstück an die Lippen und puste kräftig hinein. Es wird auf diese Weise keineswegs sauber, aber es tropft danach nicht mehr und versaut mir damit nicht die Stiefel.
Jetzt mache ich mich auf den Heimweg. Mein Magen knurrt und ich habe Durst. Pa predigt mir immer Wasser mit zur Arbeit zu nehmen. Lieber drei oder vier Flaschen. Aber mit dem schweren Tornister ist der Weg nunmal wirklich beschwerlich genug für mich. Ich trinke, wenn ich in der Garage bin. Leider habe ich wirklich großen Durst. Dehydration in einer Welt der Feuchtigkeit. Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, aus einer der Pfützen zu trinken. Eine unbestimmbare Anzahl von Mikroorganismen, die alle nur mein Bestes wollen, fluten meinen Leib, übernehmen die Kontrolle und verwandeln mich innerhalb kürzester Zeit in eine lebende Wasserleiche. Aufgedunsen würde ich qualvoll verenden, denn wer Gedans Wasser trinkt ohne es vorher einer ausgiebigen Strahlenbehandlung unterzogen zu haben, ist auch vom Doc nicht mehr zu retten. Natürlich trinke ich nicht aus Pfützen. Alles an mir ist nass, alles außer meinen Lippen, meiner Zunge, meiner Kehle. Meine Zunge ist mit dem bitteren Geschmack des Flamer-Odems belegt. Ich versuche, etwas schneller zu gehen, aber ich bleibe trotz meines Durstes vorsichtig. Rutsche niemals aus, falle nicht ins Grün! Niemals!
In der Garage
Ich stelle die Sodaflasche in den Kühler zurück. Meine Kehle schmerzt von dem kalten Wasser. Langsam lasse ich mich mit dem Rücken gegen die graue Wand fallen. Ich habe immer noch Durst, aber der Gehirnfrost hält mich zurück, die Flasche erneut heraus zu holen.
Wenn man einen Flamer zerlegt, muss man genau aufpassen, keins der vielen Dichtungsbauteile zu verlegen. Wir haben jede Menge Ersatzdichtungen für die Thermoverbundstofföffnungen. Aber die Hauptdichtung für den Schlauch ist teuer und somit in unserem Haushalt rar. Wir haben drei. Man kann den Flamer gut zwei oder drei Standardjahre mit einer dieser Dichtungen betreiben. Wenn man sie immer gut mit Mineralöl geschmeidig hält und den Schlauchstutzen niemals auf den Tornisterringen verkantet, geht das. Die Herstellerfirmen und die Techschmiede raten den ringförmigen Gummi spätestens einmal alle Viertel-Sj auszutauschen. Für fünfzig Credits bekommt man hier draußen zwanzig gute Brote. Man bekommt fünf Pressfleischbraten dafür. Drei Flaschen Brandwein, Kirnosk oder Karat. Eine gute Farmhose aus grobem, widerstandsfähigem Plastophärimat ist auch drin, wenn man etwas Glück auf dem Markt hat. Oder man kauft dafür einen Gummiring und hängt ihn zur Sicherheit in die Garage. Zweifelsfrei werden die meisten Farmer den Kirnosk dem Karat vorziehen; der Gummiring hingegen wird in den meisten Fällen durchs Raster rutschen. Wir haben immerhin drei. Der eine war schon mal verbaut. Hab ihn auf einem Weg gefunden. Keine Ahnung, wer ihn da verloren hat. Er lag einfach auf dem Boden. Ich habe mich sehr gefreut und Pa auch. Mam haben wir nichts davon gesagt. Sie wäre imstande gewesen, eine Nachbarschaftsumfrage zu starten, um den rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen. Ich sehe vor meinem inneren Auge X8 von Farm zu Farm kriechen, Standardjahr um Standardjahr, und dabei seine eigenen Dichtungen zu ruinieren. So ist sie – Mam meine ich.
Wenn man den Flamer ganz demontiert, ist es am einfachsten ihn zu reinigen. Es geht auch so. Am Anfang habe ich immer versucht, ihn zusammengebaut sauber zu bekommen. Wie gesagt, es geht. Man braucht dann deutlich mehr Tücher, muss diese danach reinigen und wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dauert es am Ende genau so lang, wie wenn man ihn gleich demontiert hätte. Vielleicht wird man selbst etwas weniger schmutzig dabei. Aber dafür wird der Flamer nicht ganz so sauber. Der Farmer mit Erfahrung also, baut seinen Flamer zuerst auseinander und reinigt danach alle Teile aufs Genaueste.
Man braucht dazu einen Mulithermoverbundstoffmanipulator. Wenigstens eine Größenspanne von acht bis zwölf sollte er haben, weil viele Verbundstoffe nach dem Brennen schwer zu lösen sind und sich stark ausgedehnt haben. Dazu empfiehlt es sich, einen Schaber, Blitzlöserspray und eine Drahtbürste sowie grobe Stofftücher und einen Lederlappen zur Hand zu haben. Öl, Reinigungsmittel und Wasser braucht man natürlich auch noch in entsprechenden Mengen.
Man löse also alle acht Thermoverbundstoffbefestigungen und entferne vorsichtig die dazugehörigen Dichtungen. Am besten legt man Letztere gleich in eine niedrige Schale, die man vorher mit dem Öl gefüllt hat. Das macht sie schön geschmeidig. Wenn man gleich weiter machen will, löst man ebenfalls besagten Dichtring des Rohres und gibt ihn dazu. Nun kann man die Schutzdeckel und Seitenteile des Tornisters ausklappen und die Lamellen mit der Bürste reinigen. Erst wenn man dies getan hat, ist es angeraten, den Brennmittelbehälter aus seiner Verankerung zu ziehen. Macht man das vorher, sieht man aus wie der buchstäbliche Schwarze Mann. Ist endlich alles auseinander gebastelt, kann man die Teile mit Wasser und Reinigungsmittel abspülen, mit dem Schaber gröbere Schmutzreste entfernen und schließlich alles erneut abwaschen und es mit den Tüchern abtrocknen. Außen verfährt man ebenso, auch wenn es da nicht so lebensnotwendig ist. Ganz am Ende reinigt man noch das Rohr, sprüht danach die Teile mit dem Blitzspray ein und poliert mit dem Lederlappen alles auf Hochglanz. Fertig. Dann hat man eine Stunde seines Lebens hinter sich gebracht und dafür gesorgt, dass der Flamer auch am nächsten Tag nicht beim Zünden in die Luft fliegt. Früher hat Pa meine Arbeit immer genau überprüft. Seit einiger Zeit hat er damit aufgehört. Ich frage mich oft, ob dies an seinem Vertrauen zu mir oder an seinem kleinen Problem liegen mag. Einmal hebe und senke ich ob dieser Überlegungen meine Schultern. Dann strecke ich mich und beginne, die Tornisterteile in entgegengesetzter Reihenfolge zusammenzubauen. Das geht schnell. Ich mache das jeden verdammten Tag. Früher habe ich mich beeilt, versucht meine Rekorde zu brechen oder gar schneller als Pa zu werden. Heute beeile ich mich nicht mehr. Ich bin schneller als ich selbst (damals). Ich bin auch schneller als Pa (zu jeder Zeit). Ich kann das Ding mit geschlossenen Augen auseinander und wieder zusammenbauen, ehe meine Schwester einmal Pinkeln war. Wir haben es ausprobiert – ich habe gewonnen.
Fertig, ich hänge den Tornister an seinen Platz an der Wand neben der Vibrosense und dem Bolzenschussgerät. Das Geschirr kommt an den Nagel hinter der kleinen Tür. Zum Schluss nehme ich den Brennstoffbehälter und kippe die Reste in den Tank. Das Zeug stinkt wie die Pest und trocknet sehr schnell ein. Es brennt dann immer noch, aber es verstopft die Düsen im Brenner und dann – wumm …
Darum schüttet man es in den Tank zurück und füllt den Behälter am nächsten Tag neu mit ganz frischem Brennstoff. Der Tank bedient das ganze Farmgelände. Der kleine Brenner im Stall, das Haus, die Garage und sogar der ganz alte Zugpod, den Pa vor einigen Jahren mit einem Brennstoffzusatzmotor ausgerüstet hat, weil Energiezellen hier draußen so schwer zu bekommen sind.
Die Hände waschend freue ich mich auf das Essen.
»Hast du dich gewaschen?«
Ich schnaufe. Es ist mittag, ich habe Hunger.
»Kann ich mich nachher waschen?«
»Geh dich waschen.«
»Aber Ma … ich …«
»Geh dich jetzt waschen Peter Irnov!«
Ich gehe mich waschen.
Unerwarteter Besuch
Auf Mern lebte ich nahe der Manira Starbase. Meine schönsten Erinnerungen gelten Grandma Maple und ihrem Freund Roger. Er war ein waschechter Sternenschmuggler. Groß und breit gebaut, hatte er einen an den Spitzen weißen Vollbart und tatsächlich trug er auf der rechten Seite eine Augenklappe. In seiner knappen Lederjacke, die seinen gewaltigen Bauch Standardjahr um Standardjahr schlechter umhüllen wollte, hockte er auf der Holzveranda von Grams Haus und erzählte die haarsträubendsten Geschichten über die SUKOT und seine Verbindungen ins Maygi-Piratentum aus seinen besseren Tagen. Ich liebte es, ihm zuzuhören, liebte den Schokoladenpie, den Gram jeden Siebten zauberte und ich liebte die Luft, die ich damals atmen durfte. Merns Luft ist weich, leicht atembar, trocken und samtig. Ihr fehlt dieses nasse Fordern, die Anstrengung, die es braucht, um die brackige Luft Gedans zu verarbeiten. Ich war damals noch sehr klein. Aber ich weiß, was ich vermisse. Etwas zu vermissen ist ein starkes Gefühl. Sie versuchen mir einzureden, ich sei viel zu jung gewesen. Aber wenn ich will, schließe ich meine Augen und stelle mir die abhebenden Frachtschiffe vor. Graue, schmale Streifen, mit diesem typischen wabernden Flimmern unter sich erheben sie sich über die Sperranlagen. Dann zünden sie ihre Atmosphäretriebwerke und reiten auf einem silbernen Schweif gen Horizont.
refusal of taking keeps me from giving
hence i'm not getting, hence i'm not living
seems to be my fate, to be my scheme
fear is fighting, fighting the green
fear is fighting, fighting the green
fighting the green …
Stumm summe ich die Melodie des ururalten Liedes, das Roger mir einst beigebracht und so oft vorgesungen hatte. Ich verstand damals nicht seinen Sinn und kenne bis heute nicht seinen Ursprung. Aber dafür begreife ich nun, was die Worte bedeuten. Wenn ich es beim Brennen singe, überkommt mich eine stille, alles um mich herum erdrückende Trauer. Der Doc sagt, ich hätte Fernweh. Heimweh nach Mern zu haben, gestehen sie mir aber nicht zu. Wie gesagt, ich war ja viel zu klein, um mich zu erinnern.
and again and again i feel this shooting pain
and again hide bmyself behind a wall of distain
reach for a saving hand and again
at the slightest touch in vain
and again and again in vain
and again and again in vain …
fear is fighting, fighting the green
fighting the green …
Wir sitzen am Esstisch. Es ist Ma genau anzusehen, wie sauer sie nach wie vor ist. Der Streit hat in der Küche angefangen. Ich hatte mir gerade das Gesicht gewaschen, als Pa reinkam und mit seinen von Schlamm verdreckten Stiefeln den Boden versaute. Ich sah es sofort kommen, doch der Sturm ließ noch einen Moment auf sich warten. Ma ist keine aufbrausende Frau. Sie ist gütig, eher zu freundlich, begehrt zu selten auf und frisst ihren Kummer in sich hinein. Seit Onkel Hump tot ist zum Beispiel, hat sie kein einziges Mal über ihn gesprochen. Über ein Sj schweigt sie über ihren Bruder, brütet still vor sich hin und erstickt ihre inneren Qualen unter einer dicken Decke aus Arbeit und gemeinnütziger Sorgen. Pa wartet also, bis ich die Spüle frei mache und zieht derweil seine Stiefel aus. Die Schlammbrocken schiebt er mit einem der Stiefel zusammen. Warum er sie nicht draußen ausgezogen hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hatten sie sich in der Nacht – wie so oft – schon über ihr Lieblingsthema gestritten und jetzt wollte er ihr gezielt eins auswischen.
Es gibt in den Statuten der Interimsregierung für Siedler auf Gedan tatsächlich einen Pharagraphen der regelt, wer im Haus entstandenen Schmutz zu entfernen hat. Da heißt es original, die Arbeiter seien angehalten, Schmutz aus den Habitaten fernzuhalten, doch den im Haus arbeitenden Personen (in der Regel den Frauen ersterer) sei es aufgetragen, dennoch entstandenen Schmutz zu bereinigen. Wer regelt denn bitte so etwas und vor allem warum? Versucht das mal den Gedanen zu erklären, liebe Siedler!
Sie sieht sich das Dilemma nicht an, macht einfach weiter mit ihren Vorbereitungen für das Essen. Dann will ich gerade mein Shirt ausziehen, als Pa mich zur Seite schiebt, um sich selbst die Hände zu waschen. Immerhin gibt er überhaupt dem Impuls nach, sich zu säubern. Ich habe schon Tage erlebt, an denen er nicht einmal seine Stiefel ausgezogen hat, ehe er in die Stube hinüberging. Seit Humps Tod ist nichts mehr wie es war.
Nachdem er seine Hände gewaschen hat, schiebt er mich weiter ins Esszimmer. Ich sehe nach hinten, sehe die Augen meiner Mutter, die mir folgen. Ich weiß, was sie sagen, aber ich kann nichts tun.
Jetzt sitzen wir hier. Sie haben nur kurz geschrieen. Warum? Weil! Der Junge kann doch wenigstens … Nein, denn ich habe den ganzen Tag hart gearbeitet und will jetzt essen, sofort!
Ich will einwenden, dass es gerade mal Mittag ist und man dann schlecht von einem ganzen Tag harter Arbeit ausgehen könne, aber ich weiß genau, wie sinnlos es ist, überhaupt irgendetwas hinzuzufügen.
Mabe hat dieses Stadium der Erleuchtung nicht erreicht. Sie wird es auch nie erreichen. In ihr schlummert der ungebrochene Zorn der befreiten Sklavin, die niemals ihre Vergangenheit vergessen wird. Sie springt also endlich auf, wie eine Jagdspinne schnellt sie empor und kippt dabei ihren Stuhl hintenüber. Rumpelnd landet er auf dem Boden. Pa will ebenfalls aufstehen, aber er sitzt zu nah am Tisch und bleibt mit den Oberschenkeln an den dicken Plastikplanken hängen. Die Terrine schwappt über, ein See aus heißer Gemüsebrühe kommt auf mich zu. Langsam schiebe ich meinen Stuhl ein Stück zurück. Mabe ist weg. Das Trampeln ihrer Schritte auf der Treppe verrät ihren Fluchtplan. Sie wird zuerst in ihr Zimmer stürmen, dann ihr Heil auf ihrem Bett suchen. Dort wird sie es nicht finden, also wird sie weinen, mehr weinen und dann wird sie einschlafen. Sie ist müde, immer müde. Sie chattet die ganze Nacht mit ihrer Freundin in New Dern. Paulize ist ihr Name. Ich habe sie letzten Sommer auf Mabes Geburtstag kennengelernt. War ein trauriger Anlass. Alles war von Onkel Humps Tod überschattet gewesen.
Pa bleibt sitzen und Ma rinnen die Tränen über das Gesicht. In voller Konzentration hält sie geziemt ihren Löffel in Schräglage und beginnt zu essen, als könne sie damit die Ordnung wiederherstellen. Aber hier kann nichts wiederhergestellt werden. Sicher nicht. Tot ist tot.
Trotzdem schiebe ich meinen Stuhl wieder nach vorne und lege meine Servierte auf den, in die Tischdecke einziehenden, Fleck. Schnell wird der Stoff dunkel. Pa schlürft Suppe. Seine dunklen gekräuselten Haare hängen schweißnass in seine Stirn. An den Schläfen werden sie grau. Seltsam, wie jung und alt er gleichzeitig aussieht. Die Feuchtigkeit hier scheint alles zu konservieren. So erodierend sie sich auf den Geist und die Seele der Menschen legt, so regenerierend scheint sie sich auf deren Haut auszuwirken. Ich sehe oft die Crewmitglieder der Gesellschaftstransporter. Sie sehen meist alt und verbraucht aus, aber ihre Augen wirken dafür so lebendig, als hätten sie alles gesehen, was ein Mensch jemals braucht, um wirklich glücklich alt zu werden. Die Siedler auf Gedan lassen dieses Leuchten auf schmerzliche Weise vermissen.
Ma schafft es, in über zehn Minuten nur zwei Löffel der Suppe zu sich zu nehmen. Es ist, als wolle sie einen neuen Rekord im Langsamessen aufstellen. Dafür hat Pa jetzt seinen Teller an die Lippen gesetzt und schlürft lauthals die Reste in sich hinein. Dann setzt er ihn jovial ab und langt nach der Suppenkelle, um ihn erneut zu füllen. Er isst sehr viel in letzter Zeit. Dennoch ist er dünn, fast dürr. Wenn er sich wäscht (er tut dies, wenn überhaupt, nur noch in der Garage), kann man deutlich seine Rippenbögen sehen. Ma hat ihn schon mehrfach gebeten, zum Doc nach New D zu gehen, aber er weigert sich. Er hat nichts für Ärzte übrig. Wenn Ma dann weiter insistiert, streiten sie jedes Mal. Sie streiten sowieso jedes Mal. Also praktisch jeden Tag. Ma wird es nie müde zu versuchen, ihn auf den rechten Pfad zurückzuführen und er … nun, er fühlt sich Wohl in seiner Rolle als verlorenes Schaf. Er fühlt sich schuldig und die Schuld hält ihn davon ab, voran zu denken. Er hat sich in die Vergangenheit gekrallt, der einzige Weg, nicht in die Zukunft blicken zu müssen. Denn ein Blick in die Zukunft würde ihm zeigen, wohin wir gehen. Ein einziger Blick …
Nach dem Essen helfe ich Ma beim Saubermachen. Ich wische den Boden nass auf und sammle die Schmutzklumpen ein, die Vaters Stiefel hinterlassen haben. Danach bringe ich den Müll in den Aufbereiter und dann putze ich die Fenster von innen. Von außen Fenster zu putzen ist mir zuwider. Ab und an macht es Ma. Es hält dann für einen halben Tag. Dann setzen sich erneut Algen ab und was weiß ich, was für Substanzen noch, die das Glas streifig und stumpf aussehen lassen. Nach dem Putzen wasche ich mich ohne Murren und ziehe frische Kleidung an. Ich versuche so, Mam wortlos aufzumuntern, doch sie merkt es, als sei es ein billiger Jahrmarktstrick und ihr dankbares Lächeln erreicht prompt ihre Augen nicht.
Später helfe ich meinem Vater auf den Feldern. Vom Zugpod aus sehe ich, wie Mabe die Pferdchen füttert. Sie fächert das Heu aus und wendet es immer wieder, als könne sie es so vor der Feuchtigkeit des Bodens bewahren. Unmöglich, und selbst wenn, die Feuchtigkeit der Luft kriecht hier überall hinein, bis sie alles erobert und durchsetzt hat.
Mareh-Betrix hat einen festen Wickelrock um ihre Hüften geschwungen, wie es alle Landfrauen in der Gegend des Tangolo zu tun pflegen. Der Stoff ist dick und man könnte sich wundern, dass sie darunter nicht schwitzen. Die Antwort ist einfach: Sie schwitzen darunter. Aber unter dünnem Stoff würden sie ebenfalls schwitzen. Tangolesische Wickelröcke schützen vor Bremsen und anderem Ungeziefer. Rede ich von schrecklichen einheimischen Bestien? Weit gefehlt! Die Bremsen haben wir hierher gebracht und sie haben sich zu einer schrecklichen Plage herausgeputzt. Es gibt auf Gedan derzeit keinen nennenswerten Fressfeinde für die fingerlangen fliegenden Blutsauger. Sie ernähren sich von unseren Nutztieren und haben laut wissenschaftlicher Studien schon mehrere der ursprünglichen Arten Gedans verdrängt. Die Bremsen selbst haben sich in der Atmosphäre des Planeten verändert. Sie sind größer und widerstandsfähiger geworden, können deutlich schneller fliegen und brauchen vor allem weit mehr Blut als ihre nicht von Gedan stammenden Vorfahren. Mit einem einfachen Schlag mit der flachen Hand kann man den Panzer einer Gedanbremse nicht zerquetschen. Da muss man schon wirklich fest zuschlagen. Daher haben wir Holzspatel in jedem Zimmer. Und am Zugpot auch. Darum die dicken Röcke. Auch die Männer ziehen dicke Kleidung vor. Wer will schon mit faustgroßen schwärenden nässenden Geschwülsten herumlaufen?
Ich beobachte verstohlen, wie sich Mabe bückt und mit der Gabel das Heu auflockert. Ihr Wickelrock gibt ihre Knöchel frei. Ich bin eine visuell veranlagte menschliche Bremse. Die Pferdchen springen um ihre Beine herum. Sie muss aufpassen, sie nicht mit den Zinken zu erwischen. Ich sehe sie lachen. Sie lacht oft. Meine Schwester ist im Grunde ihres Herzens eine wahre Frohnatur. Das entspricht wohl ihrer genetischen Herkunft.
Beinahe falle ich vom Antriebskasten, als Pa über einen Stumpen holpert. Gerade so kann ich mich noch am Handlauf festhalten. Er hält an. Seine Hand wandert zur Flasche. Ein einzelner Sonnenstrahl blendet mich durch das Glas und die klare Reinheit des Kirnosk. Dann schraubt er mit dem Daumen den Verschluss auf und setzt die Flasche zu einem großen letzten Schluck an. Der Deckel gleitet über den Rand des Sitzes und zwischen seinen Oberschenkeln hindurch hinunter in den Morast. Dann holt er aus und kurz darauf höre ich das auf und ab schwelende Pfeifen der leeren Flasche, die über die Nabanugi-Stauten hinweg torkelt und schließlich zwischen den Pflanzen verschwindet. Wäre Glas ein Dünger, unsere Felder würden besonders gut gedeihen.
Der Stumpen ist wenigstens einen Meter lang und man kann genau sehen, wieviele Wurzeln er schon entwickelt hat. Pa kommt um den Zugpot herum gestapft. Wir stehen bis zu den Knien im Nabanugi-Wasser. Es ist weiß und voller Stärke. Wenn man es auf der Haut hat – man hat es dauernd und überall auf der Haut – fühlt es sich wie eine Art Antiseife an. Es ist einerseits schmierig, andererseits macht es nicht sauber.
Er reibt sich den Bart und wischt sich schließlich mit dem Handrücken das wirre Haar aus dem Gesicht. Unwillkürlich mache ich die selbe Bewegung. Als ich es merke, ist es mir peinlich, aber ihm nicht. Er nimmt mich nicht wahr. Nicht in diesen Einzelheiten. Natürlich bin ich da und natürlich liebt er mich als seinen Sohn, aber seine Aufmerksamkeit gehört den Problemen seines Alltags und von diesen hat er mehr als für ihn gut ist. Der Stumpf ist eins dieser Probleme.
Stümpfe kommen aus dem Wald. Es handelt sich bei ihnen um (für Pflanzen) hoch agile Lebensformen, die in ihrer Keimphase als meterlange ›Stumpen‹ durch die Gegend kriechen und dann an besonders nährstoffreichen Stellen liegen bleiben und Wurzeln ausbilden. So kann es passieren, dass man über Nacht in einem Feld mehrere dieser Plagegeister hat und am nächsten Tag die Fahrrinnen nicht mehr benutzen kann. Nabanugi-Stauden sind zwar recht genügsam, aber Stumpen sind es nunmal nicht und wo sich so eine Parasitenpflanze niedergelassen hat, gibt sie ein starkes Herbizid ab und vernichtet so alle Konkurrenten in einem Umkreis von wenigstens zehn Metern. Zehn Meter tote Nabanugi-Stauden kann man als Problem empfinden, mit und ohne Kirnosk. Also muss der Stumpf da weg. Man hat versucht, die Dinger mit Vibromessern zu zerschneiden, um sie abzutöten. Bringt gar nichts. Die übrigen Teile wurzeln einfach weiter. Herbizide gegen Stümpfe hat man bisher noch keine entwickeln können. Stimmt so nicht ganz. Es gibt Gifte, mit denen man die Dinger klein bekommt, aber diese sind dann in der Lage, ein komplettes Nabanugi-Feld flach zu machen. Nein, es gibt nur einen einzigen Weg, einen Stumpf loszuwerden. Man muss ihn mühsam ausgraben, seine längsten Stammwurzeln, sozusagen seine Schwänze kappen und den Rest mit dem Zugpot herauszerren. Dann kann man ihn zum Haus bringen, ihn klein sägen und als Feuerholz verwenden. Oder man trocknet ihn, wenn man nicht allzu wütend über die Umstände ist, die er einem gemacht hat und bringt ihn auf den Markt. Das Stumpenholz ist sehr beliebt, da man daraus hervorragende sehr witterungsbeständige Werkzeugteile herstellen kann. Eine Axt mit einem Stumpenholzgriff ist nahezu unverwüstlich. Die Gedanen nutzen fast ausschließlich Stumpenholz für ihre verschiedenen Werkzeuge.
Pa versetzt dem Ding einen ordentlichen Tritt mit dem Stiefel und verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse des Schmerzes. Muss weh getan haben. Es fällt ihm schwer, die Kontrolle zu bewahren. Ich gehe in die Hocke, um mir das Desaster näher anzusehen und berühre mit meinem Hintern dabei die Wasseroberfläche. Sofort stehe ich wieder auf. Igitt. Währenddessen holt Pa einen Spaten vom Pot und beginnt die Kette an den Zugösen zu befestigen. Er wirft mir den Spaten zu und beinahe hätte ich ihn an die Stirn bekommen. Er rutscht mir aus der Hand und landet platschend im Wasser, aber Pa hat sich schon wieder dem Zugpot zugewandt. Ich lange nach dem Werkzeug und werde noch nasser als ich es ohnehin schon bin. Dann beginne ich blind die obersten Wurzeln mit dem Spaten zu ertasten und sie dann abzutreten. Das ist auf dem glitschigen Boden gar nicht so einfach. Mehrfach rutsche ich ab und stürze beinahe vollends in die Brühe. Dann aber treiben die ersten Wurzeln an die Oberfläche und Pa bückt sich neben mir mit seinem Vibromesser und ertastet die drei dicksten Schwänze der Pflanze. Blubbernd beginnt die Klinge mit ihrer Arbeit und das entstehende Pflanzenmehl färbt das ohnehin trübe Wasser gelb, als hätten wir hineingepinkelt. Die Arbeit geht schleppend voran und immer wieder steht Pa auf, flucht und geht zum Pot, als suche er etwas. Aber wir wissen beide, dass er das, was er gerne hätte, nicht finden wird. Es gibt keine Ersatzflasche. Im Haus gibt es noch was, obwohl er es vor Ma verstecken muss. Aber er ist gerissen und schafft es immer wieder Orte zu finden, an denen sie niemals suchen würde.
Nach über einer Stunde haben wir es geschafft. Der Stumpen ist soweit frei, dass wir versuchen können, die Kette um ihn zu legen. Pa langt ganz tief ins Wasser und versucht sein Glück, aber es ist gleich ersichtlich, dass er es eben nicht schaffen wird. Er sieht mich an. Soll ich untertauchen? Er nickt müde. Also strecke ich mich, ramme den Spaten ins Erdreich und ziehe mein Hemd aus, um es an dem Knauf aufzuhängen, so dass es nicht ins Wasser fällt. Dann atme ich tief ein, nehme Pa die Kette aus der Hand und tauche unter. Natürlich kann man in der Nabanugi-Brühe nichts sehen, also lasse ich die Augen geschlossen. Ich taste nach dem Stumpf und den Aushöhlungen, die Pa mit seinem Messer geschaffen hat. Leider muss ich schnell wieder auftauchen. Ich schüttele mich und pruste und wische mir das Wasser aus dem Gesicht. Gleich nochmal. Erneut taste ich nach der richtigen Stelle. Da höre ich unter Wasser eine fremde Stimme. Sofort tauche ich erneut auf und als ich es geschafft habe, mir den Dreck aus den Augen zu blinzeln, sehe ich Pa mit einem fremden Riesen reden. Geradezu geschockt greife ich, ohne den Fremden aus den Augen zu lassen, nach meinem Hemd und streife es schnell über. Dann nehme ich den Spaten an mich und wate neben meinen Vater. Der Zugpod deckt meine schmale Gestalt ab und ich lege meine Wange an das warme nasse Metall des Fahrzeugs, während ich neugierig den großen fremden Mann mustere.
Er ist mehr als einen ganzen Kopf größer als mein Pa und dieser ist wirklich nicht gerade ein kleiner Mann. Außerdem ist der andere wenigstens doppelt so breit wie mein Vater. Das ist jetzt eher keine Kunst, so ausgemergelt mein Pa ist, aber der Fremde ist wirklich ein Brocken von einem Mann. Er trägt nur dünne, eng anliegende Lederkleidung und so kann man seine geradezu unglaublichen Muskelwülste an Armen und Oberschenkeln erkennen. Sein Hals ist so dick, dass er mit absoluter Sicherheit in kein einziges Kleidungsstück hineinpassen würde, das wir auf der Farm besitzen. Pechschwarz ist seine Haut und seine, um die Ohren ausrasierten, Haare sind hellgrau. Vor allem seine rötlichen, sehr dunklen Augen empfinde ich als unheimlich. Das kann unmöglich ein Mensch sein. Ich durchforste mein Hirn nach den wenigen anthropologischen Kenntnissen, welche die Schule auf Mern mir hinterlassen hat und finde nichts, das zu dem Hünen passen würde. Als er spricht klingt seine Stimme in einem tiefen Bariton und wird nicht von einem Pad übersetzt oder unterstützt. Der Klang seiner Worte ist fremdartig und mit einem seltsam gutturalen Knurren unterlegt und dennoch verstehe ich jedes Wort ganz klar und deutlich.
»Auf mich wirkt es aber so«, sagt er und ich erkenne trotz des Knurrens, dass er nicht unfreundlich ist.
Pa hebt die Hand und schüttelt energisch den Kopf. »… Sag ihnen doch, kommen zurecht.«
Mein Pa war noch nie ein linguistisches Genie, aber seit er angefangen hat, seine Seele an den klaren Geist des Kirnosk zu verkaufen, sind seine grammatikalischen Ergüsse zur primitiven Mundart der ersten Farmer verkümmert. Auch darüber streitet sich Ma oft mit ihm. Seine Antworten schüren ihren Ärger dann jedes Mal.
Der Riese nickt und greift an seinen Gürtel. Dort hängt ein großer, irgendwie technisch wirkender Behälter an einer Art Karabinerhaken. Er öffnet Letzteren und betätigt einen großen Schieberegler an dem Ding. Es zischt laut und beginnt zu dampfen. Es ist eine Art Kühlaggregat. Er nimmt einen tiefen Schluck und lässt seinen Blick absichtlich über die Felder schweifen, als sei er für einen Erholungsurlaub hierher gekommen. Pa erkennt seinen Irrtum schnell. Er kann es praktisch riechen, was der Fremde da trinkt. Er kennt es nicht, aber er weiß, was es ist und er will es haben. Unruhig wie eine in Gefangenschaft geratene merner Waldkatze, verlagert er sein Gewicht von einem auf den anderen Fuß, bis der Fremde schließlich absetzt und ihm den riesigen, entfernt an eine Flasche gemahnenden Behälter vor die Nase hält.
Pa greift natürlich zu und trinkt in tiefen Zügen.
»Śahadi Bijara, das beste Bier meiner Heimatwelt. Es wird aus der Hani-Gerste gewonnen«, höre ich den Riesen knurren. Viele der Worte sagen mir nichts. Aber ich begreife, dass er meinen Vater mit seiner Droge versorgt hat und zweifelsfrei wusste, was er da tat. Das ärgert mich und nimmt mich automatisch gegen den großen schwarzhäutigen Mann ein. Dann greift der Kerl mit einer seiner Pranken nach dem Behälter. Pa will ihn nicht loslassen, aber der Fremde ist natürlich um das Vielfache stärker und dann reicht er mir das Zeug.
»Probier, es ist gut gekühlt und dank der Staseflasche frisch wie am ersten Tag.«
Mir ist heiß, ich versuche den Fremden zu hassen, aber es ist heiss und ich habe Durst. Außerdem, vielleicht zerreisst er mich, wenn ich sein Angebot ablehne. Wer will sterben, weil er ein Bier abgelehnt hat? Also nehme ich den beschissenen Stasebehälter, oder was auch immer das Ding sein soll, und genehmige mir auch einen tiefen Schluck. Das Ergebnis ist unglaublich. Süß und herb zugleich und mit einer so fremdartigen Frische erfüllt mich das durchaus spürbar alkoholhaltige Getränk. Es beschwingt mich, macht meinen Kopf frei, es ist wie ein Reinigungsmittel, das die Transportwege meines Körpers durchflutet und so dem Licht der Außenwelt Einlass gewährt. Schnell trinke ich erneut, als mein Vater auch schon wieder nach der Flasche greift.
»Gut nicht?«
Ich nicke nur und sehe zu, wie Pa trinkt, ohne zu schlucken. Ich frage mich, wie er das macht.
»Mein Name ist Deblagi Torma. Ich komme von der Landung bei New Derk und will nach Saban.«
»Hallo«, sage ich und ärgere mich sofort, denn meine Stimme klingt irgendwie nur doof. Seinen Namen habe ich nicht richtig verstanden.
Pa sagt zwischen zwei Schlucken: »Mein Name ist Thomes Irnov, mein Sohn Piti.« Er deutet mit dem Behälter auf mich und will ihn erneut ansetzen, aber der Fremde greift danach und nimmt ihn ohne sichtliche Kraftanstrengung an sich. Wieder ärgere ich mich. Diesmal nicht über den Fremden. Mein Name ist Peter, nicht Piti. Er weiss, dass ich die Verniedlichung meines Namens ablehne. Warum muss er mich gerade einem Fremden gegenüber so nennen?
Vaters Blick ruht auf der Staseflasche. Der Fremde klickt ihn an seinen Gürtel, wo ich jetzt auch eine ziemlich große Handfeuerwaffe und ein breites Messer wahrnehme. Ein Söldner?
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Männer Waffen tragen. Verboten ist es ebenfalls nicht. Es ist verboten, andere damit zu töten. In der Hinsicht gibt es ganz eindeutige Gesetze, aber das Tragen von Waffen und Werkzeugen steht jedem frei.
Mit der Faust stoße ich Vater in die Seite. Er blickt mich kurz an, dann nickt er, ehe er sagt: »Äh ja, können heute bei uns übernachten Mr. Ist die letzte Farm zwischen dem Wald und der Basarstadt auf der andren Seite. Wird bald dunkel.«
Noch drei Stunden, entnehme ich schnell meinem Armreif. Ich würde es vorbringen, wenn der Fremde Gegenargumente hätte. Hat er aber nicht. So weit ich das erkennen kann, drücken seine fremdartigen Augen Dankbarkeit aus. Geschmeidig nickt er und greift hinter sich, wo er seinen wasserdichten Reisesack abgestellt hatte. Was mochte da nur drin sein? Platz wäre für eine durchschnittliche Farmerfamilie und deren Pferdchenherde. Der Kerl packt sich das Ding auf den breiten Rücken und ignoriert das Nabanugi-Wasser, das ihm in Strömen über die Lederkleidung läuft. Da wird sich Mam aber freuen.
Dann aber hält der Riese inne und deutet auf das Wasser hinter dem Zugpod. Pas Blick folgt den gewaltigen Fingern und seine Schultern fallen herab. Stimmt, der Stumpf. Doch wer Pech mit einem Stumpf hat, braucht eindeutig einfach einen Riesen. Denn dieser legt behänd seine Sachen auf das Heck des Pods, stellt sich wortlos mit gespreizten Beinen über den Stumpf und streckt seine Arme unter die Wasseroberfläche. Prüfend untersucht er mit den Fingern die abgetrennten Wurzeln. Dann spannt er mit einem zufriedenen Nicken die Muskeln an und ich befürchte sofort, seine Lederkleidung müsse zerreissen. Doch sie hält. Dem Stumpf allerdings ist dieses Glück nicht beschieden. Knackend und trotz aller Gegenwehr muss er sich den Überkräften des schwarzen Giganten geschlagen geben. Schließlich richtet dieser sich auf und präsentiert uns seine Trophäe. Der Stumpf liegt wie ein nasses totes Tier in seinen Armen. Pa und ich hätten das Ding nicht zu zweit anheben können. Wir hätten es hinter dem Zugpot hergeschleppt und Zuhause zersäbelt. Mühelos hievt unser Helfer den Stumpf auf die seitliche Ladefläche des Pods und zurrt ihn mit den dort befindlichen Lederriemen fest. Man sieht ihm an, dass er diese Art der Arbeit gewohnt ist, aber ein Farmer ist er darum dennoch nicht. Nie im Leben.
Während der Fahrt sagt er uns erneut seinen Namen: dbAlagi Torma. Wir können ihn einfach Mr Torma nennen. Mit dem Vornamen würde ich mir schwer tun. Mr Torma ist dagegen gar kein Problem. Er fragt, ob er Pa Mr Irnof nennen könne. Dieser korrigiert ihn. Das ›V‹ in Irnov spricht man eher wie ein weiches ›W‹ aus. Da ist mein Pa sehr eigen. Mr Torma verspricht in seiner knurrenden Aussprache, sich Mühe zu geben und lacht dabei. Wenn er lacht sieht, man seine extrem weißen Zähne, die so groß wie Zuckerwürfel sind. Um seine Augen bilden sich tiefe Lachfalten, schwarz in schwarz. Seine Haut glänzt wie seine Lederkleidung. Sie ist so schwarz, wie die tiefste, dunkelste Nacht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man einige kleine Narben auf seinen Händen und eine ziemlich große am linken Oberarm. Natürlich traue ich mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Sprich nie einen fremden Riesen auf dessen Narben an!
Daheim bremse ich Pa, indem ich mich vor die Tür stelle und demonstrativ die Stiefelschnallen öffne. Er will sich zuerst an mir vorbei drücken, aber dann öffnet der Riese ebenfalls die breiten Verschlüsse seines technisch anmutenden Schuhwerks und damit gibt sich Pa geschlagen. Sicher ein seltsames Bild, wie wir, ein schmaler junger Mann, sein hagerer großer Vater und ein den letzteren um die dreifache Masse überragender Titan, sich artig die Schuhe ausziehen, um die gute Stube der Mutter nicht zu beschmutzen. Aber genau so läuft es nunmal ab. Ich bin stolz auf mich. Beim Eintreten muss Mr Torma den Kopf einziehen und seinen Seesack zusammendrücken, um durch die Tür zu passen. Man kann das Entsetzen in Mas Gesicht klar und deutlich erkennen. Schwarz, gigantisch, bewaffnet – diese Attribute spiegeln sich in ihren weit geöffneten Augen wieder. Dennoch deutet sie höflich eine Verbeugung an und streckt ängstlich zögernd die Hand aus. Mr. Torma erwidert den Gruß und lächelt sie freundlich an. Pa ist in der Küche verschwunden. Ohne ein Wort. Es bleibt also an mir, den unerwarteten Besucher vorzustellen. Ich versuche seinen Vornamen richtig auszusprechen, bleibe dann aber erneut an der ersten Silbe hängen und begnüge mich mit dem Nachnamen. Ebenfalls stelle ich meine Mutter vor und erkläre ihr schnell den Grund für Mr Tormas Hiersein. Ich beschreibe ihr, wie mühelos er uns draußen in den Feldern mit einem wirklich großen Stumpf geholfen hat. Ma nimmt sich zusammen und fährt ihren Schild der korrekten Gastfreundschaft hoch. Ob er etwas Nabanugi-Tee trinken wolle, sie hätte ihn gerade abgeschöpft, ja danke, aber nehmen sie doch Platz. Mit einem schrägen Blick mustere ich die Holzstühle. Der von Mr Torma ausgesuchte Stuhl knarrt ein wenig, hält den gewaltigen Mann aber gut aus. Beruhigt helfe ich Mam mit dem heißen Wasser. Nabanugi-Tee – klar. Das Zeug entsteht, wenn man Nabanugi kocht. Es ist stärkehaltig und schmeckt wie heißes Brackwasser. Ich werde nie verstehen, wie man das Zeug lieben kann. Es war, so mein Pa, das erste Zugeständnis an die fremde Welt, als meine Eltern damals mit dem Frachter der ComTrans hierher gebracht worden waren. Ma hatte zwar Tee von Mern dabei, aber dieser war zweifelsfrei endlich und somit war sie heilfroh, einen für sie adäquaten Ersatz gefunden zu haben. Ich finde das Zeug eklig. Na ja, wenigstens war es gekocht, was dazu führen sollte, dass alle Bakterien und andere Lebensformen in der Pflanzenbrühe möglichst tot sein sollten. Dennoch, es ist eklig. Mr Torma scheint dies nicht so zu sehen. Zur sichtlichen Freude meiner Mutter nimmt er die für ihn winzige Tasse, spreizt seinen Finger ab und nimmt einen Schluck des Zeugs. Seine Augen verengen sich prüfend, dann bewegt er die schmalen Lippen hin und her und schließlich schluckt er genüsslich herunter. »Aah«, kommt es guttural aus seiner Kehle. »Hervorragend im Abgang.« Ma klatscht kurz in die Hände, so sehr freut sie sich über die angewandten Benimmregeln des fremdartigen Mannes. Dann ist ihr ihre infantile Handlungsweise so peinlich wie mir und sie wird rot um die Wangen. Schnell in die Küche, es gibt noch so viel vorzubereiten. Ich sehe wieder das Lächeln in den Augen von Mr Torma.
Super ist auch die Reaktion meiner Schwester. Sie kommt in ihren Schlabberhosen, die sie wirklich wirklich ausschließlich und nur im Haus und außerdem nur vor uns trägt, die Treppe heruntergehoppelt, übersieht den schwarzen Titanen am Esstisch, hüpft vor der Küche auf und ab und fragt mehrfach in kindlichem Quengelton, wann es endlich was zu futtern gäbe. Ihre Haare sind nass. Sie hat gerade geduscht. Macht Sinn, da sie wahrscheinlich eben erst von der Koppel zurück gekommen ist.
Ich tippe ihr auf die Schulter und sie fuchtelt ärgerlich meine Hand zur Seite.
»Das ist meine Schwester, Mareh-Betrix, Mareh-Bertrix, das ist Mr Torma …«
Sie sieht mich an und dann erkennt sie, was ihr Unterbewusstsein schon auf der Treppe wahrgenommen, ihr Verstand aber nicht hatte wahr haben wollen. Langsam dreht sie sich zu den Fenstern um und sieht der Wahrheit in die rötlichen Augen.
Mabes Haut hat einen erdigen violetten, fast eher bläulichen Farbton. Wenn sie errötet, wird aus dem Ganzen eine Art leuchtendes Magenta. Ich muss lachen, es geht einfach nicht anders. Ihrer Kehle entschlüpft ein: »Wer …?« Doch dann ist sie auch schon weg. Rekord im Ein-Stockwerk-Treppen-Sprint. Mr Tormas Augen drücken Besorgnis aus, ich winke ab und entschuldige mich für meine Familie. Dann gehe ich die Treppe hoch, um zu retten, was zu retten ist.
Gastfreundschaft
Wir sitzen am Esstisch. Die Teller sind noch leer, aber Ma ist gerade dabei aufzulegen. Es gibt Stärkeklöße, Krautbeilage und den obligatorischen Braten. Genauer gesagt zwei Braten, denn die Anwesenheit eines Riesen macht immer mehr Fleisch erforderlich. Versteht sich. Die Pferdchenbraten sind nicht frisch. Sie kommen aus dem Kühlgerät. Frisch hätte bedeutet, zwei Pferdchen schlachten zu müssen und dafür hätte die Zeit einfach nicht gereicht. Das Fleisch braucht lang bis es genügend abgehangen ist. Darum eben Braten aus dem Kühlkeller. Macht nichts. Ohne Mr Tormas Besuch hätte es Brühe, Minestrone, Brot mit Aufstrich oder sonst was banales gegeben. So hat Ma gezaubert und ein Festtagsessen aufgefahren. Der Raum ist erfüllt von dem süßsauren Duft des Krauts und dem des deftigen Bratenfetts. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich sehe mit Freude, dass auch Mr Tormas Augen eine gewisse Gier und Vorfreude zum Ausdruck bringen. Sicher ist er diese Art der Hausmannskost nicht gewohnt. Niemand in der Galaxie kocht so gut wie meine Mutter. Niemand!
Ich schiele zu Mabe hinüber. Sittsam hockt sie auf ihrem Platz und versucht, nicht vorhanden zu sein. War ein hartes Stück Arbeit gewesen sie zu überzeugen, sich umzuziehen und wieder mit hinunter zu steigen. Sie trägt jetzt ihr schönstes, wenn auch sittsamstes Stadtkleid. Das helle mit den gelben Punkten, das so schön mit ihrer blauen Haut harmoniert. Ich mag es, wenn sie dieses Kleid trägt. Sie sieht darin einfach wunderschön aus. Klar, sie sieht in allem wunderschön aus. Versonnen sehe ich zu, wie Ma ihr die Schöpfkelle für die Klöße reicht. Mareh-Betrix steht auf und beginnt, unserem Gast Essen auf den Teller zu schaufeln. Sie hört erst auf, als dieser sich einige Zentimeter von seinem Stuhl erhebt und damit verhindert, alle Klöße für sich allein zu bekommen. Ein kleines Ziehen fährt mir in die linke Brust.
Als alle ihre Teller gefüllt vor sich stehen haben, dankt Mam den Göttern für ihre Gnade. Verstohlen schiele ich zu Mr Torma hinüber, aber ihm ist keine Reaktion anzusehen. Er sitzt da und hat seinen Blick ins Nichts gerichtet. Wie Ma. Glaubt er auch an übernatürliche Wesen, die unser Schicksal lenken und machen, dass wir tiefgekühlten Pferdchenbraten auf dem Tisch haben?
Dann gibt Ma den Startschuss und wir dürfen endlich loslegen. Pa greift direkt zu der Weinflasche, die er extra des Gastes Willen aus dem Keller geholt hat. Sonst trinkt er nicht beim Essen. Seltsam, oder? Er wartet damit bis nach dem Essen, weil er Mas Blicke nicht ertragen kann und diese ihm sonst den Appetit verderben. Vielleicht wartet er auch, weil er später nie teilen muss. Fast widerwillig füllt er das Glas von Mr Torma, dann führt er die Flasche über sein eigenes, besinnt sich im letzten Moment und bedient zuerst seine Frau. Wir Kinder bekommen ein halbes Glas. Wir sind in Wahrheit beide erwachsen und volljährig – in jeder ComTrans-Bar bekämen wie ohne Probleme Alkohol ausgeschenkt – aber hier im Farmhaus sind wir die Kinder.
Mr Torma probiert von dem Wein und nickt Pa dankbar zu. Dieser prostet linkisch zurück und trinkt sein Glas direkt aus, um Platz für eine weitere Füllung zu schaffen. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meinen Teller.
Nach dem Essen sitzen die beiden Männer am Tisch und unterhalten sich mit gedämpften Stimmen. Pa hat die dritte Flasche geöffnet, weil er weiß, dass Ma ihn heute nicht bremsen wird. Zu peinlich wäre ihr eine Auseinandersetzung vor dem Gast.
Mabe und ich helfen ihr in der Küche. Ich versuche zu verstehen, über was im Esszimmer gesprochen wird, bekomme aber nur Gesprächsfetzen mit. Mr Torma stammt von einer Welt namens Usec. Nie gehört. Er sei ein Transportingenieur – was auch immer das sein mag – auf dem Weg zu einer der neuen ComTrans-Landeplattformen, auf der anderen Seite Sabans. Dort hätte er Vermessungsarbeiten zu verrichten. Sein nächstes Ziel sei danach der Grenzplanet Asam. Über Asam weiß ich einiges. Eine Welt am Rande der SUKOT, hin zur Tanbarischen Zone. Eine der best bewachten Kirn-Welten. Kann man Vermessungsarbeiten mit einem Plasmablaster verrichten?
»Hast du jemals einen so großen Mann gesehen?« Mabe hat sich neben mich geschlichen, trocknet ein Glas ab und schielt an mir vorbei, um Mr Torma sehen zu können.
Ich schüttle den Kopf und tue so, als interessiere mich der Fremde überhaupt nicht.
»Von was für einer Welt er wohl kommen mag?«
»Kein Plan«, flüstere ich und bin ganz unbeteiligt. Ma braucht schließlich dringend unsere Hilfe.
»Was hat er denn alles erzählt, draußen auf dem Feld? Und hat er wirklich den Stumpf einfach so aus dem Wasser gezogen?«
Ja und sicher scheißt er auch Brikett … will ich antworten, aber ich verkneife mir die blöde Bemerkung und räume die Töpfe in den Hängeschrank. Ma nestelt in der Spüle herum und trocknet sich dann geschäftig die Hände ab. Ich sehe ihr an, dass sie ebenfalls neugierig ist.
»Nein«, murmle ich leise. »Er hat praktisch nichts über sich gesagt. Frag ihn doch.«
»Wir wollen nicht unhöflich zu unserem Gast sein«, sagt Mam in ruhigem ernsten Ton, aber ich weiß ganz genau, wie gerne sie Mr Tormas Geschichte zu hören bekommen würde. Hier draußen auf den Feldern gibt es nicht viel Abwechslung. Zwischen der Aussaat und der Ernte gibt es Standardjahr um Standardjahr oft nichts als Arbeit. Ab und an eine Hochzeit, ein Todesfall oder tatsächlich ein Fremder, der sich zu uns verirrt. Einen Riesen aber, den hatten wir noch nie.
Mabe spielt mit ihren rabenschwarzen Haaren. In der anderen Hand hat sie immer noch das Glas. Ich nehme es ihr ab und stelle es auf das Regal. Sie sieht mich an: »Was denn?«
Ich schüttle den Kopf.
»Nichts«, flüstere ich.
In ihren Augen spiegelt sich die Galaxie. Sie ist nicht wirklich meine Schwester. Klar, hätte sie blaue Haut, wenn sie es wäre? Ma und Pa haben sie adoptiert. Zwei Standardjahre vor meiner Geburt. Damals, auf Mern dachte Ma, sie könne keine Kinder bekommen und die beiden hatten nicht die Credits, um sich in ein genetisches Empfängnisprogramm einzuschreiben. Mabe ist die Tochter eines Arbeitskollegen von Pa. Sie weiß das natürlich. Ich kenne nur einen Teil der Geschichte, obwohl ich Vater schon hundert mal danach gefragt habe, aber er redet nicht gerne darüber. Von Ma bekommt man zu der Thematik nur eine einzige Antwort: Mareh-Betrix ist deine Schwester und wir lieben sie. Alles andere ist egal. Das stimmt schon. Ich liebe sie. Sie ist auch so eine Art Schwester. Aber eben nicht so richtig. Darum liebe ich sie aber keinen Deut weniger. In stillen Stunden, vor allem nachts in der Dunkelheit meiner Schlafkammer, wird mir oft schmerzlich bewusst, wie sehr ich sie liebe.
Ihre Eltern sind bei einem Schiffsunfall ums Leben gekommen. Soviel ich weiß, waren sie auf dem Weg gewesen, Mabe von der Schule abzuholen. Sie waren von einem ComTrans-Auftrag zurückgekehrt und wollten ihre Tochter mit in einen gemeinsamen Urlaub nehmen. Das Schiff hat den Austritt beim Sprungpunkt vor Mern nicht geschafft. Schiffe, die im Zwischenraum hängen bleiben, sind verloren. Ich weiß nicht viel über Raumflüge, aber ein Zwischenraumunglück ist so mit das Schlimmste, was einem überhaupt passieren kann. Viele der ComTrans-Arbeiter vertreten die Meinung, der Tod an sich wäre zwar eine ungemütliche Sache, aber im Zwischenraum hängen zu bleiben und an die sogenannten Grauen Wächter zu fallen, das wäre wie in den sieben Höllen Mutter Kalis persönlich zu schmoren.
Na, auf jeden Fall ist Mabe eine Abondadjiri. Ich weiß nie, ob ich den Namen ihrer Spezies richtig ausspreche. Eigentlich sind es Menschen. Sie wurden genetisch verändert, um auf ihrem Planeten zurecht zu kommen. Genetisch sind sie Menschen. Also fast zumindest. Blaue Haut, gelbe Augen und diese schlanke seltsame Geschmeidigkeit, schwarz glänzendes Haar – eins ist sicher, sie ist wunderschön.
Ich frage mich, ob der Mann von Usec – wenn ich den Namen seiner vermeintlichen Heimatwelt richtig verstanden habe – auch ein Mensch ist. Mutant nennt man das. Genetisch veränderte Menschen zur Planetenbesiedlung nennt man Mutanten. Durch Strahlenkrankheiten veränderte Menschen nennt man auch Mutanten. Aber Mr Torma ist nicht krank. Im Gegenteil. Alles an ihm strotzt vor Gesundheit und Kraft. Er ist ein Mutant oder eben gar kein Mensch. Aber dagegen spricht seine generelle Psychognomie. Biologisch sieht er schon wie wir aus. Also, wie wir Menschen meine ich. Zwei Arme, zwei Beine, Augen Nase, Lippen, all das passt. Er redet wie wir, er isst wie wir und sicher scheidet er auch aus wie wir. Ich muss lachen und Mabe verpasst mir einen Stoß mit dem Ellbogen.
»Was denn?« zischt sie verärgert und muss dann auch lachen, ohne zu verstehen warum oder über was.
»Gar nichts«, flüstere ich und ziehe mich wieder weiter in die Küche zurück. Erst jetzt bemerke ich, dass Ma auch gelauscht hat. Sie steht da, ganz still, und versucht mitzubekommen, was drüben geredet wird. Zu dritt halten wir die Luft an und hören zu.
Sie reden über die CT. Verschiedene Firmen der SUKOT haben in den letzten Dekaden versucht, auf Gedan Fuß zu fassen. Alle brauchten Kommunikationswege, um ihre Logistik aufbauen zu können. Außerdem hat man den Gedanen nahegelegt, dass eine funktionierende Kommunikation das wichtigste sei, um einen Planeten im Fortschritt voranzutreiben. Ich bezweifle ja ein wenig die Einsicht der Gedanen zur Thematik Fortschritt, aber immerhin haben sie sich bereit erklärt, Rohstoffe gegen Kommunikationsleitungen zu tauschen. So entsteht seit vielen Standardjahren ein weitläufiges Netz an überirdischen Leitungen zwischen den Regierungsstellen der kleinen Leute und den verschiedenen Firmenleitzentralen und Landeplattformen. Wenn man auf der einen Seite des Planeten mit der Verkabelung fertig ist, hat sich der technische Stand der Transmitter, Kabeltürme und der restlichen Hardware geändert und die Ingenieure der ComTrans fangen auf der anderen Seite Gedans von vorn an. Die Firmen kennen diese Vorgehensweise nicht anders und sehen in den entstehenden Ausgaben einen Teil der generellen Mischkalkulation ihrer Geschäfte. Die Gedanen hingegen verstehen erst gar nicht, dass es ein Fertig und ein nicht Fertig gibt oder gab. Sie sehen mit ihren großen Augen die Wunder der sich stets weiter ausbreitenden Technik der Fremdweltler und sie bezahlen. Irgendwie bin ich froh, das Pa nicht mehr für die Fremdweltler arbeitet. Er hat sich selbst zu einem Einheimischen gemacht und er hat mich dadurch überhaupt erst ermöglicht. Ja, im Ernst, es gäbe mich ansonsten überhaupt nicht. Als er sich dafür entschied, sich beim Siedlerprogramm auf Gedan einzuschreiben, erhielten er und Ma die Möglichkeit, sich ebenfalls genetisch behandeln zu lassen. Kostenfrei versteht sich. Eine unfruchtbare Frau wäre für das Projekt sinnlos gewesen. Also bezahlte die ComTrans unter Bezuschussung der Regierung Merns eine sehr kostspielige Genbehandlung meiner Eltern und schuf so eines von vielen Siedlerkindern. Nein, meine Haut ist nicht gelb mit grünen Tupfen und neinm ich habe keine vergrößerten Ohren und Augenm um mich in den Wäldern Gedans besser zurecht zu finden. Ich sehe genau aus wie Ma und Pa, also genau wie ihr Sohn eben aussehen sollte. Aber dennoch wurde ich von Maschinen geschaffen. Meine Mutter hat mich ausgetragen, meinem Vater wurde der Samen entnommen, durch den ich entstand, aber gezeugt wurde ich von den Maschinen der Firma.
Sie reden über die Transferpreise. Raumschiffpassagen sind teuer geworden, sagt Mr Torma. Pa nickt, als hätte er eine Ahnung, was außerhalb unsere Farm vor sich geht. Hat er natürlich nicht. Alles Wissen in dieser Art wird hier im FarmersInn, der zentralen Trinkhalle zusammengetragen. Es stammt dann nahezu immer von anderen Farmern, die alte Gerüchte von einem der Märkte aufgeschnappt haben. Bis diese zu uns gelangen, wurden sie immer und immer wieder verändert und ausgeschmückt. Pa weiß nichts. Früher vielleicht, als er noch für die CT arbeitete. Damals, als er noch nicht trank.
Jetzt fragt Torma nach unserer Farm. Er möchte wissen, ob sie einträglich ist. Nicht wie einer, der auch Farmer werden möchte. Die Frage drückt eher höfliches Interesse aus. Pa beklagt sich. Das Leben auf Gedan ist hart, niemand hat ihm das gesagt. Er muss eine Frau und zwei Kinder ernähren. Dass die Frau und die beiden Kinder mehr arbeiten, als er und dass sie weit weniger arbeiten müssten, wenn er nicht einen Teil der Einkünfte bei Wetten verlöre, erzählt er nicht. Aber das ist gut so. Wie peinlich wäre die Wahrheit? Also nicht nur für ihn, sondern auch für uns. Zu so einem Gefüge gehören immer mehrere Schuldige. Immer und immer wieder frage ich mich selbst verschämt, warum ich nichts unternehme. Aber ich frage mich ja auch, warum ich nicht aufhören kann Mabe zu beobachten. Das ist sicher nicht minder peinlich. Was würde unser Gast wohl sagen, wenn er wüsste, dass ich ziemlich häufig abends an der Wand zwischen dem Flur und der oberen Nasszelle stehe und durch die beiden längliche Spalte darin hinüber stiere, während meine eigene Schwester sich entkleidet und dann für die Schlafenszeit den Schmutz des Tages entfernt? Tatsächlich stehe ich auch im Sommer oft oben an meinem Zimmerfenster und sehe ihr zu, wie sie sich unten im Zuber ihre Haare wäscht. Ich könnte ihr stundenlang zusehen. Es ist elektrisierend für mich. Nicht nur sexuell. Sie erfüllt mein Herz und wenn ich sie sehe, geht es mir gut. Es ist bestimmt peinlich, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich liebe sie.
Später sitzen wir zusammen am Tisch. Das Eis ist gebrochen. Einer nach dem anderen stellen wir Mr Torma Fragen. Pa nicht. Er hat sein Pensum überschritten und hat Probleme, seinen eigenen Kopf aufrecht zu halten. Immer wieder beobachte ich, wie er kurz einnickt und dann hochschreckt. Sein Kopf wackelt auf seinem dünnen Hals hin und her wie eine reife Frucht an einem windigen Tag. Leider gibt es ja hier auf Gedan nur selten Wind. Anfangs hielt Ma uns noch zurück, aber Mr Tormas offene Art lockert auch ihre Benimmregeln und sein Charme lässt ihre angeborene Furcht vor Fremden bröckeln. Wir haben jetzt herausgefunden, dass er wirklich von Usec kommt, einer Welt auf der anderen Seite der SUKOT, nahe der Grenze ins vergessene Reich der Smavari. Dort sind alle Menschen schwarz und so groß wie er. Mabe hängt an seinen Lippen und mir gefällt das nicht, aber wir haben einen schönen Abend und das kommt so wie heute wirklich nicht oft vor. Ich sage mir, der Riese wird morgen weiterziehen, also soll sie heute den exotischen Besuch genießen. Außerdem will man ja auch gastfreundlich sein. Wir machen noch eine Flasche Wein auf, füllen die Gläser. Mabes Nase ist ganz rot und ihre Augen glänzen wie Glas, wenn Ma die Fenster poliert. Ich mache einen Witz über drei Farmer und einen Gedanen und alle lachen. Dann trinke ich und beobachte Mr Torma. Seine Augen lachen mit. Ich mag den großen Mann. Er ist gefährlich, ich weiß das, aber ich mag ihn dennoch.
Der Unfall
Die Sonne scheint durch den Morgennebel. Ich liege im Bett und starre die Streifen an der Wand an, die das Künstlerpaar Lagu und der Vorhang meines Zimmers erschaffen. Sie bewegen sich ganz langsam. Als drehe sich mein Zimmer in Zeitlupe. Dann und wann verändert der Winkel des Rahmens die Bahnen der Streifen und ihre Dicke. Und dann wieder verhüllt der Nebel das Licht und die Streifen sind nur noch als Schemen zu erkennen. Ich blinzle das Salz aus meinen Augen. Wenn ich morgens aufwache, habe ich oft Tränen in den Augen. Ich bin unglücklich, wenn ich schlafe. Tagsüber kann ein Mann sein Unglück unterdrücken, aber nachts ist er schutzlos wie ein Hundewelpe im Bau, wenn sein Rudel ihn alleingelassen hat, weil es auf der Jagd ist. Die Streifen werden wieder sichtbar. Scheint ein sonniger Tag zu werden. Ich kann nicht mehr liegen. Mein Rücken schmerzt. Wenn ich mich strecke, knackt es kurz oberhalb der Hüfte. Ich versuche mich zu verdrehen und muss gähnen. Strecken, aufrichten und die Beine über den Bettrand zu hieven, alles schwere Aufgaben in meiner momentanen Verfassung. Dann überkommt mich der Brechreiz. Die Galle schießt mir den Hals hoch, das Zimmer nimmt Fahrt auf und ich begreife meine wirren Gedanken. Waren das gestern drei oder vier Flaschen, die wir geöffnet und geleert hatten? Ich unterdrücke mit größter Gewalt den Brechreiz und ziehe an dem Hebel, der das Zimmer zum Stillstand bringen soll. Meine Hände verkrampfen sich im Überzug der Matratze. Einen Moment noch. Der widerliche Geschmack, das Brennen in meinem Hals drohen mir die Kontrolle zu entreißen. Aber ich nehme mich zusammen. Einen Moment noch. Trinke nie zu viel, wenn du einen Riesen unter deinem Dach beherbergst!
Endlich lässt das Beißen in meinem Hals etwas nach. Ich stehe auf und strauchle sofort, kann meinen Fall gerade so bremsen, indem ich nach der Lehne meines Schreibtischstuhls greife. Dann wanke ich auf den Flur hinaus, in Richtung Nasszelle. Es ist noch dunkel, aber ich kenne den Weg. Selbst in meinem momentanen Zustand. Der Spiegel lügt. Das bin nicht ich. Ein Gespenst schielt mich aus der Öffnung an, wo eine spiegelnde Oberfläche hätte sein sollen. Hager, bleich, mit tiefen Ringen unter den Augen. Ich hauche es an und es verendet im Gestank meines Odems.
Das Wasser löst ein wenig meine Verspannung im Nacken. Es prasselt auf meine Haut herunter, Millionen winziger Finger, die auf meine Muskeln einhämmern. Leider machen sie auch vor meiner Schädeldecke nicht halt, was dazu führt, dass ich mich unter dem Schauer in die Bodenöffnung übergebe. Danach ist es schnell besser. Wie jeden Morgen habe ich das Wasser auf heiß gestellt. Jetzt regle ich es unter Aufbringung all meines Willens auf kalt und werde endlich wach. Ich trinke und genieße das Nachlassen der Vergiftungserscheinungen. Ich trinke mehr.
Abtrocknen und den Zahnreiniger benutzen. Das ist gut, beendet es doch endlich das Chaos der widerlichen Geschmäcker innerhalb meiner Wahrnehmungen. Ich benutze ihn gleich noch einmal. Soll man eigentlich ja nicht machen. Weiß jedes Kind. Aber heute mache ich es dennoch. Ich würde es gleich nochmal machen, aber er braucht jetzt ne Weile, um sich aufzuladen. Also lasse ich es. Außerdem habe ich jetzt dieses eklige trockene Gefühl am Übergang meiner Zähne zum Zahnfleisch. Was ist das Gegenteil von schleimig? Wie auch immer man es nennt, es entsteht, wenn man den Zahnreiniger mehrmals hintereinander benutzt.
Meine Haare stehen in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Ich versuche sie ein wenig zu glätten, erkenne aber schnell, dass ich heute keinen Schönheitswettbewerb gewinnen werde. Also entscheide ich mich für die Kappenvariante. Ma hasst es, wenn ich morgens mit Kappe rumlaufe, aber die anderen Männer machen das auch. Meine Kappe stammt von Onkel Hump. War ein Geschenk zu meinem Geburtstag. Muss so drei oder vier Sj her sein. Die Kappe trägt nicht das CT Logo. Das macht sie zu etwas Besonderem. Sie ist dunkelbraun mit einer bordeauxroten Borte und hat vorne einen weißen Stern aufgenäht. Das Wappen einer Millitäreinheit von Kirn. Keine Ahnung, wo er sie her hatte. Vielleicht von einem Schmuggler auf dem Markt bei New Derk getauscht. Gegen Schnaps oder ein paar schöne Steine, die er im Bach hinten beim Wald ausgewaschen hatte. Er hatte immer solche Sachen. Hump, mein Onkel der Abenteurer.
Der Verlust hat unsere Familie so sehr getroffen, dass wir beinahe daran zerbrochen wären. Oder sind wir daran zerbrochen? Es ist, als wären wir ein Schiff, dessen Steuermann über Bord gegangen ist und das seitdem unkontrolliert über die Wogen gleitet. Es schwimmt, es bewegt sich, aber es hat keine wirkliche Richtung mehr. Pa hat seinen Weg gefunden mit dem Schmerz umzugehen. Der Kirnosk, oder wenn er keinen mehr hat, Wein oder gar Nabaschnaps – egal was es ist, Hauptsache es verdrängt seine Erinnerungen an den schicksalsschweren Tag, an dem er seinen Schwager getötet hat. Die Siedlerverwaltung würde die Geschehnisse damals anders bezeichnen, aber ich weiß genau, dass er selbst es so sieht. Wir, der Rest der Familie, hat ihm diesen Umstand nie zum Vorwurf gemacht. Wir glauben zu wissen, wie sich der Unfall ereignet hat. Unfall ist das Wort, das wir benutzen. Aber benutzen wir es auch richtig? Ist die Betonung korrekt? War sie korrekt, als wir noch über die Sache sprachen? Vielleicht nicht, denn Pa hat sich von uns abgewandt. Oder waren wir es gewesen, die uns von ihm abwandten, damals in den ersten Wochen des Schocks?
Ich ziehe mich an. Immer zuerst die Hose. Das ist eigentlich blöd, da ich danach ja das Hemd in die Hose nesteln muss und dies viel einfacher wäre, wenn man das Hemd zuerst anzöge. Männer mit nacktem Oberkörper in einer Hose sehen cool aus. Männer hingegen, deren Geschlecht unter einem lose hängenden Hemd hervorlugt, sehen … na ja eher doof aus. Ich habe keine Ahnung, wie Mädchen zu dieser Thematik stehen, aber ich selbst empfinde das so. Also immer zuerst die Hose. Noch schlimmer wäre es, wenn man mit den Socken beginnen würde, aber über solch einen Fauxpas will ich jetzt überhaupt nicht nachdenken. Schon gar nicht, wenn mir im vom Restalkohol vernebelten Kopf, die Sünden um den toten Onkel und das Versagen unserer Familie den Zusammenhalt zu wahren, umherschwirren.
Mabe hat Frühstück gemacht. Mr Torma sitzt am Tisch, als sei er gestern Nacht gar nicht erst aufgestanden. Ma hingegen fehlt. Ich ahne Fürchterliches. Sie ist so gar keinen Alkohol gewohnt und wird wohl derzeit noch ein wenig derangiert sein. Ich helfe meiner Schwester beim Auftragen. Mr Torma ist ein Phani. So nennt man die schwarzhäutigen Bewohner von Usec. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich ihn mustere. Ich habe wirklich noch nie einen Mann mit derart schwarzer Haut gesehen. Es ist nicht wie bei den Shivaiten von sND oder Poin`Khali. Dunkelhäutige Menschen gibt es viele. Unzählige der CT-Arbeiter sind dunkelhäutige Menschen. Ihre Haut aber ist eher braun. Bei manchen sehr dunkel, aber dennoch braun. Mr Tormas Haut aber ist schwarz, wie die Haare meiner Schwester. Da ist kein dunkler Braunton zu erkennen. Eher hat sie eine leicht blaue Nuance, wie es bei geschwärztem Metal vorkommt. Es ist, als verschlucke sie jegliches Licht. Einfach außergewöhnlich.
Ma kommt die Treppe herunter. Sie versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber die Ringe unter ihren Augen sprechen Bände. Sie ist dehydriert. Ich bringe ihr Wasser, aber sie lehnt ab. Stattdessen nimmt sie einen Tee mit Teein. ›Schwarzer Bürger‹ nennen CTC-Leute das Zeug. Das Teein wirkt kontinuierlich auf den menschlichen Körper. Es putscht im Gegensatz zum Koffein nicht kurz auf und verliert dann seine Wirkung, sonder schüttet über einen längeren Zeitraum aus, was sich deutlich belebender auswirken kann. Ma wird wissen, was sie tut. Mr Torma steht auf und nickt ihr höflich zu. Er fragt, ob alles in Ordnung sei und sie kontert mit dem Wort Migräne. Er versteht und schweigt.
Wir sind mit dem Frühstück fertig. Mabe hat keine weiteren Fragen gestellt. Sie sieht unserem Gast nach wie vor interessiert zu, aber sie hat jetzt ihre Begeisterung unter Kontrolle. Sie trägt Hosen aus festem Denim und eine typische Farmerbluse in dunklem rot, die sich wunderbar von ihrem Teint abhebt. Sie hat vorn einen Knoten in das Oberteil gemacht. Ich liebe es, wenn sie das tut. Verdammt.
Später kommt Pa ebenfalls die Treppe herunter. Er sieht aus wie immer. Profis sieht man harte Tage nicht an. Für Pas Verhältnisse war gestern weder ein harter Tag noch eine harte Nacht gewesen. Nicht härter als er sich seine Tage und Nächte sonst macht. Zumindest hat der Alkohol verhindert, dass er und Ma sich streiten konnten. Unfähig, den bösen Gedanken abzuwehren, wünsche ich mir, Ma würde häufiger mit ihm trinken als darüber zu schimpfen. Ändern würde sie ihn ohnehin nicht mehr. Das könnte nur er ganz allein. Wie sehr man sich irren kann. Lobe nie den Tag vor dem Abend!
Ich schlage vor, Mr Torma zu zeigen, wie man hier das Grün bekämpft. Pa lehnt die Idee sofort ab, aber Mr Torma ist interessiert. Er habe schon von der Sache gehört und wolle sich das Schauspiel gerne ansehen. Ich nicke begeistert und will mich schon fertig machen, aber solche Dinge macht man nie gleich.
Zuerst wird ein Zeitplan aufgestellt. Also Mr Torma das Grün zeigen, dann zurück zum Haus, wo Ma ihm Wegzehrung bereitet hat. Dann Abschied, und Pa und ich fahren ihn ein Stück bis hinüber zur Waldweggablung mit unserem Cargopod. Dann will er laufen. Ich habe vorgeschlagen, ihn bis zum Irdein Inn zu fahren. Er würde dann viel schneller an sein Ziel kommen, denn von da aus würde sich sicher ein Arbeiter finden, der ihn wiederum mitnehmen könnte. Aber Torma möchte laufen. Er sagt, er liebe die Natur. Ich weiß gar nicht so genau, was er uns damit sagen will.
Erst als all diese Abläufe klar bestimmt sind, kann es beginnen. Ich sehe wie Mareh-Betrix versucht, an den Abläufen teilzuhaben. Innerlich freue ich mich, wie unmöglich dies ist. Sie wird die Pferdchen auf die Koppel lassen und den Stall ausmisten. Mr Torma, möchten sie sehen wie die Pferdchen auf die Koppel gelassen werden und wie ich den Stall ausmiste? Selbst wenn er es hätte sehen wollen, es wäre unziemlich gewesen. Sich mit mir das Grün anzusehen war in Ordnung. Alles Andere nicht. Klar oder?
Wir gehen den Weg am Stall entlang. Es hat heute Nacht geregnet und der Weg ist kaum zu erkennen. Auf rutschigem Grund ist es besonders schwer, den Tornister zu tragen. Heute ist das aber kein Problem. Mr Torma hat es sich nicht nehmen lassen, mir das schwere Ding abzunehmen. Er kann nicht einmal das Geschirr benutzen. Sein Oberarm passt nicht durch den Riemen. Also hat er den ganzen Tornister einfach auf seine rechte Schulter geschwungen und trägt ihn jetzt wie er gestern seinen Seesack getragen hatte. Er ist stärker als vier Männer. Ich gehe voran.
Es nieselt immer noch ein wenig. Irgendwo zwischen dem Nebel, den Sonnenstrahlen und der Wand aus feuchter Hitze wabert ein Regenbogen. Wir kommen ans Ende der Scheune und die Pferdchen laufen aufgeregt schnatternd eine Weile neben uns her. Sie hopsen wild umher, schlagen aus und freuen sich ihres Lebens. Ihnen macht weder der Nebel, noch der Nieselregen etwas aus, die pure Lebensfreude. Es ist, als hätte man beim genetischen Schrumpfen ihrer Spezies alle Energie in den kleinen Leibern konzentriert. Pferdefreudekonzentrat.
Hinter der Koppel ist der Nebel so dicht, dass ich den Weg überhaupt nicht mehr sehen kann. Hier muss das Grün irgendwo anfangen. Ich hebe die Hand, bedeute Mr Torma, dass er stehen bleiben soll und nestle einen Mundschutztuch aus der Hemdtasche. Er wird keinen brauchen, denn ich werde den Brenner bedienen. Er könnte das sicher auch, denn er ist ja viel stärker als ich, aber er weiß nicht, wie es geht und darum mache ich es.
Ich nehme ihm das Rohr aus der Hand und zeige auf eine gute Stelle am Boden. Er redet nicht. Ich rede nicht. Wir sind stumme Soldaten im Krieg gegen einen stummen Feind. Unsere Kommunikation beschränkt sich auf taktische Handzeichen. Er stellt den Tornister ab.
Ich betätige den Brenner, warte auf sein Fauchen. Das Rohr spannt sich, die Flamme taucht die Welt vor meinem Gesichtsfeld in ein gespenstiges Violett. Die Dämpfe der Abgase brennen in meinen Augen. Mr Torma ragt hinter mir auf. Dann richte ich den Flammenstrahl auf die Nebelwand vor mir und da ist es. Das Grün hat einen der Pfosten des Zauns erreicht. Erschrocken weiche ich vom Holz zur Seite. Wie? Wie konnte das über Nacht passieren? Haben wir zwei Nächte getrunken und geschlafen? Es ist fast doppelt so weit gekrochen, wie gestern. So weit war es noch nie gekommen. Nicht so weit.
Fahrig brenne ich es auf den Weg zurück, trenne den Teil auf dem Holz von der Gesamtmasse ab. Es schmort, zischt, weicht unwillig vor der Hitze. Dann sehe ich, wie Torma den Rest auf dem Zaun mit der Hand berührt. Ich versuche ihn zur Seite zu stoßen, aber es ist zu spät. Er schmiert es zwischen seinem behandschuhten Daumen und Zeigefinger hin und her, dann trifft ihn meine Schulter. Der Schlauch des Brenners spannt sich. Der Tornister fällt. Lass nie den Tornister umfallen! Berühre nie das Grün! Nimm nie einen Fremden mit, wenn du das Grün bekämpfst!
Die Explosion kommt prompt, unerwartet und trifft uns beide mit voller Wucht. Der Tornister muss einen Stein getroffen haben. Der Schlauch löst sich von der Halteschelle und es kommt zu einer Rückkopplung. Sofort brennt die äußere Umhüllung in nassem unlöschbarem Feuer. Ich lasse die Düse los und werfe sie von mir. In diesem Moment explodiert der Tornisterkopf und der Deckel mit der Hauptspule fliegt uns entgegen. Tormas Oberarm rettet mein Leben. Mit einem hässlichen Ratschen schlitzt sich die abgerissene Deckelkante durch das Leder von Tormas Kleidung. Ich sehe es, dann sehe ich nichts mehr, weil mir sein Blut in die Augen spritzt. Sein Keuchen ist eher ein Knurren. Dann umhüllt uns der Feuersturm. Wieder rettet mich der Riese. Sein breiter Rücken ist es, der das meiste abbekommt. Mich treffen nur ein paar Spritzer am Bein. Er brennt lichterloh. Die Welt verlangsamt sich zu einer verzerrten Zeitlupe. Ich blinzle das fremde klebrige Blut aus meinen Augen und zerre an dem Tuch vor meinem Mund. Dann rutsche ich aus und lande im Matsch. Ich registriere wie mir die Kappe vom Kopf gerissen wird. Der Riese taumelt, brennt. Dann fällt er wie ein gigantischer Baum und stürzt von mir weg in Richtung … in Richtung des Grüns! Mit einem schrecklichen Platschen landet er mitten im Inferno und ich höre seine Schreie. Er wälzt sich, versucht das Feuer zu löschen, aber die Brennpaste ist nicht dazu konzipiert, gelöscht zu werden. Damit bekämpft er das Grün auf seine ganz eigene Weise. Und dann werden die Flammen doch etwas weniger. Wie es immer ist, denn das Grün löscht jedes Feuer. Für Mr Torma aber bedeutet das nicht etwa ein gutes Ende. Vielmehr verändert es nur seine missliche Lage ins Schlimmere. Galten seine Schreie eben noch den Flammen, so wenden sie sich nun dem Grün zu. Es tut, was es immer tut. Es schreitet voran, dringt ein, überdeckt und erstickt. Das ist sein Daseinszweck. Nichts sonst auf der Welt. Ich rutsche noch weiter weg von alledem, vergesse den Beginn des Unfalls, stoße mit dem Kopf und dem Rücken an den Zaun. Meine Welt ist erfüllt von Nebel, Matsch und Angst. Dann drängt ein ziehender, nesselnder Schmerz durch das Chaos. Das Zentrum dieses Schmerzes ist mein Nacken, da wo ich die Latte des Zaunes berührt hab. Siedend heiß trifft mich die Erinnerung. Der Rest des Grüns, den ich von der Hauptmasse abgeschnitten hatte; ich habe mich an ihn gelehnt. Mit der Hand wische ich es von meiner Haut. Es brennt. Ich rapple mich auf, wische, schreie, reibe und kratze. Es brennt. Berühre niemals das Grün!
Dann sehe ich, wie sich vor mir, inmitten des Grüns, ein schwarzer Titan erhebt. Wie in quälender Zeitlupe richtet sich der massige Leib vor mir auf, macht einen wankenden Schritt nach dem anderen, heraus aus der peinigenden Masse. Kein Mensch kann so etwas überstehen. Aber vielleicht kann es ein Phani.
Ich ignoriere den eigenen Schmerz und stürze auf Mr Torma zu. Im Nebel und Schlamm kann ich nicht sagen, wie schlimm seine Verletzungen sind. Ich weiß nur eins: Wir müssen sofort hier weg. Gierig greift das Grün nach uns. Es ist wie eine Anemone, die ihre Opfer nicht freigeben will. Es will uns verschlingen, wie es Onkel Hump verschlungen hat. Es will alles verschlingen, uns, die Farm, die ganze Welt und die Sonne. Auf Riesen scheint es ganz besonders wild zu sein. Ich zeige Torma den Weg. Er rutscht aus und kriecht auf allen Vieren ein Stück, bis er es schafft, sich erneut aufzurichten und dann mit wackeligen Schritten voran zu taumeln. Endlich erreichen wir den Stall. Die Pferdchen schnattern und wiehern wie verrückt. In heller Aufregung kommen sie immer wieder an die Stallwand gelaufen und flüchten sofort wieder. Sie riechen verbranntes Fleisch. Einige von ihnen schlagen mit den Hufen aus, springen gegen die Wand und hämmern mit den Hinterläufen auf sie ein. Hin und her springen sie. Zwischen all dem Geschnatter höre ich Mabes Stimme. »Hier herüber, durch die Seitentür«, höre ich sie rufen.
So gut es geht, dirigiere ich Torma in Richtung der Stimme. Er scheint sie auch gehört zu haben, geht auf sie zu. Die Seitentür schiebt sich auf und ich sehe meine Schwester. Ihr Gesicht ist eine Fratze der Angst. Torma schiebt sich durch den Eingang und verliert die Kontrolle über seinen Körper. Er stürzt vornüber und einen Moment befürchte ich, er würde Mareh-Betrix unter seinen Massen begraben, sie erschlagen wie eine Bergwanderin unter einem gewaltigen Steinrutsch. Doch sie weicht behänd einen Schritt zur Seite und er donnert in das Heu, welches sie gerade zusammenzukehren im Begriff gewesen war. Ich rutsche auf den Knien hinter ihm her und wende der Tür zu, um sie zu schließen, als könne das Grün uns bis hierher gefolgt sein.
Die Pferdchen hüpfen um uns herum. Ein irrer Reigen aus winzigen Leibern um den gefällten Riesen. Ich denke an eine Kindergeschichte, die mir Ma einmal erzählt hat. Eine Geschichte von einem Riesen in einem fremden Land, das von winzigen Leuten beherrscht wird. Für die Bewohner Gedans sind wir Menschen auch Riesen. Für die Pferdchen sind wir Riesen. Mr Torma ist für uns ein Riese. Mabe ist für mich eine Riesin und dabei ist sie nicht wirklich größer als ich. Der Stall wankt und dreht sich. Knarrt unter der Last des Grüns. Mir ist so schwindlig und meine Sinne spielen verrückt. Das Geschrei der Pferdchen drückt mir auf die Seele. Oder ist es Mabe, die schreit. Ihr Gesicht ist dicht vor meinem, gewaltig, alles erfüllend. Sie ruft, stellt immer wieder mit vor Schrecken schriller Stimme dieselbe Frage. Ja, flüstere ich und spüre den Verlust meiner Besinnung. Ja, ich habe das Grün berührt. Ich und der Riese, der Riese und ich. Wir haben es beide berührt.
Das Erwachen
Was? Verwirrt schüttle ich den Kopf und versuche mich aufzusetzen. Ma, da ist Ma neben mir und hinter ihr geht Vater auf und ab. »Was ist passiert?« kommt es krächzend aus meiner Kehle.
Ma legt mir die Hand auf die Stirn. Mein Nacken brennt wie Feuer. Torma, schießt es mir durch den Kopf. Wo ist er? Sie haben mich in mein Zimmer gebracht. Es riecht nach Schmutz und … irgendwie auch nach mir. Widerlich.
»Wo ist … er?«
Ma will antworten, aber Pa drängt sich an ihr vorbei und schiebt sein Gesicht dicht vor meins.
»Was ist da draußen passiert?« spuckt er mir wütend ins Gesicht.
Ich will antworten, aber er lässt mich nicht. »Verdammt, was ist passiert? Was habe ich dir gesagt?« Lass niemals den Tornister umfallen! Berühre nie das Grün!
»Bitte …«, stöhne ich. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich höre wie Mam auf ihn einredet, aber er ist außer sich. Wütend rüttelt er an meinem Bett. Ein dünner Speichelfaden verfängt sich in seinem Bart. Er schreit. »Bei allen verdammten Göttern der Unterwelt, Peter – er ist tot! Der scheiß Riese ist tot! Weisst du, was passieren wird? Sie werden kommen und ihn suchen. Wer auch immer er war, Peter, sie werden hierher kommen und nach ihm suchen.«
Zweimal hat er mich innerhalb kürzester Zeit bei meinem Namen genannt. Ich erinnere mich nicht, wann dies vorher das letzte Mal geschehen war. Tränen laufen mir über die Wangen und machen ihn noch wütender. Endlich erhebt er sich und lässt Ma zu mir durch. Sie weint. Hinter den beiden steht Mareh-Betrix am Türrahmen. Ihr schmutziges Gesicht ist bleich – himmelblau – und auch ihr laufen die Tränen über die Wangen.
Tot? Verdammt, das kann doch nicht sein. Ich drücke mich aus dem Bett hoch. Ma versucht es zu verhindern, aber die Verzweiflung und der Schmerz in meinem Nacken machen mich rasend. Ich schiebe mich an ihr vorbei und sehe den Dreck und das Blut am Bettzeug und auf dem Boden.
»Wo ist er?«
»Unten«, murmelt der Vater nur und schlägt mit der flachen Hand gegen meine offene Schranktür, dass sie zufällt und laut klappert. Mutter fährt zusammen, hält sich die Hände vors Gesicht. Ich taumle, aber schaffe es zum Türrahmen, wo Mabe zur Seite tritt. Ihre Haare sind offen und ihre Augen von so tiefem Schrecken erfüllt, wie ich es erst ein einziges Mal zuvor bei ihr gesehen habe. Alles ist so wie es damals war. Genau so.
Ich humple, stürze auf ein Knie und greife mir ins Genick. Sie haben einen Verband mit Eis gefüllt und mir um den Hals gebunden. Ich bekomme schlecht Luft, kann kaum schlucken. Die Verbrennung muss schlimm sein. Das Eis macht alles taub, kann aber den Schmerz nicht ganz unterdrücken.
Dann schlittere ich mehr die Treppe hinunter, als dass ich gehe und unten angekommen, offenbart sich der Schrecken erneut von seiner grausamsten Seite. Auf dem Küchenboden liegt Torma. Um ihn herum ist alles voller Schmutz. Sie haben versucht, ihm das lederne Hemd auszuziehen, aber die Flammen haben es teilweise mit seiner Haut verschmolzen. Sein Gesicht ist verwüstet. Vor allem auf der linken Seite hat die Brennpaste seine Lippen von den Zähnen gezogen. Es ist, als grinse er. Ein schreckliches halbes und totes Grinsen. Ich halte die Luft an, kann den durchdringenden Gestank nach verbranntem Fleisch kaum ertragen. Dann sehe ich, was sie ihm angetan haben. Um den Bauch und an seinen Beinen, bis hinunter zu den Stiefelspitzen, haben sie ihn mit der Gerbsäure für die Pferdchenfelle bespritzt. Das Leder seiner Kleidung hat sich weiß gefärbt, die ehemals schwarze Haut die man zwischen den Rissen sehen kann, ebenfalls. Sie haben das Grün bekämpft. Was hätten sie sonst machen sollen?
Säure ist nicht so wirksam wie Feuer, aber es funktioniert. Wie haben sie ihn nur hier hereingebracht? Er muss soviel wie zwei ausgewachsene Männer wiegen. Eher mehr. Dann sehe ich das Seil. In der Ecke der Küche steht X8s zusammengekauerter Körper. Er hat ihnen geholfen. Die Schleifspuren von der Eingangstür sind eindeutig. Sie haben ihm das Seil um den Brustkorb gelegt und ihn dann mit Hilfe des Droiden hierher gehievt.
Vorsichtig mache ich einen Schritt auf den immer noch dampfenden Körper zu. Hinter mir höre ich Mabes Schritte auf der Treppe. Pa brüllt irgendetwas, schreit seine Wut heraus. Mas Antworten sind so leise, dass ich sie kaum wahrnehme.
Halt, war da nicht eine Bewegung? Ich nähere mich dem gefällten Riesen, überwinde meinen Ekel vor dem schrecklichen Anblick und dem Gestank. Bewegt sich der Brustkorb?
Mabe tritt neben mich und deutet mit ihrer ausgestreckten Hand auf das Gesicht des gewaltigen Mannes. Erstickt flüstert sie: »Sein Auge, das ganze Auge, es hat sich geschlossen.«
Sofort kniee ich mich neben ihm nieder, achte nicht auf die Schmerzen in meinem Rücken und lege Mr Torma den Kopf vorsichtig auf die Brust. Ein dumpfes, weit entferntes Pochen, wie ein Paukenschlag der gedanischen Waldanbeter. Er lebt. Ich muss die beiden magischen Worte geflüstert haben, denn Mabe wiederholt sie laut, schreit sie erneut und noch lauter nach oben. Das Gezetere verstummt. Ich lausche dem weit entfernten Herzschlag des Giganten. Ja, ganz deutlich, es schlägt.
Langsam stehe ich auf und versuche, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich leite Mabe an, einen Zuber mit Wasser zu füllen und Seife hineinzubröckeln.
»Schnell, fülle den Zuber. Das Wasser soll lauwarm sein.« Sie reagiert.
In der Schule haben wir gelernt, wie man Gerbsäure mit Laugenwasser zu Ester neutralisieren kann. Die Säure hat sicher schon einigen Schaden angerichtet, aber man kann vielleicht das Schlimmste verhindern. Ich selbst gehe so schnell es mein Zustand zulässt zum Treppenabsatz. »Ma«, brülle ich nach oben, »wir müssen sofort Fettcreme machen.« Ein Schluchzen zeigt mir, dass sie verstanden hat und dabei ist, sich aufzurappeln. Vater ist still. Gut.
In der Küche gehe ich um Mabe herum und öffne die Schränke. Da ist es, eine Dose mit der Aufschrift ›Salba Camilla‹. Ich nehme sie heraus und gehe zu Mr Torma zurück. Mit meinem Taschenmesser öffne ich die Dose und lange dann mit drei Fingern hinein, um eine große Menge des fettigen Zeugs zu Tage zu fördern. Vorsichtig streiche ich es auf die Verbrennungen, an den Rändern zwischen Haut und Leder. Mehr, soviel es geht. Ma kauert sich neben mich. Sie nimmt mir die Dose ab und sagt unter Tränen: »Hol mir ganz heißes Wasser, eins der Skalpelle aus dem Nähzimmer und eine meiner scharfen Scheren.« Sie schluckt, ich will aufstehen aber dann hält sie mich am Arm zurück. »Und bring mir den Notfallkasten!«
Der Notfallkasten beinhaltet Verbände und einige Arzneien. Ich gehe los und sehe noch, wie Mabe anfängt Tormas Beine mit einem großen Schwamm und dem Laugenwasser zu bearbeiten. Ein Stöhnen dringt aus seiner gewaltigen schwarzen Brust und beweist die Notwendigkeit unseres Handelns. So schnell ich kann trage ich alle Sachen zusammen, die Ma mir zu holen aufgetragen hat. Zuerst finde ich das Skalpell nicht, aber dann entdecke ich es in einer der Schubladen ihres Nähtisches. Da ist auch ein kleines Fläschchen mit reinem Alkohol. Perfekt.
Der Notfallkasten ist in einer Falltür unter dem Wohnzimmerboden, nicht weit von Mr Torma entfernt. Er ist sehr wertvoll und liegt darum in diesem Versteck. Schnell rolle ich den schmalen Teppich zur Seite und heble das Brett nach oben. Der Kasten ist schmal und so lang wie mein Unterarm.
Ma hat noch mehr Fett auf die flächigen Brandwunden aufgetragen. Jetzt nimmt sie den Kasten entgegen, öffnet ihn und entnimmt ihm ein Fluidspray. Sie setzt es Torma an die Lippen und betätigt den Auslöser. Der Geruch von Kampfer vermischt sich mit dem des verbrannten Fleisches. Torma keucht, als seine Atemwege von dem Betäubungsmittel geflutet werden. Kurz öffnet sich sein nicht betroffenes Auge, dann dreht sich der weiße Augapfel aber schnell nach oben und Ma schließt das Lid mit der freien Hand. Mit einem Blick reißt sie mich aus meiner Starre und sendet mich in die Küche. Das Wasser, ich hatte es vergessen. So schnell ich kann, reiße ich drei Schranktüren auf einmal auf, befördere einen Eimer zu Tage und lasse ihn mit heißem Wasser volllaufen. Dann werfe ich den Siedestein hinein. Dieser erkennt seine Aufgabe automatisch und beginnt sein Werk. Bis ich mit dem Eimer bei Ma bin, dampft sein Inhalt und der Stein ist im Geblubber des kochenden Wassers nicht mehr zu sehen. Ma hält die Klinge des Skalpells ins Wasser. »Tücher«, murmelt sie und lässt dabei ihre Schultern knacken. Sie hat Angst, aber es muss getan werden. Wieder laufe ich in die Küche und hole ihr die Tücher. Als ich zurückkomme, sehe ich, wie Ma ein Stück Leder aus Mr Tormas Gesicht schneidet. Blut und Eiter quellen aus der frisch hinzugefügten Wunde hervor. Sie tupft die Flüssigkeiten ab und sprüht etwas von einem anderen Fluid darauf. Dann macht sie weiter. Schließlich beginnt sie, die Wunden zu tackern. Das kleine Gerät aus dem Koffer sieht unscheinbar aus, doch mit jeder Klammer die es setzt, macht es ein knallendes Geräusch, so dass Mabe und ich mehrfach zusammenfahren.
Mabe hat die Säure weitgehend neutralisiert. Sie versucht, Mr Torma die Stiefel auszuziehen, doch sie sitzen fest. Ich gehe an Ma vorbei und helfe ihr. Eine Schnalle muss ich mit dem Messer auftrennen. Dann setze ich vorsichtig meinen Fuß gegen Tormas Gesäß und wir ziehen gemeinsam an der Ferse. Es dauert eine Weile, bis wir den rechten Winkel treffen, aber dann gelingt es und der Stiefel rutscht vom Fuß. Erfreut sehen wir, dass die Säure nicht wirklich viel Schaden angerichtet hat. Nicht hier an den Füßen. Auch das Grün scheint hier nicht durchgedrungen zu sein. Gute Stiefel.
Die Hose trenne ich mit Mas Schere auf. Weiter oben, im Schritt und vor allem am Bauch hat die Säure gewütet. Vom Grün keine Spur, aber das ist normal. Es hat sich eingegraben, den Körper okkupiert. Wir können nur hoffen, dass die Säure schlimmeres verhindern konnte.
Stunde um Stunde arbeitet Ma an Mr Tormas Leib. Wir helfen ihr, so gut es geht. Mabe entfernt so viel Dreck wie irgend möglich. Ich leere immer wieder den Eimer und bringe frisches Wasser. Ab und an höre ich Pas Schritte über uns und dann auch einmal sein Lallen. Aber das ist jetzt ganz egal. Jetzt gilt es, Onkel Hump zu retten. Alles wiederholt sich. Um meines Vaters Probleme muss ich mir ein anderes Mal Sorgen machen. Nicht jetzt.
Draußen ist es nun dunkel. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, aber es muss sehr spät sein. Mabe sitzt mit dem Rücken an der Küchenwand. Sie wollte sich einen Augenblick ausruhen, doch dann sind ihr die Augen zugefallen. Der Schmutz auf ihrem Gesicht ist von ihren Tränen zerfurcht. Sie atmet unregelmäßig. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Die Schmerzen in meinem Nacken sind jetzt wieder schlimmer. Wie gern würde ich ebenfalls von Mas Schmerzmittel profitieren, aber wir haben einfach zu wenig von dem Zeug und können es nicht verschwenden. Wenn wir Mr Torma retten wollen, werden wir jede Dosis für ihn brauchen.
Ma hat mittlerweile die schwer verletzte Gesichtshälfte von Mr Torma mit Wachsverbänden bedeckt. Man kann jetzt das schreckliche Grinsen der verwüsteten Lippen nicht länger sehen. Alles Leder wurde aus Gesicht, Hals, Brust und Schulter entfernt. Auch diese Wunden sind nun verbunden und nur bei wenigen von ihnen hat sich der Verband rot gefärbt. Ma hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich sehe ihr ins Gesicht. Sie ist wach, viel wacher als sie es das ganze restliche Standardjahr über gewesen war. Ihre Augen sind müde, aber ich sehe noch etwas in ihnen, etwas, das ich für immer verloren geglaubt hatte: Stolz. Und sie hat auch allen Grund stolz zu sein. Kaum ein Doc aus New Derk hätte mit den wenigen Hilfsmitteln, die hier zur Verfügung standen, eine derartige Leistung vollbringen können.
Langsam stehe ich auf und sehe dabei, wie sich auch Mabes Körper strafft. Sie ist wach. Leise flüstere ich: »Er kann da nicht so liegen bleiben.« Beide Frauen nicken sofort und versuchen, aufzustehen. Mas Knochen knacken und sie fällt auf ihren Hintern zurück. Schnell trete ich zu ihr und reiche ihr den Arm. Dankbar zieht sie sich an mir hoch. Sie hat Schmerzen. Ich auch. Wer nicht?
Was sollen wir nur tun? Es ist schlichtweg unmöglich, den Riesen die Treppe hinauf zu tragen. Hier unten gibt es aber kein Bett. Wie auch immer, Option ›A‹ ist absolut undenkbar, also müssen wir eine Lösung in Richtung Option ›B‹ finden. Ich habe auch schon eine Idee.
»X8, hilf mir!«
Sofort kommt Leben in den Droiden. Er erhebt sich mit summenden Gliedern auf seinen quadropoden Unterleib und richtet sich auf. Seine freien Greifarme rasten in den Schultern ein. Er vermutet wahrscheinlich wieder den Fremden ziehen zu müssen.
»Nein«, flüstere ich.
Der Droide erstarrt. Ich gehe zur Treppe und er folgt mir. Er ist nicht dazu konzipiert Treppen zu steigen, aber natürlich kann er es. Vorsichtig, Schritt für Schritt und Stufe für Stufe schieben unzählige Gyros den massigen Torso die Treppe hinauf. Er surrt, die Treppe knarrt ärgerlich. Oben steht plötzlich die Silhouette meines Vaters am Treppenende. Er hat sich dort aufgebaut, um nachzusehen was vor sich geht. Verwunderung und Ärger machen sein vom Alkohol gezeichnetes Gesicht zu einer Parodie seiner selbst. Er hebt den Arm und zu spät erkenne ich die schmale Flasche in seiner Hand. Tatsächlich trifft er den Droiden und einen Augenblick fürchte ich, dieser könnte das Gleichgewicht verlieren und mit mir – ich bin dicht hinter ihm – die Treppe hinunter poltern. Das wäre garantiert mein Ende. Aber die Flasche zerspringt nicht einmal. Mit einem holen ›Pling‹ gleitet sie von X8s oberem Torso ab und prallt danach gegen die Wand. Dann kullert sie die Treppe hinunter. Ich wende mich um und sehe in das von Hass verzerrte Gesicht meiner Mutter. Sie öffnet den Mund und ich ziehe das Genick ein. Eine lange Zeit hatte sie geschwiegen. In keinem Streit hatte sie um die Oberhand gekämpft. Jetzt ist dies anders. Als sie los schreit, sprüht Speichel aus ihrem vor Empörung verzerrten Gesicht. Ich erkenne sie nicht wieder. Sie schreit und tobt, kommt dicht an mich heran, bis der Droide ihr den Weg versperrt und das ist gut so. Oben verschwindet Pa um die Ecke. Denke, er hat seine Lektion für den heutigen Tag gelernt. X8 reagiert. Er beginnt von Neuem mit seinem Anstieg.
Ma beruhigt sich nicht. Ich wende mich ihr zu und sie schimpft weiter. Jetzt bin ich ihr Ziel. In der Befürchtung, sie werde gleich ohnmächtig, mache ich einen Schritt die Treppe hinunter und nehme sie in den Arm. Sie atmet schwer, schreit noch einmal über meinen Kopf hinweg und ich verstehe nicht, ob sie mich oder Pa meint, aber dann wird sie ruhiger. Ihr Brustkorb drückt sich immer wieder gegen meinen. Dann halte ich sie fest. Ihr Herz hämmert gegen meine Brust. Sie zittert vor Wut. Das Gewitter ist nicht in vollem Gange, aber ich habe die Kontrolle wiedererlangt. Leise rede ich auf sie ein, drehe sie vorsichtig, damit wir nicht stürzen, um und geleite sie hinab. Unten liegt die Flasche. Ich sehe sie zu spät. Also bricht Mams Wut erneut aus und sie bückt sich, hebt die Flasche auf und feuert sie die Treppe hinauf. Hell klingt der Aufprall zu uns herab und ich schließe die Augen, als endlich die Scherben auf uns niederprasseln. Endlich Regen. Endlich etwas, das den ewigen Nebel unserer Trauer zu Boden drückt, uns atmen lässt. Mareh-Betrix nimmt mir Mutter ab. Sie umschließt sie mit den Armen und lässt sie nicht los und ich gehe X8 hinterher, der mittlerweile oben angekommen zu sein scheint. Von Pa keine Spur.
So schnell es geht, stolpere ich die Treppe hinauf und sehe mich um. Pa ist tatsächlich nicht mehr im Flur. Er wird sich wohl im elterlichen Schlafzimmer verschanzt haben.
Zuerst versteht X8 nicht, was ich von ihm möchte. Dann erkläre ich es ihm noch einmal und deute mit der Hand auf mein Bett. Ich helfe ihm, die Matratze vom Rahmen zu nehmen und dann schieben und drehen wir sie durch den kleinen Raum. Wir reißen das Bild von dem Sternensegler von der Wand, ecken an der Tür an und ich muss immer wieder unseren Weg korrigieren, aber schließlich schaffen wir es in den Flur und dann die Treppe hinunter. Unten angekommen ist es einfacher. X8 trägt jetzt die Matratze allein und ich dirigiere ihn nur noch.
Auf der Seite des Zimmers, die am weitesten von der Küche entfernt ist, gibt es zwei deckenhohe Fenster. Davor steht eine niedere Kommode. Ich schiebe sie zur Seite an die Querwand und Mabe hilft mir, den Teppich aus dem Flur auszubreiten. Hier, zwischen Esstisch und Fenster, ist genügend Platz für die Matratze. Wir legen sie hin, Mabe bezieht sie frisch und ich eile noch einmal nach oben, um Kissen und eine dicke Rolle für Mr Tormas lange Beine zu holen.
Auf dem Rückweg fällt mein Blick auf die tiefen runden Abdrücke, die der Droide im Holz der Treppe hinterlassen hat. In einer normalen Welt gäbe es kaum etwas, was Mams Gemütsruhe mehr aus dem Gleichgewicht geworfen hätte, als diese eklatante Verwüstung ihres Heims. Aber diese Art der Normalität ist wohl für immer von uns genommen.
Bevor wir uns an die Arbeit machen, Torma auf das Behelfsbett zu ziehen, wollen wir ihn erneut waschen. Wieder holen wir Wasser und diesmal hilft uns unser Droide. Ich sehe, wie vorsichtig er seine Arme und Beine bewegt. Seine Sensoren habe Mr Tormas Zustand erkannt.
Gemeinsam heben wir den großen Mann in eine sitzende Position. Ma entfernt den groben Ackerschmutz von seinem Rücken und versorgt noch einmal seine Wunden. Wieder brauchen wir über eine Stunde, bis wir ihn endlich sauber genug haben, um ihn zu betten. Einige seiner Brust- und Halswunden haben wieder angefangen zu bluten, aber Ma sagt heißer, das sei in Ordnung. Also ist es soweit. Ich schiebe mit Mabes Hilfe den Esstisch ganz an den Rand des Zimmers und dann legen wir die beiden freien Stühle obenauf. So haben wir genügend Platz, damit X8 rangieren kann. Es kann losgehen.
Mr Tormas Gewicht ist unglaublich. Er ist kein dicker Mann, eher muskulös. Aber sein massiger Körper wäre für uns drei Menschen ohne den Droiden nicht bewegbar. Nur mit der Hilfe von X8 schaffen wir es schließlich, den leblosen Verwundeten zur Matratze zu ziehen und ihn endlich darauf abzulegen. Wie erwartet ist die Matratze viel zu kurz. Ich schiebe also die Rolle unter seine Beine, während X8 sie angehoben hält. Auch das Kissen nutzen wir für die Beine. Ma meint, er solle flach liegen und im Augenblick kein Kissen unter den Kopf bekommen. Dann erklärt sie uns, wie es nun weitergehen muss. Zu keiner Zeit dürfe Mr Torma allein bleiben. Wenn er zu sich käme, würde er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit übergeben. Die Gefahr des Erstickens am eigenen Erbrochenen sei in seinem Zustand sehr groß. Also werden wir Wachen einteilen. Ich mache den Vorschlag, den Droiden aufpassen zu lassen, aber dann sehe ich auf seiner Ladeanzeige das Dilemma. Er muss in die Garage. Da ich befürchte, ihn bald erneut zu brauchen, erledige ich das als Erstes. Ich habe keine Ladeanzeige, aber meine Energievorrat ist zweifelsfrei im roten Bereich angelangt. Er geht mir brav hinterher und stellt sich auf seine Ladeplatte. Dort verabschiedet er sich von mir und wünscht eine angenehme Bettruhe, als ob heute nichts Besonderes passiert wäre. Ich beneide ihn.
Zurück bei Ma und Mareh-Betrix legen wir die Wachen fest. Keiner von uns redet über Pa. Zuerst wird Mabe Wache halten. Sie ist am wenigsten angeschlagen und wird das schaffen. Ich halte ihre Hand, während wir reden und merke es zuerst gar nicht. Habe ich nach ihrer oder sie nach meiner gegriffen? Ich weiß es nicht. Ein heißer Schauer läuft mir den Rücken hinab. Dann kommt eine Welle der peinlichen Berührung. Dann nichts mehr. Anstelle meine Hand aus ihrer zu lösen, drücke ich sie liebevoll und stelle mich selbst als zweite Wache zur Verfügung. Dies lehnt Ma aber ab. Ich sei ebenfalls verletzt und hätte alles gegeben und darum solle ich bis zum Morgen schlafen. Erst dann wolle sie mich wecken und sich selbst hinlegen. Sie sei keine altersschwache Frau und durchaus in der Lage, einen Kranken zu pflegen. Es wäre dumm, mit ihr zu diskutieren. Ich sehe, wie gut es ihr jetzt geht. Sie hat die Lage unter Kontrolle gebracht und damit ihre eigene Lethargie besiegt. Ich nicke einfach nur und will in mein Bett gehen, als ich merke, dass ich derzeit gar keins habe. Mabes Augen erfüllen sich mit diesem tiefgründigen Lächeln und sie flüstert, ich solle ihr Bett nehmen. Wieder diese Hitze und dieses beklemmende Gefühl der Peinlichkeit. Ich mustere sie und winde mich in der Überlegung, was ich sonst machen sollte, aber dann scheucht sie mich lächelnd zur Treppe, wo Ma schon auf mich wartet. Ich will Mabe nicht alleine lassen, aber mein Körper hat den Endpunkt der Leistungsfähigkeit erreicht. Wie X8s Energiezellen sind auch die meinen bis auf den letzten Rest geleert. Also lasse ich mich von Ma stützen und gehe mit ihr die Treppe hinauf. Mabes Zimmer ist sonst eine Tabuzone für mich. Ich darf es nicht betreten, ohne mich vorher lautstark anzumelden und wenn ich überhaupt eintreten darf, dann nur kurz, um ein Anliegen vorzubringen und wieder zu verschwinden. Es ist eine von der Realität und der Zeit abgetrennte Feenwelt, wie die Weißwälder der Gedanen.
Drinnen ist es dunkel. Ich suche den Lichtschalter und erkenne, dass ich mich nicht erinnern kann, ihn jemals bedient zu haben. Mabe ist vier Standardjahre älter als ich. Früher war dies für mich sehr ungünstig. Sie war stärker und größer als ich und machte sich diesen Umstand mehr als einmal zunutze. Ich erinnere mich gut an so manche Prügel, die ich habe einstecken müssen, wenn sie ihren Launen nachgab und ihren Frust über eine Bestrafung durch die Eltern an mir ausließ. Heute ist das natürlich nicht mehr so. Zumindest nicht im körperlichen Sinne. Verbal bekomme ich ihre Launen auch heute noch ab und an zu spüren.
Zu meinem Glück bin ich jetzt deutlich größer als sie und die schwere Feldarbeit hat mich auch stärker als ein Mädchen von Abondadjiere werden lassen. Natürlich würde ich sie niemals verprügeln. Na ja, zumindest heutzutage nicht mehr. Wäre ich früher als Kind dazu in er Lage gewesen, ich hätte es ihr sicher heimgezahlt.
Ich sehe mich in ihrem Reich um. Es ist so fremdartig für mich. Mein eigenes Zimmer ist schlicht eingerichtet. Es gibt ein paar alte Spielsachen, die ich aufgehoben habe, ansonsten Ausrüstungsgegenstände, Kleidung und einige Bilder. Ihr Zimmer ist eine Schatzkammer der Vergangenheit und der Zukunftswünsche. Da gibt es die Hochzeitsbilder von Ma und Pa, sie hat sie gerahmt und auf ihre Kommode gestellt. Daneben stehen Bilder von einer jungen Frau. Bei näherer Betrachtung erkenne ich Ma in einem Basar auf Mern. Sie ist sehr jung und sehr schön. Ich habe keine Ahnung, wo Mabe dieses Bild her hat. Lichterketten erhellen den Raum gerade so. Das große Licht an der Decke funktioniert gar nicht. Eine der Wände, die mit dem Außenfenster, ist mit Postern verschiedener Bands behängt. Mehrere der Jungs befinden sich in herzförmigen Rahmen aus hunderten von kleinen glänzenden Herzen. Sie hat sie feinsäuberlich aus den gereinigten Verpackungsmaterialien der Nahrungsmittelzusätze, die wir einmal alle dreißig Tage von von der CTC erhalten, ausgeschnitten und aufgeklebt. Bunt, trotzt der wenigen Beleuchtung erkenne ich das Zimmer als schrill und farbenfroh und dennoch erscheint es mir gemütlich und mich überkommt ein Gefühl der Heimeligkeit. Vor dem Bett stehen wenigstens acht Paar Schuhe. Ich habe zwei. Also zwei Paar. Der Kleiderschrank steht offen. Ich sehe ihn mir genauer an. Da gibt es jede Menge Klamotten, in denen ich sie noch nie gesehen habe. Vieles davon sieht altmodisch aus. Vielleicht alte Kleider von Ma? Auf dem Bett gibt es selbstgenähte Kissen mit merner Motiven. Sie haben umstickte Goldpailletten an den Rändern und viele Quasten. Die hat früher Ma gemacht und Mabe hat es von ihr gelernt. Die Decke besteht aus hunderten von kleinen verschiedenfarbigen Dreiecken. Auch sie ist selbstgemacht. Ma und Mareh-Betrix haben dafür fast ein ganzes Standardjahr gebraucht. Endlose Abendstunden haben sie damit verbracht, die Dreiecke zu häkeln und sie dann miteinander zu vernähen.
Ich will mich schon auf das Bett fallen lassen, als mir im letzen Moment aufgeht, wie dreckig ich bin. Schuldbewusst entkleide ich mich und gehe zur Nasszelle in den Flur hinaus. Vorsichtig wasche ich mich. Mein Genick und mein Rücken sind steif und die Haut dort brennt, wenn sie nass wird. Mir ist schwindlig. Total übermüdet und am Ende meiner Kräfte gehe ich in mein Zimmer, sehe die fehlende Matratze und erinnere mich. In Mabes Zimmer schlüpfe ich ohne weiteres Nachdenken in das Bett. Ich kann einfach nicht mehr. Ich will nur noch schlafen. Kaum habe ich mich ausgestreckt und die Decke über mich gebreitet, wache ich auf.
Grüne Träume
Er schwebte über den weiten Wüstenlanden von Mern. Unter ihm breiteten sich die Dünen aus so weit das Auge reichte. Nichts als brandig gelber Sand, von den heißen Winden über Akor zu einem festgebackenen Meer der körnigen Wogen geformt. Sein Herz schlug nicht, sein Kopf verbrannte. So glitt er durch die Zeit, auf dem Weg zu einem Rendezvous mit dem Ende aller Dinge.
Ihm war kalt, sehr kalt. Hin und her wälzte er sich in der Hitze des Sandes. Immer wieder hörte er Schreie, erstickt von der Macht des Meeres. Und der Schmerz brachte ihn um seinen Verstand.
Ich wache auf, habe Durst, schlafe ein. Warum kann ich meine Füße nicht spüren? Ist es das Gift?
Inmitten der Wüste gibt es einen dunklen Flecken. Er riecht die Andersartigkeit dieses Ortes. Feuchtigkeit gegen Hitze, Leben gegen Tod. Er nähert sich diesem Ort, schwebt, fliegt, gleitet. Er wird von ihm angezogen wie eine Motte in der Dunkelheit vom Licht der Flamme des Brenners. Der Brenner faucht. Er hört ihn. Oder ist es eher das Röcheln einer ersterbenden Flamme? Der Ort kommt näher, alles wird düsterer. Hier ist alles nass, grün. Es ist grün.
Alles umher ist feucht und klamm. Ich schwitze. Irgendwo in den hinteren Winkeln meines Gehirns ist mir das peinlich. Weil es nicht mein Bett ist, in dem ich liege. Mir ist kalt. Ich zittere am ganzen Körper, wälze mich herum. Bin ich von meinem eigenen Stöhnen aufgewacht? Im Zimmer ist es stockdunkel. Ich fühle mich endlos verloren und elend. Zu erfrieren muss ein schrecklicher Tod sein. Der kälteste Punkt an meinem Körper ist mein Nacken. Ich lege meine Hände in den Schoß und versuche, sie zu wärmen. Zitternd krümme ich mich zusammen. Es ist das Gift.
Er dringt in den dunklen Pfuhl inmitten der Wüste, tief steigt er hinab. Es ist nass und kalt und hier offenbart sich ihm das Innerste des Grüns. Es hat eine Stimme, flüstert kontinuierlich Erklärungen für sein Tun. Es ist, wie es ist. Zu keiner anderen Handlung fähig, rückt es vor, breitet sich aus, überdeckt und nimmt ein. Was soll es auch sonst tun? Das leuchtet ihm ein. Er versteht es. Auch, wenn er betroffen ist. Dann wird es eng um ihn. Der Platz weicht. In der Dunkelheit fühlt er sich zur Seite gedrückt. Und dann, dann kommt die Wärme über ihn. Heiße Glut legt sich über seine eiskalten Glieder und frisches vitalisierendes Leben durchströmt ihn. Eingeengt liegt er da. Erstickt von Kälte und Wärme. Aber nicht mehr allein.
Als ich erneut zu mir komme, fühle ich mich beengt und an die Zimmerwand gedrängt. Ich friere immer noch, aber neben mir ist eine Quelle der Hitze. Ich rücke von der Wand ab, hin zur Wärme. Die Laken des Bettes sind nass von meinem Schweiß. Mein Kopf dröhnt und ich habe Durst. Unruhig drehe ich mich hin und her, bis sich ein Arm fest um meine Brust schließt und mich hält. Wellen von Hitze und Kälte laufen durch meinen Rücken. Ich zittere, dann schwitze ich. Sie hält mich fest. Meine Augen schmerzen, wenn ich sie öffne. Es ist dunkel. Schlafe, höre ich ihr Flüstern. Ich kann es nicht glauben.
In der hermetisch geschlossenen Kuppe, tief unter einer Decke aus Leben, liegt er in unruhigem Schlaf. Er sieht Bilder der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft um sich herum. Er sieht, wo es hingehen wird. Da glimmt ein Funke der Hoffnung in ihm auf. Da ist etwas, das getan werden muss. Er streckt sich, gräbt sich aus, löst die nasse Umgebung von seinem Leib und versucht sich aus der Umarmung der Tiefe zu befreien. Er muss etwas tun, dringend! Er muss das Grün bekämpfen.
Als ich erwache, habe ich eine schmerzende Erektion. Neben mir, dicht an mich gepresst, schläft Mareh-Betrix. Die Welt dreht sich um mich. Meine Kehle ist wie ausgedörrt, wie die Rebpflanzen an den merner Hängen meiner Kindheit, wenn das Frühjahr vorbei war und der brütende Sommer anfing. Mir ist schlecht und ich habe Durst.
Vorsichtig rücke ich etwas von ihr ab. Ich bin so peinlich berührt, dass ich nicht genau weiß, was ich tun soll. Meine Schläfen hämmern wie verrückt, ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Sie stöhnt im Schlaf, träumt wahrscheinlich von den schrecklichen Ereignissen des Vortages.
Muss ich nicht meine Wache antreten? Ich versuche, noch etwas mehr Platz zu gewinnen ohne Mabe im Schlaf zu stören, aber sie drängt sich erneut gegen mich, lässt mir keine Chance auszuweichen. Dann rutsche ich vorsichtig in Richtung Fußende des Bettes und bete dabei, sie nicht endgültig aufzuwecken. Geschafft. Ich rutsche vom Bett. Der Fußboden ist kalt, mein Körper klamm, meine Stirn heiß.
Ich muss pinkeln, gehe auf den Flur zur Nasszelle und erleichtere mich. Warum hat sie das getan? Sie ist doch meine Schwester. Meine Adoptivschwester, beschwert sich etwas in meinem vernebelten Gehirn gegen meine negativen Gedanken. Scheiße ja, sie ist meine Adoptivschwester, aber dennoch ist sie Familie. Ja und? Ist sie weniger deine Familie, wenn du sie liebst? Ich beuge mich über das Waschbecken und versuche, meine Gedanken zu sortieren. Was hat mich noch gleich aus dem Bett getrieben?
Mir wird wieder kalt. Ich muss den Schweiß der Nacht loswerden … und meine Gedanken.
Also dusche ich. Zuerst heiß, weil ich immer noch sehr friere, aber dann regle ich das Wasser auf kalt wie jeden Morgen, um mich auf den Tag vorzubereiten. Während die Kühle des Wassers mein Gehirn auf eine vernünftige Temperatur bringt, erinnere ich mich an meine Aufgabe. Das Grün! Es wurde nicht bekämpft! Bei allen Göttern, ich muss sofort handeln.
Bestandsaufnahme
Ma hat natürlich mit Mareh-Betrix die ganze Nacht Wache gehalten. Ich hätte es wissen müssen, aber gestern wusste ich ja nicht einmal mehr meinen Namen. Ich stehe im Esszimmer und sehe sie mir an. Ma hockt zusammengekauert auf dem hintersten Stuhl. Ihr Kinn lastet schwer auf ihrer Brust. Fahl sieht ihre Haut in den ersten wenigen Sonnenstrahlen aus. Ihre Augen liegen tief in den Höhlen. Sie ist eingenickt. Nicht schlimm. Mr Torma liegt ganz still auf meiner Matratze, doch sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig. Ein Anzeichen seiner zähen Vitalität.
Mein Kopf schmerzt nach wie vor und ich habe solchen Durst, dass ich auch das Wasser der Felder getrunken hätte. Leise begebe ich mich in die Küche und trinke. Die in meinem Hals entstehende Kälte lässt mich sofort wieder frösteln und ich ziehe den Hausmantel, den ich oben angezogen hatte, enger um mich. Kopfschmerzen können wirklich gemein sein. Es zieht zwischen meinen Augen und ich muss mich konzentrieren, um klar denken zu können. Das Grün hat mich vergiftet. Ich muss ziemlich was abbekommen haben. Direkt im Nacken, auf die blanke Haut. Vor drei Sj hatte ich mich schon einmal mit dem Zeug angelegt. Damals hatte ich es wissen wollen. Wie nahezu jeder, den ich kenne, habe ich es mit dem Finger berührt. Kann ja nicht sein, was die Erwachsenen sagen. Wetten, dass ich das Grün anfassen kann? Das traust du dich ja doch nicht. Berühre niemals das Grün!
Damals berührte ich es nur ganz kurz mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand. Der Schock war enorm. Es ist, als fasse man etwas extrem heißes – oder kaltes – an. Oder vielleicht eher, als berühre man eine Nesselqualle. Es tut weh, dann aber kommt der Schock und man merkt es eine Weile überhaupt nicht mehr. Nach und nach wirkt dann der betäubende Teil des Giftes nicht länger und die Schmerzen und Illusionen überkommen einen. Fingerspitzen nehmen nicht viel Gift auf. Eine Stunde etwa hat es gedauert. Dann hörte es auf. Es war schlimmer, als man jetzt denken würde. Aber es war überlebbar. Die letzte Nacht habe ich ja aber auch überlebt. In der Info-Stunde der CTC sagt man uns immer wieder, das Grün ist tödlich. Klar, wenn man sich reinlegt, wird man wohl elend daran krepieren, aber ich meine, ich habe es jetzt schon zweimal berührt und ich lebe noch. Oder werde ich an eventuellen Spätfolgen sterben? Von so etwas habe ich allerdings noch nie gehört. Die Leute sterben am Gift, am Schock, oder sie ersticken eben. Nein, ich werde nicht sterben. Ich trinke mehr und es geht mir besser. Mein Körper muss eine wirklich große Menge Flüssigkeit ausgeschwitzt haben, um sich des Giftes zu entledigen.
Ma rührt sich im Esszimmer. Ich gehe zu ihr, knie mich neben ihren Stuhl und reiche ihr ein Wasserglas, das ich aus der Küche mitbrachte. Sie nickt mir dankbar zu und trinkt gleich. Sie sieht endlos müde aus. Ihre Gesichtshaut ist wie dünnes, rissiges Papier.
»Warum hast du mich denn nicht geweckt, Ma?« Ich frage sie nicht nach Mabe.
»Du bist krank Piti«, antwortet sie mit heißerer Stimme. »Du hast den Schlaf gebraucht, um das Gift zu bekämpfen.«
Sie hat recht und ich nicke dankbar. Dann erinnere ich mich an meine Aufgabe.
»Ma, das Grün …!«
Sie nickt und hebt erneut das Glas an die spröden Lippen. Dann sieht sie aus dem Fenster. Draußen ist es wie immer zu dieser Zeit nebelig. Man sieht einen Teil unseres Hinterhofes und die Beerenbüsche am Zaun. Dann wird die Sicht zusehends schlechter. Sie räuspert sich und es klingt, als sei sie erkältet. Man erkältet sich nicht auf Gedan. Man hat Allergien, leidet an Graumoos, Schuppenflechten oder auch Magenproblemen, aber man erkältet sich nicht. Es ist hier selten wirklich kalt, nicht hier bei uns im Tangolo.
»Er ist draußen«, sagt sie leise. Ich nicke. Dann gehe ich zur Garderobe. Ich beeile mich, meine Sachen anzuziehen. Er hat meine Stiefel mitgenommen. Das zwingt mich dazu, in die Garage zu gehen und da die alten Ersatzstiefel zu holen. Wo er seine eigenen Stiefel hat, weiß ich nicht. Vielleicht im Pod. Keine Ahnung. Ich laufe. Auf dem Hof bleibe ich erschrocken stehen. Mir stockt der Atem. Bei allen Göttern der Shivaiten. Hilflos hebe ich die Arme, lege die Handflächen an meine Schläfen. Da ist Grün an der Scheune. »Pa«, rufe ich und dann lausche ich. Wo ist das Fauchen des Flamers? Ich höre nichts. Aufmerksam gehe ich auf der rechten Seite an der Scheune entlang. Die Pferdchen sind nicht aufgeregt wie sonst. Sie haben sich zu einem dichten Pulk zusammengedrängt,,aber nicht dort wo sie sonst zu dieser Zeit sind. Sie sind nicht am Gatter zur Koppel. Nein, sie drängen sich an das Hofgatter, weg von der Koppel. Auf der Seite der Scheune gibt es Ausläufer des Grüns am Holz. Wenn man sich nicht auskennt, kann man es für Moos halten. Es wächst da wie Finger, die nach dem Gebäude greifen. In dünnen Verästelungen schiebt es sich über das morsche alte Holz. Schnell umrunde ich die Scheune, gelange um den Zaun und sehe den Feldweg entlang. Von Pa keine Spur. Die Angst schnürt mir die Kehle zu. »Pa …«, rufe ich erneut, diesmal lauter, drängender.
Beim Feld beginnen die Pfützen. Auf dem Boden liegt ein Handschuh. Er muss ihn ausgezogen haben als er den Brenner zu zünden versuchte. Verdammt Pa, wo bist du?
Dann schnaubt vor mir die Düse des Brenners und nach einem lauten Husten wird das Geräusch zum satten Fauchen eines künstlichen Drachenodems. Ich sehe, verdeckt von den Nabanugi-Stauden, Rauch aufsteigen, ölig, rußig. Da ist er. Ich beeile mich zu ihm zu stoßen. Er steht da, bekämpft das Grün, wie er es gemacht hat, als ich noch zu klein war, es zu tun. Ich rufe ihn, aber der Brenner ist zu laut. Er bestreicht das Grün damit und es schmort. Es hat sich um über drei Schritt erweitert. Der Weg ist komplett damit bedeckt. Es ist, als ob es die Kraft von Mr Torma aufgenommen und seine eigene Stärke damit vervielfacht hätte. Auf der anderen Seite des Weges ist es in das Pferdchengehege eingedrungen. Wenn wir es hier und jetzt bekämpfen wollen, müssen wir den Zaun verbrennen. Aber wir haben ja gar keine andere Wahl. Da dreht Pa sich zu mir um und der Brenner erstirbt in seiner Hand.
»Leer«, höre ich ihn keuchen.
Wieso leer? Wie kann der Tornister leer sein? Ich sehe die Schneise der Verwüstung, die Pa verursacht hat. »War es so dick?«, frage ich. Er nickt. Verdammte Scheiße, wir müssen zurück und den Brenner aufladen. Vielleicht könnte Pa ja den alten Flamer reparieren, der letztes Sj seinen Geist aufgegeben hat. Dann würden wir zu zweit weitermachen. Er lässt die Schultern sinken. Müde und geschlagen kommt er auf mich zu. Er schiebt sich an mir vorbei und schleppt den Tornister in Richtung Hof. Ich sehe mir das Schlachtfeld an. Das Zeug hat sich wirklich ausgebreitet. Es ist schnell geworden. Ich hätte gestern nicht versagen dürfen.
Beim Haus angekommen, nimmt Pa den Tornister ab. Ich hole ihn ein und sage: »Wir müssen in Shire melden, dass wir Hilfe brauchen.«
Shire ist die örtliche Verwaltungszentrale. Die Siedler des Tangolo verwalten sich selbst. Pa nickt abwesend und klopft sich die Stiefel ab. Es sind meine Stiefel. Unsere Blicke treffen sich. »Meine sind oben. Ich wollte Ma nicht wecken«, flüstert er.
»Soll ich den Gardman kontakten?«
»Ich weiß nicht«, er macht eine Pause und reibt sich mit der Hand über sein von öligem Ruß verschmutztes Gesicht. »Vielleicht schaffen wir es auch so. Die Anfahrt können wir uns nicht leisten.«
»Es ist weit vorgedrungen. Wir verlieren den Zaun und vielleicht die Pferdchen.«
Er sieht in den Himmel. Da ist keine Sonne. Wir wissen beide, dass wir die Pferdchen nicht verlieren können. Ohne sie haben wir nichts mehr. Die Felder allein reichen nicht aus. Aber er hat recht. Wenn wir um Hilfe rufen, müssen wir das Material bezahlen und damit würden wir uns tief verschulden oder sie würden sogar darauf bestehen, dass wir gleich zahlen. Wir müssten den Zugpod oder wiederum die Pferchen versetzen. Ich fluche leise. Dann sage ich: »Pa, ich lade den Flamer und du könntest den anderen reparieren, während ich rausgehe und das Grün bekämpfe. Ich sehe seinen Augen an, wie wenig Hoffnung er hat, den alten Brenner instand zu setzen. Er geht schon lange nicht mehr richtig. Er ging schon damals nicht, damals als Onkel Humb starb.
Dennoch schleppe ich den Tornister in die Garage und betätige die Handpumpe. Pa räumt die Motorhaube zur Seite, die den alten Brenner verdeckt und ruft X8 zu Hilfe. Mit dem Droiden macht er die Werkbank frei und legt den alten, viel schwereren Tornister darauf. Ich sehe noch, wie er beginnt, mit dem Termoverbundstoffmanipulator die Verbindungen zu lösen, aber da ist mein Tornister auch schon voll. Ich stemme ihn auf die Schulter und will gehen, da sieht Pa auf und sagt etwas zu mir. Im selben Moment lässt X8 etwas aus Blech zu Boden fallen und ich höre meines Vaters Worte nicht. Wir sehen uns an. Er nickt mir zu. Also straffe ich meine Schultern und mache mich für den Kampf bereit.
Draußen hake ich die Trinkflasche vom Gürtel und trinke. Mein Hals ist so trocken. Die Kopfschmerzen sind wieder stärker geworden. Das Grün ist überall, nicht nur auf dem Boden oder auf dem Holz. Es ist auch im Holz und es ist in der Luft. Wir atmen es ein. Ich kann es in meinen Adern fühlen. Es war schon immer da, seit wir auf diesem verdammten Planeten gelandet sind.
Zum zweiten Mal an diesem Morgen gehe ich an der Scheune entlang und sehe die verheerenden Folgen der vergangenen Nacht. Diesmal gehe ich gar nicht erst bis zu den Feldern. Ich werfe den Flamer schon nah der Scheune an und richte den anfangs dünnen Strahl auf die spärlichen Streifen des Grüns, welche es bis hierher geschafft haben. Es muss alles weg, also kann ich auch hier beginnen. Fauchend verbrennt der Flamer das Grün. Mein Herz füllt sich mit Verzweiflung. Es geht so quälend langsam. Würde ich die Mündungsdüse auf einen Menschen richten und den Abzug betätigen, der Betroffene stünde binnen weniger Sekunden lichterloh in Flammen. Es würde schon eines Helogyn-Löschers bedürfen, um ihn zu retten. Das Grün schmort, langsam, stur, nicht bereit sich vertreiben zu lassen. Eine ganze Stunde brenne ich, bekämpfe das Grün mit aller Verbissenheit, zu der ich in meinem derzeitigen Zustand fähig bin. Dann ist der Tornister erneut aufgebraucht und ich muss mich zurückziehen. Ich habe so gut wie nichts erreicht. Es will nicht weichen. Es ist so weit gekommen in dieser verdammten Nacht. Es ist, als könne es spüren, wie hilflos wir geworden sind, als rieche es unsere Schwächen und traue sich jetzt erst schneller vorzurücken, wie eine Armee, die von Krankheit und Seuchen ihrer Gegner gehört und sich nun neuen Mut gefasst hat, sie endlich niederzuringen.
Pa ist nicht mehr in der Garage. Aber ich höre ihn im Geräteschuppen poltern. X8 steht reglos in der Garagenecke und tut nichts. Der alte Tornister ist zerlegt. Dass mit der Hilfe kann ich abschreiben. Verdammt Pa.
Ich stelle den Tornister ab und will ihn aufladen, aber dann beschließe ich, es den Droiden machen zu lassen. »X8, lade den Tornister!« Lass nie einen Droiden deinen Flamer aufladen!
»Wo ist Pa?«
»Master Irnov ist im Geräteschuppen«, kommt die Antwort lakonisch aus den Lautsprechern des Droiden. Weiß ich auch, will ich antworten, aber wenn ich es ohnehin weiß, warum frage ich ihn dann? Ich wollte eine andere Antwort, eine Begründung. Aber ich kenne alle Antworten. Ich kenne sie nur zu gut.
Auf den Arbeitstisch gestützt atme ich tief ein und aus. Ich muss mehr trinken. Also fülle ich zuerst meine Flasche und stille meinen Durst – soweit das derzeit möglich ist. Dann gehe ich zum Eingang des Geräteschuppens und spähe hinein. Pa sitzt mit dem Rücken gegen den Autopflug gelehnt auf dem schmutzigen Boden. Er starrt auf die Flasche zwischen seinen v-förmig gespreizten Beinen.
»Pa …«, versuche ich es ruhig. Er blickt nicht auf. Meine Kehle ist trocken. Er hat das Problem für sich wohl gelöst.
Noch drei Mal fülle ich heute den Tornister. Am Ende habe ich das Grün nicht einmal bis zu der Stelle zurückgetrieben, an der gestern der Unfall passierte. Dann gebe ich auf. Es ist einfach kein Quäntchen Energie mehr übrig. Weder in den veralteten Zellen des Droiden, noch in Pa und schon gar nicht in meinen brennenden Adern. Von oben bis unten mit Dreck und Ruß verschmiert, wanke ich ins Haus, schüttle die viel zu großen geliehenen Gummistiefel ab, in denen ich Blasen an Fersen und Zehen bekommen habe und tappe durch das Esszimmer zur Treppe hinüber. Ich muss zur Nasszelle. Ein Blick zeigt mir Mabe, die sich gerade um die Verbände von Mr Torma kümmert. Ich hebe kurz die Hand, aber sie blickt gar nicht auf. Ihr Gesicht ist von Sorge erfüllt. Torma scheint es nicht gerade gut zu gehen. Später, wenn ich sauber bin und meinen Durst gestillt habe, werde ich nach ihm sehen.
Ma ist nicht in ihrem Zimmer. Sie schläft seit einem halben Standardjahr im Gästezimmer. Es war früher kein Gästezimmer. Es war das Zimmer von Humb. Aus ihrem und Pas gemeinsamen Schlafzimmer ist sie ausgezogen, als Pa sie zum ersten Mal geschlagen hat. An diesem Tag hat er so sehr die Kontrolle verloren, dass wir uns prügelten. So schlimm wurde es danach nur noch zwei, drei Mal. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich liebe ihn. Ich hasse ihn. Warum kann er uns nicht einfach retten?
Nach der Dusche fühle ich mich immer noch schmutzig. Ich habe mit offenem Mund geduscht und ich habe immer noch Durst. Es geht nicht weg. Als habe das Grün, mich als Nährboden nutzend, all meine Flüssigkeit entzogen. Vor meinem inneren Auge sehe ich es in meinem Nacken sitzen, Wurzeln in meine Venen treiben und mich bis zum letzten Tropfen leer saugen. Da fällt mir auf, wie hungrig ich außerdem bin. Tatsächlich habe ich einen Energieriegel gegessen, da draußen bei den Feldern. Nichts sonst. Ich muss Zucker zu mir nehmen und Nitrate, dann wird auch das mit dem Durst besser werden.
Auf dem Weg zur Küche sehe ich erneut durch das Esszimmer. Mabe ist nicht mehr dort. Mr Torma liegt ruhig da, mit frischen Verbänden. In der Küche höre ich leises Gemurmel. Die Frauen bereiten Essen. Es könnte so schön sein. Sie sehen mich an. Ihre Blicke fragen nach meinem Befinden, erkennen mein Befinden. Ich setze mich an den Küchentisch.
Später essen wir. Pa ist auch da. Er stinkt. Wahrscheinlich hat er sich in die Hose gepinkelt. Es wird immer schlimmer. Die anderen lassen sich nichts anmerken. In meinen Gedanken sehe ich die Flammen. Eigentlich müsste ich direkt noch einmal raus. Ich muss aufholen, was ich versäumt habe. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich Mareh-Betrix` Blick suche. Meine Augen sind Netze, die ihren Schmetterlinge. Ihre sind schneller und scheuer. Wo ist sie? Wo ist die Mabe, die mit mir raufte, mich verprügelt und dann breitbeinig über mir stand und mich auslachte?
Das Essen ist gut – gebratener Speck und Lauchgemüse. Ich esse viel. Der Durst wird besser. Nach dem Essen will ich helfen, das Geschirr zu reinigen, aber Mabe schickt mich hinaus. Sie will es mit Ma allein machen. Am Tisch hockt zusammengesunken mein Vater und spielt mit einer langen fettigen Haarsträhne. Langsam umrunde ich den Tisch, eine Raubkatze, die unschlüssig ihre Beute taxiert. Auf der anderen Seite angekommen, haben meine Augen tiefe Riefen in das Holz der Tischplatte gegraben. Ich bin ein Brenner, ein Drache. Mit meinen Augen drohe ich ihn, den Vater, zu verbrennen. Natürlich mache ich das nicht. Er ist mein Vater. Alles wird gut.
Mr Torma liegt ruhig auf dem Notbett. Sein Atem geht regelmäßig. Ich denke, er wird es überstehen. Glück im Unglück. Nur die Narben, die wird er behalten. Sein Gesicht ist entstellt. Ma hat den Doc gerufen. Sie werden kommen und ihn holen, aber sowas kann hier lange dauern. Vielleicht morgen, vielleicht erst in drei Tagen. Wenn er Credits hat, kann er es eventuell richten lassen. Man kann da viel machen wie ich hörte. Würde es ihm wünschen. Wenn ich ihn da so liegen sehe, diesen kräftigen, riesigen Mann, tut es mir doppelt leid, was da draußen passiert ist. Ich fühle mich schuldig. Es war ein Unfall. Meine Gedanken kreisen um Pa und Mas Bruder. Schuld ist etwas Schreckliches. Ich fühle mich ebenfalls schuldig, wenn ich an Mareh-Betrix denke. Heiß und kalt läuft es mir den Rücken hinab, wenn ich an sie denke. Ich kann gar nicht mehr normal an sie denken, nicht mehr wie man eben an seine Schwester denkt. Warum hat sie das nur getan? Nichts ist mehr, wie es war. Ich meine, seit Onkel Humb tot ist. Es wird auch nie wieder so sein. Niemals.
Sabotage
Als ich zu Bett gehen will, öffnet sich die Tür. Mabe steht im Rahmen. Sie sieht müde aus … und wunderschön. Ihr Kleid ist an den Ärmeln schmutzig. Sie hat Pa geholfen den Brenner zu reinigen. Er war nach dem Essen irgendwann einfach aufgestanden und gegangen. Natürlich dachte ich, er würde weiter trinken. Aber offenbar hat er zumindest ein wenig seines Verstandes zurückerlangt. Vielleicht wegen dem guten Essen. Mabe war ihm gefolgt. Jetzt steht sie in der Tür und sieht mich an. Ich hocke mit der Schlafhose auf dem Bett. Meines nackten Oberkörpers wegen schäme ich mich. Mit hängenden Schultern sehe ich zu ihr auf. Was? Warum sieht sie mich so an.
Dann macht sie einen Schritt ins Zimmer und schließt, ohne sich umzusehen, die Tür. Wir haben oben nur Schiebetüren. Sie rastet mit einem leisen Klacken ein. Mabe sieht mich an, wie sie mich früher angesehen hat, wenn es gleich eine Tracht Prügel geben würde. Mir ist flau im Magen. Ein ungutes Ziehen in meinen Gedärmen droht mir mit Brechreiz. Ich unterdrücke den Impuls aufstehen zu wollen, unterdrücke schlichtweg alle Impulse. Wie ein Beutetier hocke ich auf dem Bettrand und stiere die blaue Jägerin an. Ist meinen Augen die Angst anzusehen?
Sie rührt sich nicht. Dann macht sie einen weiteren Schritt ins Zimmer hinein, öffnet die Knöpfe ihrer Bluse und lässt das Kleidungsstück hinter sich auf den Boden fallen. Ich habe Mareh-Betrix schon oft nackt gesehen. Sie ist weit weniger genant als ich es bin. So wie heute habe ich sie allerdings noch nie gesehen. Das Licht der kleinen Lämpchen im Zimmer färbt ihre Haut in einen noch fremdartigeren Blauton als sonst. Ihre Andersartigkeit erregt mich weit mehr als ihre Nacktheit. Langsam geht sie zum Fenster, sieht auf den Hof hinaus und präsentiert mir ihren flachen Bauch und das Profil ihrer Brüste. Ich kann nichts anderes tun, als sie stumm anzustarren. Zum Glück entwindet sich meinem Mund kein Speichelfaden.
Dann wendet sie sich dem Spiegelschrank zu und sieht wieder zu mir her, diesmal durch den Spiegel. Sie ist nicht meine Schwester, nicht wie ich sie kenne, gekannt habe. Was sieht sie in mir?
Sie dreht sich zu mir um, kommt näher und mir bleibt die Luft weg. Atemlos sehe ich mit an, wie sie dicht vor meinen knochigen Knien stehen bleibt und langsam in die Hocke geht. Sie gibt keinen Laut von sich. Ich rieche ihren Schweiß. Sie hat sich nicht gewaschen, bevor sie ins Zimmer gekommen ist. Nichts auf der Welt riecht süßer. Dann legt sie ihre Handflächen links und rechts von meinem Po auf die Matratze und kommt mit ihrem Gesicht immer näher an meine Knie heran. In diesem Moment fällt jegliche Last von mir ab. Meine Erwartungen, meine Ängste, selbst meine Erregung gleiten davon und nichts als pure Zuneigung bleibt zurück.
Sie kauert entspannt vor mir, sieht meinen Bauch an. Dann legt sie ihren zur Seite gedrehten Kopf auf meine Knie. Ihre Hände umarmen meinen Rücken. Sie drückt ihren Körper gegen meine Beine. Langsam lege ich mein Gesicht auf ihren durchgebogenes Rückrat, rieche ihre Wärme und den Duft ihres Haares. So verharren wir für eine lange lange Zeit und ich wünsche mir, dieser Moment möge niemals vorbei sein.
Nach einer Weile bemerke ich, dass ich die ganze Zeit ihren Rücken, ihren Nacken und ihr Haar gestreichelt habe. Ihre eigenen Hände haben meinen Rücken gedrückt und mich festgehalten, so, wie sie mich gestern Nacht gehalten und gewärmt hatte. Ich liebe sie. »Ich liebe Dich …«
Als sie sich aufrichtet, befürchte ich, einen Fehler gemacht zu haben, aber sie beugt sich zu mir und küsst mich auf die Stirn. Dann schiebt sie mich ins Bett und legt sich neben mich. Diesmal bin ich wach, es ist kein Traum, da bin ich ganz sicher. Zur Vorsicht kneife ich mich. Es tut angenehm weh. Ich bin am Leben und sie ist da, liegt dicht neben mir. Wir umarmen uns und sie legt ihr Gesicht an meine Brust. Ich verbringe die schönste Nacht meines Lebens im Bett von Mareh-Betrix. Lange liege ich noch wach und lausche ihrem Atem. Immer wieder, wenn ich kurz einschlafe, wache ich auf, aber ich schrecke nicht hoch und habe auch keine wirren Träume. Sie ist da. Nichts anderes zählt.
Irgendwann, es ist noch stockdunkel, wache ich auf und merke, dass die Zimmertür offen ist. Mabe ist aufgestanden und hat sich angezogen. Ich will auch aufstehen, aber sie kommt zum Bett, hält einen Finger vor die Lippen und drückt mich zurück auf die Laken. Im Nebenzimmer streitet Pa mit Ma. Aber sie sind leise. Es kann nicht so schlimm sein. Mabe übernimmt die Wache bei Mr Torma. Ich verstehe. Flüsternd bestehe ich darauf geweckt zu werden. Sie versichert mir, es zu tun. Ich lege mich zurück und vermisse sie in derselben Sekunde, in der sie die Tür hinter sich schließt.
Lange Zeit verbringe ich im Dämmerzustand des Halbschlafes. Immer wieder nicke ich kurz ein, wache auf, weil mir zu warm oder zu kühl ist oder weil ich ein Geräusch aus dem Haus höre. Es ist noch sehr früh. Mein Geist kämpft. Er muss entscheiden, ob mir noch etwas Zeit bleibt mich auszuruhen oder ob ich sofort wieder hinaus muss, um dem Vorstoß des Feindes Einhalt zu gebieten. Doch ich erkenne, dass es keine Frage sein kann. Es ist zwar noch nicht hell, aber das Feuer wird mich leiten. Also rücke ich zum Rand des Bettes, erinnere mich, drücke mein Gesicht in das Laken. Ich atme sie ein, bekomme keine Luft, hebe das Gesicht und starre in die Dunkelheit. Unten wieder ein Geräusch. Diesmal aus dem Nebengebäude. Als sei etwas schweres, metallenes umgefallen.
Langsam lasse ich meine Beine über den Bettrand gleiten. Sie sind schwerer als der Flamertornister. Ich bin immer noch von den Strapazen der letzten beiden Tage benommen. Zu wenig Nachtruhe, zu viel Stress. So gut es geht mache ich mich fertig.
Etwas später gehe ich die Treppe nach unten. In der Stube brennt ein kleines Licht. Mareh-Betrix und Ma stehen am Esstisch und unterhalten sich leise, aber ganz offensichtlich aufgeregt. Er ist weg. Wer ist weg?
Als sie mich sehen, hebt Mabe einen Finger vor ihre Lippen – wie sie es in der Nacht gemacht hatte. Ich sehe die beiden Frauen an. Etwas stimmt nicht. Dann wandert mein Blick zum Ruhelager von Mr Torma. Er – ist weg! Mein Gesicht ruckt zuerst zu den Augen von Ma, dann zu Mabe. Ratlosigkeit. Ich denke an das Geräusch aus der Garage.
Leise durchquere ich das Esszimmer, schlüpfe in meine Stiefel und nehme eine der Stablampen von der Türhalterung. Dann betätige ich die Verriegelung und mache einen Schritt in den Flur, um durch das kleine Fenster in der Garagentür zu spähen. Drinnen ist es dunkel. Durch die schmalen Fenster dringt das erste diesige Licht des nahenden Morgens. Ich lausche. Da ist nichts. Oder doch? Warum wird mir kalt?
Meinen ganzen Mut zusammennehmend betätige ich auch hier den Türverschluss, wohlwissend, dass es keine Möglichkeit gibt, dies geräuschlos zu bewerkstelligen. Mit einem saugenden Geräusch schiebt sich die Tür schnell zur Seite. Der Hauptraum der Garage liegt vor mir. Im Licht meiner Lampe tanzen Myriaden kleinster Staubpartikel, von der schnellen Bewegung der Tür aufgewirbelt, winzige Kosmen, auf dem Weg zurück in Richtung Planetenkern. Hin und her durchschneidet mein Lichtstrahl die Dunkelheit, bleibt ab und an an einem Schemen hängen, wandert weiter auf der Suche – nach was? Zwischen den Teilen von irgendwelchen Apparaten und Werkzeugen gibt es nichts Ungewöhnliches zu sehen. Geräteverschalungen, Schläuche, Draht, elektronische Bauteile, überall liegen sie herum und warten darauf, zusammengesetzt zu werden.
Dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Hammerschlag. Der Schlauch! Ich bücke mich und sehe mir das Ding genauer an. Mein Licht schwenkt zu der halbrunden Schale auf der anderen Seite des Raumes hinüber. Sie liegt auf dem Boden, wie ein sehr langes, dünnes ›U‹. Ich richte mich auf und mache einen Schritt darauf zu. Unter einem Stapel von umgefallenen Blechteilen, sicher die Quelle der Geräusche, die ich vorhin gehört hatte, lugt der Kunstglasbehälter einer Brennpastenkartusche hervor. Der Flamer! Jemand hat ihn demontiert. Und es ist keinesfalls der Ersatzbrenner. Der Raum beginnt, sich um mich zu drehen. Jemand hat den Flamer zerstört. Ja, ganz eindeutig ist ein langer Schnitt im Schlauch zu erkennen und der Ansatzstutzen ist ebenfalls abgebrochen. Bei der Kartusche wurden die Thermoverbundstoffe ohne das notwendige Werkzeug aus ihren Halterungen gerissen. Ich spüre, wie die Verzweiflung in mir die Oberhand zu gewinnen droht. Seltsamerweise rückt mein Verstand sofort zu Pa. Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Er schläft seinen Rausch aus. Und damit weiß ich, was passiert sein muss. In diesem Moment schließt sich die kalte Hand der Angst um meine Kehle. Ich richte mich auf, wende mich der Tür zu, aber es ist zu spät. Mit einer schnellen Bewegung schiebt sich ein massiger Schatten durch die Öffnung. Ein Bündel von Zaunstangen fällt scheppernd zu Boden und wirbelt noch mehr Staub auf. Die Tür schießt zischend zu und dann sehe ich nur das Schwarz seines Rückens in dem kleinen viereckigen Glasfenster. Man kann die Tür von der Hausseite verriegeln. Danach ist es nicht mehr möglich, sie von der Garage aus zu öffnen.
Sofort gehe ich zur Rolltür der Außenseite und betätige den Öffnungshebel. Nichts geschieht. Der Strahl meiner Lampe wandert zur Deckenverkabelung der Tür. Die Kabel hängen in einem wilden Wust aus der Verkleidung. »Verdammt …« entfährt es mir und ich trete gegen die Lamellen, dass es nur so scheppert.
Die Tür zum Schuppen ist ebenfalls verschlossen. Hier finde ich das zugeschnappte Vorhängeschloss in dem sonst stets der Schlüssel steckt. Er ist weg. Vom Schuppen aus hätte man eh nicht ins Freie gekonnt. Warum ihn dann abschließen?
Ich sehe mich um. Der Droide, er steht nicht auf seiner Induktionsplatte. Spuren auf dem Boden erklären, wo er sich befinden muss. Jemand hat ihm befohlen, sich in den Schuppen zu begeben und dann hat er ihn da eingeschlossen. Warum? Weil X8 in der Lage gewesen wäre, die schwere Garagenlamellentür anzuheben? Wenigstens so weit, dass ich hinaus hätte kriechen können? Verdammt, verdammt, verdammt!
Fieberhaft überdenke ich meine Optionen, aber immer wieder werden meine Gedanken von der Angst um Mareh-Betrix und Ma unterbrochen. Verdammt.
Warum macht er das? Warum? Aus Rache? Macht er es, weil er sich rächen will? Für seinen Schmerz, für das verbrannte Gesicht? Aber es war nicht unsere, nicht meine Schuld. Es war ein Unfall und er hat sich dabei auch nicht gerade sehr geschickt angestellt. Verfluchte Scheiße.
Ich hämmere gegen die Verbindungstür und schreie. Ich rufe seinen Namen, rufe nach Ma und Mareh-Betrix. Niemand antwortet. Durch das Fenster sehe ich nur noch Dunkelheit. Die Tür auf der anderen Seite des Flurs ist nun geschlossen.
Verzweifelt lehne ich mich mit dem Rücken an die Tür und rutsche langsam daran herab. Der Lichtkegel der Lampe kommt zwischen meinen Beinen zur Ruhe. Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Was soll ich tun? Was wird er tun?
Ich rufe. So laut ich kann, brülle ich den Raum an. Dann stehe ich auf und brülle die Tür an, trete dagegen, schlage dagegen, brülle erneut.
Auf der anderen Seite rührt sich nichts. Dann wird mir klar, wie laut ich bin und wie unmöglich mir es dies macht, etwas von drüben zu hören. Also schnappe ich nach Luft, schließe meinen Mund und lausche. Nichts.
Noch einmal wiederhole ich die Prozedur: Brüllen, schlagen, treten und lauschen. Nichts. Gerade will ich wieder in mich zusammensinken, als ich doch einen Laut vom Haus her höre. Mir stockt der Atem. Es ist ein erstickter Schrei. Ma oder Mareh-Betrix. Ich kann nicht anders; mit der ganzen mir zur Verfügung stehenden Kraft ramme ich gegen die Tür, zwei, drei Mal, bis es gefährlich in meiner Schulter knackt und der Schmerz mich zur Aufgabe zwingt. Tränen rinnen mir über die Wangen. Ich drehe mich im Kreis und suche nach einer Lösung. Werkzeug ist die Lösung. Mit schmerzendem Arm gehe ich zur großen Werkbank und untersuche meine Optionen. Der große TVM liegt mitten auf der Platte. Der Abstrahlstutzen ist mit Verbundstoffüberresten verklebt. Das Gerät aufnehmend richte ich das Licht auf die Tür. In den Seiten sind die Verbundstoffe eingesetzt. Aber an die komme ich nicht heran. Ob ich den Thermoverbundstoffmanipulator so einstellen kann, dass er durch die Tür die Beschläge löst? Ich versuche es. Zuerst unten, damit die Tür nicht überkippen kann, wenn es tatsächlich funktionieren sollte.
Leider stelle ich den TVM anfangs falsch ein und erzeuge einen stinkenden schwarzen Fleck auf der Tür. Aber dann richte ich ihn weiter vom Stutzen weg ein und ich höre das leise Summen der Verbundstoffe im Metall. Es könnte klappen. Langsam schiebe ich das Werkzeug hin und her, in der Hoffnung, so möglichst großen Schaden anzurichten. Es stinkt. Wahrscheinlich sind einige der Verbundstoffe schon geschmolzen und beginnen jetzt zu verbrennen, während andere noch halten. Egal, ich mache weiter. Was soll passieren? Die Tür wird heiß und ich fasse sie nicht an. Wenn die mir zugewandte Platte sich lösen lässt, ist sie ohnehin kaputt. Außerdem, was kümmert mich die scheiß Tür?
Lauschend bestreiche ich weiter die Stellen hinter denen ich Verbundstoffe vermute. Dann höre ich erneut einen Schrei und diesmal donnert etwas Schweres zu Boden.
Halb wahnsinnig vor Angst richte ich mich auf und rufe wieder. Immer wieder rufe ich Mabes Namen. Ich schreie, bis ich heißer bin. Dann nehme ich hektisch den Manipulator auf und behake damit die Tür. Er summt und es dauert eine Ewigkeit. Doch dann passiert etwas. Sie regt sich, rutscht einen Millimeter nach unten und das wars. Ich halte inne. Beleuchte das Ergebnis. Sie ist tatsächlich etwas tiefer gerutscht. Warum geht sie nicht auf? Rüttelnd versuche ich, sie zu öffnen. Sie hält. Die äußere Metallplatte hat sich zwar bewegt, aber die Haltebolzen scheinen sich nicht ganz gelöst zu haben. Ich brauche etwas, mit dem ich die Platte von der darunter gelegenen Gitterkonstruktion abziehen kann. Mit hektischem Gebaren wende ich mich dem Raum, in dem ich gefangen bin, zu. Erneut leuchte ich Wände und Boden ab. Erst jetzt fällt mir etwas ein. Warum schalte ich nicht das Licht ein? Genervt fingre ich nach dem Schalter. Er funktioniert nicht. Ich versuche die verbale Kontrolle. Wieder nichts. Was ist hier los?
Auf der anderen Seite des Raumes ist der Hauptschaltschrank, der auch das Haus kontrolliert. Ich gehe hinüber, stoße mir den Fuß an einem Holzstiel und fluche laut. Der Schaltschrank ist abgeschlossen. Also gebe ich die Kombination ein. Er reagiert nicht. Mit der Lampe erhelle ich die Kabel unter dem Schrank. Sie sind durchtrennt. Alle. Wie ein Pferdeschweif hängen Dutzende von zerfransten Leuchtkabelenden aus der Metallverkleidung. Ich greife mir an den Kopf. Das kann doch nicht wahr sein. Warum macht er das?
Also gut, dann ohne Licht. Ohne Energie kann ich auch nicht um Hilfe rufen, fällt mir ein. Wenn ich die Garagentür aufbekäme, könnte ich mit dem Pod zur Station rüberfahren oder zu den Janters. Aber dann müsste ich: A) die Tür zuerst überwinden und viel schlimmer: B) meine Ma und Mareh-Betrix mit dem ganz offensichtlich irre gewordenen Mr Torma alleine lassen. Sie sind nun schon mehrere Minuten mit ihm alleine. Viel zu lange. Andererseits frage ich mich, was ich gegen diesen Turm von einem Mann machen würde, wenn ich Zugang zum Haus bekäme. Eine Waffe wäre gut. Der Flamer ist hin und im Haus wäre es ohnehin viel zu riskant, ihn zu benutzen. Wie wäre ein Druckluftbolzengerät? Wo mag es sein? Dann sehe ich von Grauen erfüllt die Holzwand mit den Werkzeugen. Dort wo der Bolzenwerfer hängen sollte, ragen mir zwei leere Bügel entgegen. Ich suche die Werkbank ab, aber ich weiß jetzt schon, dass ich nicht finden werde, was ich suche. Verdammt, verdammt, verdammt.
Nach einer Minute Bedenkzeit trete ich zur Schuppentür. »X8, Meldung!« rufe ich durch die geschlossene Tür. Er kann mich mit Sicherheit hören, aber ich warte vergeblich auf eine Reaktion. Noch einmal versuche ich es: »X842, Statusbericht ausgeben!« Nichts passiert. Kann Torma den Droiden lahmgelegt haben? Ich poche gegen die Tür und lege schließlich meine Stirn gegen das kühle Metall, weil die Verzweiflung mich zu überwinden droht, als ich zusammenschrecke. Auf der anderen Seite schlägt etwas metallenes gegen die Tür.
»X8? Melde dich!«
»X842 meldet sich zum Dienst … Status normal, acht Stunden Betriebsbereitschaft, Mängel keine nennenswerten, wie kann ich behilflich sein junger Master Irnov?«
Die seltsam unmenschliche Stimme des Droiden tröstet und verängstigt mich gleichermaßen. Hektisch rufe ich durch die Tür: »X8, kannst du die Tür öffnen?«
»Sie ist verschlossen, Master Irnov.«
»Das weiß ich auch. Kannst du sie öffnen?«
»Die Tür ist verschlossen«, wiederholt X8 ungerührt.
Ich schreie ihn an: »Kannst du die scheiß Tür aufbrechen?«
»Soll ich dies versuchen? Sie würde unter Umständen dabei beschäd…«
»X842, brich die verdammte Tür auf! Jetzt!«
Ich höre, wie er einen Schritt auf die Tür zugeht. Im unteren Drittel höre ich ein leises ›Plog‹. Vermutlich hat er einen seiner Füße gegen das Metall gestellt. Jetzt höre ich seine Servos rumoren. Mindestens vierzig kleine Motoren und Hydrauligorgane widmen sich der Aufgabe, das Hindernis aufzudrücken. Staub und Mörtel rieseln von der Wand und von der Decke. Ich muss husten und trete einen Schritt zurück. Er drückt fester, ich höre seine Gelenke quietschen. Dann herrscht plötzlich Stille.
»X8?« Meine Stimme klingt seltsam rau und unvertraut. Ich huste und rufe ihn erneut, als ich nicht sofort Antwort erhalte.
»Master Irnov, die Tür hält meinem Anpressdruck stand. Ich würde nun eine andere Strategie in Angriff nehmen. Mit etwas Abstand sollte ich in der Lage sein, der Tür einen erheblichen kinetischen Schlag zu versetzen und somit ihre Angelpunkte schwächen können. Ist dieses Vorgehen in ihrem Sinne?«
»Ja, ja mach einfache. Hauptsache, die Tür ist auf.«
»Sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit danach nicht mehr zu schließen sein. Es könnten Kosten für eine Reparatur entstehen …«
»Bei allen Teufeln, ramm jetzt die Tür auf, X8«
»Sehr wohl junger Master Irnov.«
Ich höre ihn die drei Schritte von der Tür zurückweichen, die der Raum ihm auf der anderen Seite bietet. Dann kommt er deutlich schneller wieder heran und rammt im oberen Drittel die Türplatte. Der Schlag ist viel enormer, als ich geglaubt hätte. Wieder füllt sich der Raum mit Staub und in der Decke bricht eine der Blechschienen, über die ein armdicker Kabelstrang ins Haus hinüber verläuft. Das ganze Zeug kommt krachend herunter und ich frage mich allmählich, ob es wirklich die klügste Idee war, den Droiden die Garage zerlegen zu lassen. Aber dann ruckt meine Lampe zur Schuppentür und ich erschrecke. Diese Dinger könnten sicher auch für Raumschiffe benutzt werden. Sie hat oben eine ziemliche Beule, aber als ich auf sie zutrete und den Riegel zu mir ziehen will, bietet sie mir nach wie vor Widerstand. Er muss es noch einmal machen. Warum macht er es nicht einfach?
»X8, nochmal!«
Keine Antwort.
»X8, mach es nochmal«, rufe ich, ärgerlich über die Behäbigkeit des Lastdroiden.
Wieder keinerlei Antwort. Verdammter Mist, er wird sich doch nicht selbst beschädigt haben? Ich lege meine Ohr gegen das Metall und lausche. Da ist ein leises Ticken, wie das Geräusch einer Uhr im Nebenzimmer, wenn man nachts im Haus nicht einschlafen kann. »X8«, flüstere ich, »kannst du mich hören?«
»Ja, Master Irnov«, donnert mir seine Stimme ins immer noch am Metall liegende Ohr. Ich falle beinahe auf den Hosenboden, so sehr erschrecke ich.
»Verdammt, was machst du denn?«
»Die Tür ist nun beschädigt, wie ich vermutet habe. Ich habe die Wahrscheinlichkeit berechnet, sie ohne weitere Schäden ganz zu öffnen und komme auf ein sehr betrübliches Ergebnis.«
Langsam reibe ich mir mit dem Zeigefinger und dem Daumen meiner freien Hand über die Schläfen. Dann sage ich ganz ruhig: »X8, es ist nicht wichtig, ob die Tür beschädigt wird. Wir werden sie ersetzen. Bitte öffne sie jetzt mit aller nötigen Gewalt. Jetzt!«
»Ja, Master Irnov. Bitte treten sie zurück.«
Bang – der zweite Einschlag ist noch heftiger als der erste und diesmal ist die Beule in der Tür so stark, dass oben ein handbreiter Spalt entsteht. Sicher, dass der Droide die Tür aufbekommt, richte ich den Lichtstrahl auf die Haustür, aus Angst, Torma könnte erscheinen und meine Handlungen vereiteln. Gemeinsam mit dem Droiden werde ich etwas gegen die vorherrschende Situation unternehmen können. Zuversicht versucht die Angst um Mabe zu überlagern, aber der Schein trügt. Die Angst ist stark. Sie ist eine der schrecklichsten Mächte, gegen die wir uns das ganze Leben zur Wehr setzen müssen. Es soll ja Menschen geben, denen es gelang, die Angst zu besiegen oder sie schlicht hinter sich zu lassen. Ich gehöre leider nicht zu diesen Helden. Mich begleitet die Angst schon mein ganzes Leben und gerade jetzt im Moment hat sie eine ganz neue Dimension erreicht. Es ist eine Sache, sich vor peinlichen Momenten zu fürchten oder Angst davor zu haben, Gefühle zu entwickeln, die weder erwidert werden, noch erlaubt waren. Die Angst hingegen, die Person zu verlieren, die man über alles liebt, ist atemberaubend und unbeschreiblich.
Das Krachen der Tür holt mich in die Realität zurück. Ein Dachbalken, direkt über der Tür bricht und fällt auf den Garagenboden, reißt dabei Kabel, eine Lampenleiste und mehrere Deckenplatten herunter. Krachend und scheppernd geht alles zu Boden und verursacht noch mehr Staub und Dreck in der Luft, so dass ich erneut husten und nach Atem ringen muss. Doch dann schiebt X8 die komplett verbogene Tür zur Seite und stampft mit seinen vier Beinen durch die Trümmer. Im Halbdunkel der Garage glimmen seine Augen seltsam gefährlich gelb. Er sieht sich mechanisch um wie eine Kriegsmaschine auf der Suche nach ihrem unsichtbaren Feind. Dann entdeckt er mich und wendet sich mit dem Oberkörper meiner Person zu.
Sofort deute ich auf die Lamellentür der Garage. »Heb sie hoch!« befehle ich mit strenger Stimme. »Spielt keine Rolle, wenn sie dabei zu Bruch geht.«
Er wendet sich kommentarlos der Rolltür zu, beugt sich nieder und versucht, an der untersten Kante mit den Greifmanipulatoren Halt zu finden. Immer wieder rutscht er ab. Es ist ein immer wieder seltsam komischer Moment, wenn einem Droiden eine Aufgabe nicht gelingt und er sich seinem Meister zuwendet, um diesem den Sachverhalt zu erläutern. Diese eine Sekunde, bevor er die Situation verbal zu lösen versucht. Bei uns Menschen gehen Blicke und Gesten voran, aufklärende Elemente, die vieles einfacher machen. X8 kann sich nicht über Gesten verständlich machen. Er hat praktisch überhaupt keine Mimik. Und dann richtet er sich auf und legt seinen Kopf einen Millimeter schief, braucht einen Augenblick, bis er aus allen ihm zur Verfügung stehenden Antworten die passendste herausgefiltert hat. In diesem speziellen Augenblick ist er menschlich. Ich muss trotz der verqueren Lage, in der ich mich befinde, erschöpft lächeln.
»Ich kann die Tür nicht greifen. Sie ist glatt«, sagt er sinnloser Weise und ich nicke, noch ehe sein Sprachmodul seine Aufgabe vollendet hat.
»Wir probieren es anders«, sage ich leise.
Er folgt mir mit den Sensoren, während ich den Balken aus der Decke zu ihm hinschiebe. Dann nehme ich eine der Metallplatten, ramme sie unter die Tür und hebe sie mit äußerster Anstrengung auf den Balken. Die so entstandene Wippe macht einen guten Eindruck. Ich deute darauf und sage ruhig: »Belaste das Metall auf deiner Seite und drücke damit die Tür hoch. Mach es mit einem deiner Füße, damit du mit den Manipulatoren unter den entstehenden Spalt greifen kannst!«
Er versteht die exakte Aufgabe sofort und handelt. Sein vorderstes Bein hebt sich und bewegt sich langsam auf die Platte zu. Langsam und exakt wie die Maschine, die er ist, belastet er die Platte und sein Gewicht reicht tatsächlich aus, um die Lamellen ein wenig nach oben zu schieben. Eine Öffnung entsteht und obwohl es draußen immer noch düster ist, fällt ein Lichtspalt ins Innere der Garage. Für seine Verhältnisse schnell greift der Droide mit beiden handähnlichen Manipulatoren in den Spalt und rastet ein. Die Rolltür ist so gut wie offen.
X8 rastet nun ebenfalls seine Beine ein und nun löst er vorsichtig, um die Servos nicht zu überlasten, seinen Oberkörper und nutzt somit das stärkste seiner Gelenke. Ganz langsam richtet er sich auf und hebt wie ein Bagger die Garagentür an. Dann treffen ihn die Plasmageschosse von draußen in die Beine und er bricht nach vorn zusammen. Das Getöse ist ohrenbetäubend. Wenigstens drei der vorderen Servos des Droiden brennen durch und überdrehen qualmend. Das Rolltor fällt herunter und klemmt die Manipulatoren ein. X8 sinkt zu Boden. Ich kann es nicht fassen. In der Luft liegt der Geruch des Plasmas und der verbrannten Droidenteile. Kläglich rasseln X8s gemarterte Gelenke. Ich bin immer noch zu schockiert, um ganz zu erfassen, was passiert ist. Torma muss uns draußen erwartet haben. Er hat mit Sicherheit den Radau gehört und hatte nachgesehen. Ich hatte seine Waffe ganz vergessen. Taumelnd nähere ich mich dem Lastendroiden. Er kniet vor der Tür und ist offensichtlich in den Selbstdiagnosemodus gefallen. Ich höre das leise Knacken in seiner Recheneinheit, die jedes Mal, wenn er einen der Tests durchlaufen hat, ein akustisches Signal ausgibt, um zu demonstrieren, dass der Droide noch arbeitet. Ich sehe mir das klaffende Loch in X8s rechtem Vorderbein an. Der Plasmabolzen hat ihn voll erwischt. Kabel und Lichtleiterschläuche haben sich von den Gelenken und Schiebemechanismen gelöst und stehen, teilweiße verschmort, teilweiße noch intakt, in alle Richtungen ab. Die Hauptschiene des Beines scheint noch zu halten, aber alle anderen beweglichen Teile sind in Mittleidenschaft gezogen und aus meiner derzeitigen Situation heraus irreparabel. Das andere Vorderbein sieht etwas besser aus. Hier hat der Treffer nur die Außenhülle versengt und einen Teil davon zum Schmelzen gebracht. X8 sollte somit noch in der Lage sein, zu gehen.
»X8, Statusbericht!« befehle ich leise.
Der Droide unterbricht den Selbsttest und richtet seine Sensoren auf mich. Diesmal ist mir kein bisschen zum Lachen zumute.
»Der Vorgang hat Bein V2 zerstört. Bein V1 hat nur optische Schäden an der Außenhülle davongetragen. Aus versicherungstechnischer Sicht soll…«
»Kannst du die Manipulatoren unter der Tür hervorziehen?« unterbreche ich ihn grob.
Ich sehe, wie die Servos in seinen Armen arbeiten und testen.
»Ja, kann ich. Aber dann kann ich die Tür nicht mehr anheben«, sagt er überflüssigerweiße, als ob da draußen keinerlei Gefahr bestünde.
»Tu es!«
Er zieht die metallenen Finger unter der Leiste hervor und diese fällt endgültig mit einem satten Schlag auf den Garagenboden zurück. Ein anderer Plan muss her. Ich bin gefangen, unbewaffnet und schwach, gegen einen übermächtigen, stark bewaffneten Gegner, der ganz offensichtlich gewaltbereit und nicht zum Scherzen aufgelegt ist. Wenn ich nur verstünde, was ihn antreibt. Was haben wir ihm getan? Es war ein verdammter Unfall. Außerdem, wie kann er jetzt schon wieder so agil sein? Ist die Regenerationsrate von Phani (oder Phanis?) so viel schneller, als die normaler Menschen? Ich kann mir das fast nicht vorstellen. Andererseits gibt es viele Spezies, deren Selbstheilungskräfte deutlich schneller anschlagen, als die von Menschen.
Verzweifelt sehe ich mich zum bestimmt hundertsten Mal in der Garage um. Der Staub tanzt nach wie vor durch die Luft und erzeugt einen Geschmack von Kalk und Kupfer in meinem Mund. Ich bücke mich, um eine Stange aufzuheben, doch dann lasse ich mich in den Schneidersitz zu Boden sinken. Ich habe keine Kraft. Die Lampe entgleitet mir, fällt in meinen Schoß. Mit den Händen vor meinem Gesicht fange ich meine Tränen auf. Was soll ich nur tun?
Ein ungleicher Kampf
Als ich zu mir komme, brennen meine Augen. Ich reibe mir den Dreck und das Salz meiner Tränen heraus und fingere nach der Lampe. Sie ist auf den Boden gerollt, leuchtet aber immer noch. X8 hat sich nicht gerührt. Er steht da auf seinen drei verbliebenen Beinen und rechnet. Ich sehe es ihm an. Aber was? Was berechnet er? Wohl kaum eine Alternative wie wir hier herauskommen. Ich bezweifle, dass er überhaupt versteht, in welcher Lage wir uns befinden. Denkt er über sein Bein nach und ob sich eine Instandsetzung lohnt? Kann er überhaupt denken?
Ich richte mich auf und werfe einen Blick auf die Uhr an der Garagenwand. Seit mich die Verzweiflung niederdrückte, sind nach meiner Schätzung etwa zehn Minuten vergangen. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Nabanugi-Wasserkessel auf dem Induktionsfeld; gleich wird er pfeifen und dann platzen. Immer noch habe ich keine Idee, was ich als nächstes tun könnte.
X8s monotones Stimmmodul unterbricht plötzlich meine Gedanken: »Ich könnte die Türplatte abheben und danach versuchen, die Innenstreben zu verbiegen, bis der Riegel sich löst. Die Innenstreben bestehen aus auf Polisilikat basierendem Kunststoffgewebe, welches eine Nenndichte von unter …« Ich höre ihm einen Moment zu, ohne recht zu begreifen, was ich da höre, doch dann springe ich wie von der Feder gelassen auf und unterbreche ihn: »Wie willst du die Platte greifen?«
Er braucht einen Moment, um sein Sprachmodul zu rekonfigurieren. Es fällt ihm immer schwer, wenn man ihn unterbricht, aber wenn man dies nicht tut, findet man sich stets in einem Exkurs der Physik oder Chemie wieder, der selbst meinen ehemaligen Lehrern ein Gähnen entlockt hätte.
Seine Antwort kommt langsam und wird von einer merkwürdig menschlichen Geste begleitet. Er nickt in Richtung der Werkzeugwand und richtet seine Sensoren auf den kleinen Bohrer. »Ich würde ein Loch in die Türplatte bohren, eine Schraube eindrehen und deren Kopf fassen. Mit meinen Greifern kann ich einen Druck von …«
»Ja, mach das bitte!« unterbreche ich ihn erneut und gehe schon zur Wand. Ich selbst hätte nicht annähernd die Kraft, die Platte an einer einfachen Schraube vom Untergestell der Tür zu ziehen. Aber ich hätte auf die Idee kommen können, etwas größeres an der Tür zu befestigen. Man arbeitet nur noch mit Thermoverbundstoffen, dass man an die einfachen Mittel wie Schrauben und Nägel überhaupt nicht mehr denkt. Ja, mach es Droide, zeig mir die Kraft, in deinen verdammten Greifern.
Ich überreiche ihm die Maschine und suche dann den entsprechenden Aufsatz. Diese Arbeit wäre für X8 sehr schwierig zu erledigen. Seine Manipulatoren sind nicht für feine Arbeiten ausgelegt. Also schiebe ich den Bohrer in das Futter der Maschine und er lässt es in einen seiner Greifer einrasten. Dann legt er los.
Erstaunlicherweise muss ich ihn nicht darauf hinweisen, leise vorzugehen. Er schiebt sich auf seinen drei Beinen vor die Tür, klopft kurz mit einem der Greifer an eine Stelle, überprüft eine andere und ich verstehe, dass er einen Hohlraum treffen will. Hätte gar nicht gedacht, dass seine akustischen Sensoren derart genau arbeiten. Andererseits kann er uns Menschen ja aber auch an der Stimmlage unterscheiden. Wenn er keinen Hohlraum träfe, würde er die Platte mit dem darunter liegenden Gerüst verschrauben. Nicht sinnvoll.
Er hat eine geeignete Stelle im Zentrum der Tür gefunden. Mit eckigen Bewegungen führt er die Bohrmaschine an ihr Ziel und betätigt ihren Schalter. Der Bohrer berührt das Metall der Tür. X8 lässt ihn sehr langsam kreisen. Warum? Weil er keinen Lärm erzeugen möchte. Einen anderen Grund kann es nicht geben. Aber dies würde bedeuten, dass der Lastendroide begriffen hätte, in welcher Gefahr wir schweben. Gut, man hat ihm ein Bein abgeschossen, aber vor dieser Sache hätte ich es nicht für möglich gehalten, ihn dabei zu beobachten, wie er auf eine solche Situation mit taktischer Vorsicht reagiert. Er ist dazu programmiert Lasten zu tragen, schwere Arbeiten zu verrichten und gegebenenfalls Dinge zu erledigen, die für Menschen zu gefährlich sind. Dies gilt auch, wenn er sich damit selbst in Gefahr bringt. Andererseits wurde ihm natürlich eingeimpft, seinen teuren Körper nicht mutwillig zu beschädigen. Aber hat er begriffen, mit was für einem Feind wir es zu tun haben und wie dieser zu uns steht? Ich meine, ich habe ja selber nicht so richtig verstanden, warum der Idiot uns angegriffen hat. Nach wie vor kann ich mir nicht vorstellen, was in ihm vorgeht. Es kann einfach nicht wegen dem Unfall sein. Das kann nicht sein. Er kann doch nicht so blind sein, uns deshalb zu hassen.
X8 hat das Loch gebohrt. Er zieht den Bohrer exakt waagrecht aus der Tür. Nun nimmt er von mir die Schraube entgegen und dreht sie in das Loch. Wir haben kein Gewinde eingedreht, aber das ist nicht weiter schlimm, da wir eine Holzschraube benutzen wollen. Deren Gewinde ist weit genug, um einfach selbst in das Blech zu schneiden und sie muss ja auch nicht viel halten. Als die Schraube sitzt, greift der Droide um – warum auch immer – und beginnt dann vorsichtig daran zu ziehen. Sofort erkennen wir beide, an welcher Stelle die Platte noch am Untergerüst festhängt. Oben links hat der TVM nicht richtig gelöst. Ich hole das Ding und betätige den Schalter. Das Summen ist nicht sonderlich laut und macht mir wenig Sorgen. Dafür verströmt der Thermoverbundstoffmanipulator einen stechenden Gestank, dem ich nicht ausweichen kann, weil mir mein Lieblingslastendroide den dafür nötigen Raum nimmt. X8 steht regungslos da. Ich muss mich an ihm vorbei recken, um zur Ecke gelangen zu können. Mit einem leisen Ploppen löst sich der durch den Zug des Droiden unter Spannung stehende Termoverbundstoff. Die Platte ist frei. Sofort greift X8 nach der ersten abstehenden Seite und hätte mich dabei beinahe gerammt. Gerade so kann ich ausweichen und meinen Kopf unter seinen Armen vorbeischieben. X8 hält die Platte an der Schraube und mit einem Manipulator an der rechten Seite. Ich sehe, wie seine Sensoren den Sitz der Tür in seinen Händen kurz prüfen, dann verstärkt er den Druck etwas und macht einen Schritt zurück. Die Platte ist ab. Ich sehe das Untergestell. Verdammte Scheiße, wir haben es geschafft!
Mit der freien linken Hand (in der rechten halte ich nach wie vor die Lampe) deute ich auf die Werkbank. Er versteht und schiebt die Türplatte davor so zurecht, dass sie nicht umfallen kann. Dann wendet er sich erneut der Tür zu und begutachtet mit seinen Sensoren das freigelegte Innere des Gebildes. Es wird langsam wärmer. Ganz leise höre ich das aufgeregte Schnattern der Pferdchen draußen im Stall. Sie wollen wie jeden Morgen gefüttert werden. Ich befürchte, es wird fürs Erste niemand kommen, um diese Arbeit zu erledigen. Dann denke ich an das Grün. Es muss bekämpft werden. Wenn wir es nicht zurücktreiben, werden wir die Farm verlieren. Bis Hilfe von außen kommt, ist es zu spät. Lass dich nie von einem Fremdweltler davon abhalten, das Grün zu bekämpfen!
Der Lampelkegel richtet sich auf den Magnetverschluss der Tür. Der Riegel ist fast so breit wie meine Hand. Nur drei Lichtkabel verbinden das Konstrukt mit einem Kasten, der etwas oberhalb im Rahmen befestigt ist. Von dort aus gehen wiederum zwei Leitungen auf die andere Seite der Tür und von da nach oben. Genau an der Stelle, an der mein Termoverbundstoffmanipulator anfangs nicht richtig gearbeitet hatte, befindet sich der Kontrollkasten, der am Schleifkontakt des Türgelenks angebracht ist. Davor ist eine zusätzliche Abdeckplatte. Spielt keine Rolle, da ich sicher bin, X8 dazu bewegen zu können, den Riegel direkt aus der Wand zu ziehen. Also erkläre ich meinen Wunsch und der Droide stellt sich etwas seitlicher, greift nach dem Servo, an dem der Riegel befestigt ist und bricht ihn direkt aus der Verankerung. Ein wenig erstaunt, nicht über eventuelle Reparaturkosten belehrt worden zu sein, sehe ich zu, wie er den Riegel mit mechanischer Präzision aus der Wand hebelt. Die Verbundstoffe, welche die Schienen des Riegels halten, knacken protestierend und geben schließlich nach. Die Tür ist nicht länger ein Hindernis. Danke X8. Du hast dir ein warmes Ölbad verdient. Und ein neues Bein. Und meinen Respekt.
Mit der Hand bedeute ich dem Doiden, dem natürlich keinerlei Freude über seinen Erfolg anzusehen ist, er möge einen Schritt zurücktreten und mir Platz machen. Er tut, wie ihm geheißen und ich stelle mich vor die ramponierte Tür. Dann versuche ich sie so leise wie möglich zur Seite zu schieben. Nur einen kleinen Spalt. Als ich merke, wie sie auf ihren Schienen zu gleiten beginnt, mache ich schnell das Licht aus. Etwas erstaunt nehme ich wahr, wie X8 den Restlichtverstärker seiner optischen Sensoren dimmt. Er wäre ein verdammt guter taktischer Felddroide geworden.
Auf der anderen Seite ist alles still. Der Flur zwischen den beiden Gebäudeteilen liegt im Dunkeln vor mir. Nichts rührt sich. Ist Torma noch draußen? Erwartet er einen erneuten Ausbruchversuch durch das Rolltor? Am meisten wundere ich mich darüber, dass er nicht in die Garage eingedrungen ist. Andererseits wollte er vielleicht einfach nur mein Entkommen verhindern. Vielleicht will er ja doch keine Rache. Was weiß denn ich, was er will? Egal. Ich muss mich um Ma und Mareh-Betrix kümmern. Nur das zählt.
Mit äußerster Konzentration lausche ich auf die kleinsten Geräusche. Oben im Haus bewegt sich jemand. Hat er sie nach oben getrieben?
Irgend etwas riecht merkwürdig. Was ist das nur?
Ich schiebe die Tür etwas weiter zur Seite, vergrößere den Spalt und kann nun die Ausgangstür des Hauses sehen. Sie ist geschlossen und die Fensterklappe ist ebenfalls zu. Darum ist es so dunkel hier. Normalerweise halten wir die Sichtklappe offen, was um diese Zeit genügend Licht einlassen würde, um etwas mehr erkennen zu können.
Noch ein Stückchen und der Türspalt reicht für mich. X8 bedeute ich, er solle die Stellung halten. Er quittiert den Befehl mit einem minimalen Aufflackern seiner Sensorik. Also wage ich den ersten Schritt. Der seltsame Geruch macht mich noch nervöser, als ich es ohnehin schon bin. Lass dich nie von deiner Angst übermannen!
Die Haustür auf der anderen Seite des Flures ist ebenfalls geschlossen. An der Wand hängen die Regenjacken der Familie. Marbeh-Betrix` und Mas Stiefel stehen auf einer Schallreinigungsmatte. Der Boden ist verschmutzt. Schlammbrocken und Schlieren … er ist wieder im Haus. Verdammt – es wäre einen Versuch wert gewesen ihn auszusperren, aber andererseits können keine unserer Türen seinem Blaster standhalten. Nicht einmal eine einzige Sekunde.
So leise wie möglich bewege ich mich auf die Haustür zu. Ob er sie verschlossen hat? Falls er dies getan haben sollte, war es das mit meiner Exkursion. Nicht einmal X8 wäre mit all seiner Kraft in der Lage, die Sicherungsriegel der Haustür zu durchbrechen. Keine Chance. Ich mache mir einen geistigen Vermerk, beim nächsten Droidenkauf auf wenigstens einen Manipulator mit schwerer taktischer Feuerwaffe zu bestehen. Aber vielleicht habe ich Glück und er hat sie einfach nur ins Schloss fallen lassen.
Bei der Tür angekommen, lege ich zuerst ein Ohr an die kühle Platte. Drüben höre ich leise Geräusche. Es klingt ein bisschen wie ein Wimmern. Mir wird schlecht vor Angst. Nicht auszudenken, wenn er Marbeh-Betrix oder Ma etwas angetan hat. Verdammtes Arschloch, warum machst du das? Ich hasse ihn, hasse ihn vor allem für die Ungewissheit, kann aber in Wahrheit überhaupt nicht glauben, dass etwas Schlimmes passiert sein soll. Tief in meinem Inneren verschließe ich mich vor dieser Möglichkeit. Uns passiert so etwas nicht.
Vor drei Standardjahren haben unbekannte Sölder eine Farm auf der anderen Seite des Tales niedergemacht. Es ging die Vermutung, sie hätten notlanden müssen und wären rein zufällig dort vorbei gekommen. Drei Standardjahre und sechs Tagesmärsche ist das von uns entfernt. Uns passiert so etwas nicht. Ob Torma ein Firmensöldner ist? Diese Leute haben keine Seele, pflegte Humb zu sagen. Früher hatte er viel mit ihnen zu tun gehabt. Er hatte bei der Landefläche gearbeitet. Nicht für die CTC. Mehr in Eigenregie – hat alles an die Reisenden verkauft, was Gedan zu bieten hatte und sie brauchen konnten. Auch mit Söldnern hatte er gehandelt. Immer wieder war er in gefährliche Situationen geraten und Pa hatte deswegen oft abends am Essenstisch geschimpft. SIe stritten und stritten und am Ende tranken und lachten sie. Onkel Humb fehlt mir sehr. Er war die Freude auf unserem Hof. Das Lachen ist mit ihm verschwunden. Es liegt tief unter der Erde, da hinten bei den Stallungen, wo der Goro-Baum Humbs Ruhestätte beschützt. Manchmal, wenn ich dort sitze und Mareh-Betrix mit den Pferdchen spielen sehe, meine ich es zu hören. Es ist dann, als wäre mein eigener Bauch eine Art Resonanzkammer für des Onkels Freude. Torma … verdammter Mistbock, gib mir eine Chance und ich zeige dir, wie es einem geht, der uns Farmern übel mitspielt. Eine Chance …
Die optische Anzeige der Tür steht auf orange. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Grün würde bedeuten, die Riegel halten die Tür überhaupt nicht. Rot wäre das Ende. Orange hingegen bedeutet, die Riegel halten die Tür an Ort und Stelle, lassen sich aber manuell bewegen. Mit zitternden Fingern entriegle ich die mechanischen Verschlüsse. Ich will dringend vermeiden, durch die Elektronik ein Geräusch zu verursachen. Also schiebe ich die schwere Metalltür per Hand so langsam wie möglich in die Seitenwand.
Im Esszimmer ist es dunkel. Jemand muss die Außenrollläden herunter gelassen haben. Durch das Glas der Küchentür dringt ein wenig Licht. Vorsichtig erkundet mein Fuß den Boden und gleitet weg. Ich halte mich an einem der Regenmäntel, reiße ihn vom Haken und rutsche endgültig aus. Der scheiß Boden ist nass. Es riecht merkwürdig. Mir dreht sich der Magen um. Im Dunkeln ertaste ich etwas Glitschiges neben meinem Bein. Ich halte die Luft an, lausche. Währenddessen versuche ich auszuloten, ob ich gehört wurde. Mein Herz donnert gegen meinen Brustkorb. Verdammt, was ist das nur. Ich versuche, meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen und schließlich erkenne ich die Konturen des Dings. Es ist etwa so groß wie meine Hand und hat auch eine ähnliche Form. Ich berühre es mit einer Fingerspitze. Die Lampe einzuschalten wage ich nicht. Es fühlt sich irgendwie schlabbrig an, wie Gummi. Dann erkenne ich es und kann nur mit allergrößter Mühe einen Schrei und dann den Brechreiz unterdrücken. Es ist eine Hand. Es ist eine verdammte Hand. Bei allen Göttern warum liegt hier eine Hand? Und das Nasse … ist Blut. Es ist ziemlich viel Blut. Ich bin auf einer abgetrennten Hand ausgerutscht. Meine Gedanken überschlagen sich. Alles in mir zieht sich zusammen. Ich schmecke die Galle in meinem Hals. Verfluchter Wichser, warum bist du nicht einfach da draußen gestorben? Ich hätte dir einen Tritt geben sollen, du Mistkerl. Stattdessen haben wir dich gepflegt. Scheiße, Scheiße, Scheiße …
Wessen Hand? Verkrampft drücke ich mein Gesicht gegen das Gummi der Regenjacke und versuche zu atmen. Der Geruch des Blutes lässt mich erneut würgen und diesmal füllt sich mein Mund mit Erbrochenem. So leise wie möglich spucke ich aus und wische mir das Gesicht mit dem Ärmel des Regenmantels ab. Wessen Hand?
Kann die Tränen nicht zurückhalten. Muss aber das Schluchzen unterdrücken. Darf kein Geräusch machen. Nicht noch mehr.
Vorsichtig bewege ich mein Gesicht zu der Hand. Sie liegt da wie ein sich ausruhendes Tier. Sie ist so lebendig. Im Dunkeln bewegen sich die Finger. Mir ist so schlecht und ich habe fürchterliche Angst. Der Knoten in meinem Bauch schmerzt. Es ist schwer Luft zu bekommen. Der Geruch nach Blut und Erbrochenem überlagert jedes Denken. Es ist Mas Hand. Soll mich das beruhigen? Wäre es mir lieber, wenn es Mabes Hand wäre? Natürlich nicht. Muss ich eine Entscheidung treffen? Die Hand ist ab, die Entscheidung gefallen. Und dennoch, ich muss mich entscheiden, muss für mich, tief in mir, festlegen, ob ich nun beruhigt bin oder eben nicht. In mir windet sich eine Schlange. Ich bin beruhigt, es ist Mas Hand. Es zerfrisst mich. Die Schlange windet sich durch meine Eingeweide. Warum beruhigt es mich, dass es Mas Hand ist? Verdammt, verdammt – ich fühle mich so schlecht, so schuldig.
Erkannt habe ich es an dem Ring. Am Ringfinger steckt ihre grauer Gradiensring der merner botanischen Instituts-Universität für Siedlerprojekte. Sie legt ihn nie ab. Auch jetzt nicht. Tränen verschleiern mir die Sicht. Oben höre ich einen erstickten Schrei. Ich muss handeln. Schnell.
Dicht auf den Boden gedrückt, robbe ich ins Esszimmer und versaue mich komplett mit Mas Blut. Dann sehe ich sie. Durch die schmalen Spalte der Rollläden dringt gerade so viel Licht, um mir die Szenerie zu verdeutlichen. Ma liegt auf Tormas Notbett. Eine schwarze Silhouette, bewegungslos, tot. Bitte, bitte, sie soll nicht tot sein. Ich krieche unter dem Tisch hindurch, näher an den unbeweglichen Leib heran. Es ist Ma. Ich erkenne sie. Und ihr Brustkorb hebt sich langsam, ein ganz klein wenig. Sie lebt. Dann bin ich endlich bei ihr, rieche Urin und noch mehr Blut. Jemand hat sie in Tormas Decke eingewickelt. Der Stumpf ragt zwischen ihren Brüsten hervor, dicht an den Hals gepresst. Ihre Augen sind geschlossen. Vielleicht hat er ihr etwas gegeben oder sie ist besinnungslos geworden, als das Schwein ihr die Hand abtrennte. Warum?
Von der Verzweiflung getrieben ihr helfen zu wollen, sehe ich mich um. Was kann ich nur tun? Dann sehe ich auf dem Boden, keine drei Schritte von ihr entfernt, das Messer liegen. Es ist das große gezahnte Küchenmesser, mit dem Pa die Pferdchen zerlegt, wenn er mal eins schlachtet. Das Messer liegt ruhig da, aber es ist ein Raubtier. Seine scharfen Zähne sind blutbesudelt. Fassungslos sehe ich es an. Es ist sehr dunkel, aber ich kann es dennoch sehen. Er hat ihr die Hand mit dieser Klinge abgetrennt – genau hier am Tisch. Mich etwas aufrichtend, betrachte ich die Tischplatte und wieder stockt mir der Atem. Auch hier Blut und tatsächlich eine breite Kerbe im Holz, wo das Monster zu tief geschnitten hat. Selbst für einen Mann wie ihn, kann es nicht einfach gewesen sein, den Knochen zu durchtrennen. Verdammte Scheiße.
Das Messer, ich muss es haben. Also greife ich danach und erwarte, dass es nach mir schnappt. Vorsichtig, als greife ich tatsächlich nach einer Schlange, packe ich das Messer am Griff, als fürchte ich, es könne mich selbstständig angreifen. Es hat mich schon angegriffen. Meine Gedanken hat es angegriffen.
Meine Hand schließt sich um den glitschigen Griff. Dann wische ich es an meinem Hemd trocken. Es muss trocken sein, damit ich es halten kann und ich muss es halten können. Dann wende ich mich wieder Ma zu. Es tut mir so leid. Ma, es tut mir leid, aber was soll ich denn machen? Es tut mir so leid. Wieder weine ich. Es ist schrecklich, aber wenn es Mabes Hand gewesen wäre, hätte ich es nicht verkraften können. Es tut mir so unendlich leid.
Ich lausche ihrem Atem. Dann öffnet sie die Augen. Es ist, als hätte sie meine Gedanken gehört. Den Atem anhaltend beobachte ich das Glitzern ihrer Augäpfel in der Dunkelheit, die irre hin und her eilen, wie kleine gefangene Mäuse, die nach einem Ausweg suchen. Es gibt keinen Ausweg. Aus dieser Sache kommen wir nicht mehr raus. Wir sind alle gefangen. Auch er, er hat das nur noch nicht begriffen. Andererseits, kampflos werde ich nicht aufgeben.
Mas Schluchzen reißt mich aus meinen irren Gedanken. Den Finger vor die Lippen haltend, versuche ich sie zum Schweigen zu bringen, aber das funktioniert natürlich nicht. Sie wimmert, hat mit Sicherheit schreckliche Schmerzen. Ich muss etwas unternehmen, sofort. Zuerst lege ich ihr beruhigend die Hand auf den Mund und flüstere ihr ins Ohr. Alles wird gut, lüge ich. Alles wird gut. Belüge niemals deine Eltern.
Dann drücke ich etwas fester, weil sie nicht aufhört zu wimmern. Bitte, bitte Mam, sei leise, sonst habe ich keine Chance gegen den Mann. Ihre Augen rollen wie wild. Sie bekommt zu wenig Luft. Schuldbewusst lasse ich locker. Schuldbewusst windet sich die Schlange in mir. Sie ist jetzt aus meinen Eingeweiden hinauf in mein Herz gekrochen. Hier nistet sie sich ein – kalt reibt sie mit ihren Schuppen an der Innenwand meiner Gefäße. Es schmerzt, aber es macht mich auch wach. So Mam, du bist jetzt leise und ich krieche in die Küche hinüber und besorge dir etwas gegen die Schmerzen. Sie versteht mich sicher nicht, aber sie ist jetzt ruhiger und außerdem ist es wahrscheinlich auch überhaupt nicht auffällig, wenn eine Frau wimmert, der man eine Hand abgeschnitten hat. Also mache ich mich auf den Weg. Die Küche ist viele Tagesreisen von Mams Lager entfernt. Schnell, es muss schnell gehen und lautlos. Lautlos und schnell.
In der Küche gibt es einen kleinen Schrank mit Medikamenten. Mit zittrigen Fingern suche ich nach dem Neurazitpräparat. Da ist es. Eine Glasampulle mit einer grünlichen Flüssigkeit. Ich sehe nicht aus dem Fenster. Draußen ist es neblig. Ich sehe mir nur die Ampulle an. Neurazit ist ein sehr starkes Schmerzmittel. Es wird sie ruhig stellen. Es wird sie mindestens mehrere Stunden ins Land der Albträume schicken, aber sie wird ruhig sein. Mit der Beute mache ich mich wieder auf den Weg. Diesmal schleiche ich in tiefster Gangart an der Treppe vorbei, zurück ins Esszimmer. Ich komme an Mas ToDo-Bord und den ebenfalls analogen Familienbildern vorbei. Die Bilder an der Wand kommen mir seltsam fremd vor. Die Schaukel auf der Mabeh sitzt, hinter ihr Onkel Humb, einen Strohhut auf dem Kopf und wie immer lachend – eine Szene aus einer anderen Epoche. Ma und Pa auf dem Zugpod. Er ist neu, sie haben ihn gerade abgeholt. Die CTC hat ihn bezuschusst, sonst hätten sie sich dieses Monster niemals leisten können. Weiter hinten im Bild kauern zwei Gedanen. Sie leben nicht hier, waren nur zufällig vor Ort, als das Bild aufgenommen wurde. Humb fragte damals, ob er sie aus dem Bild entfernen solle, aber Ma fand, sie gehören dazu. Später hat Pa sie vertrieben, wenn sie kamen, um ihr Flechtwerk zu verkaufen. Diebe und Bettler hat er sie genannt. Kann mich nicht erinnern, von einem der Ureinwohner mal bestohlen worden zu sein und gebettelt haben sie auch nie. Stets gaben sie etwas, wenn sie etwas bekamen. Sie sagen, das sei ihnen heilig. Es ist eine der Regeln des kleinen Volkes. Das schlimmste Bild ist aber das, auf dem ich selbst zu sehen bin. Es ist ein Familienbild mit uns allen. Grandma ist mit drauf. Sie war nur ein einziges Mal zu Besuch hier auf Gedan. Ich vermisse ihr gütiges Lächeln. Auf dem Bild lächle ich nicht. Alle anderen lächeln, nur ich nicht. Es ist so fremdartig, weil ich das nicht bin. Nicht mehr. Ich erkenne mich nicht. Seit heute bin ich das nicht mehr. In kurzer Zeit habe ich dieses Bild verlassen. Das Bild von mir selbst.
Ma atmet schnell. Sie hat schlimme Schmerzen. Mit ihrer gesunden Hand umklammert sie den Stumpf. Die Decke ist darum gewickelt. Im Dunkeln kann ich nicht erkennen, wieviel Blut austritt. Es muss etwas passieren. Mir war bis eben nicht klar gewesen, dass die Wunde überhaupt nicht versorgt wurde. Schnell verabreiche ich Ihr das Neurazitpräparat. Es wirkt nahezu sofort. Ihre Hand entspannt sich, ihr ganzer Leib scheint in sich zusammen zu sinken. Die Verkrampfung des Schmerzes löst sich und ihre Augen werden ruhiger. Aber ich habe keine Zeit. Die Blutung muss gestoppt werden. Also wickle ich zuerst den Stumpf aus, aber im Zwielicht werde ich Probleme haben, ihr zu helfen. Licht ist gefährlich, aber ich muss es riskieren. Wenn ich die Lampe neben sie lege, auf der Seite der Fenster, vom Raum abgewandt, sollte nur soviel Licht entstehen, dass ich etwas erkennen kann, aber nicht der ganze Raum ausgeleuchtet wird. Ich riskiere es. Was ich sehe, bestürzt mich erneut. Der Stumpf ist fast schwarz vom geronnenen Blut. Das Fleisch hat sich zusammengezogen, sieht runzelig aus und umspannt in der Mitte die Knochen ihres Unterarms. Er hat sie tatsächlich durchgesägt, mit dem verdammten Küchenmesser. Wenn er wenigstens das Gelenk durchtrennt hätte. Aber nein, dieses Scheusal musste ja noch die Knochen beschädigen. Was hatte sie nur getan, um eine solche Strafe verdient zu haben? Vielleicht kann ich mit dem Messer ein Stück meines Hemdes abtrennen. Ich versuche es und scheitere zuerst, weil der Stoff nicht gerade zertrennt werden will. Aber dann schneide ich großzügiger und falte danach den ungleichen Streifen zu einer geraden Bahn zusammen. Besser.
Um den Stumpf gewickelt färbt sich der Notverband sofort dunkel. Es tritt immer noch zu viel Blut aus der Wunde aus. Der Arm muss abgebunden werden, da mir im Augenblick die Mittel fehlen, die Blutung anderweitig zu stoppen. Erneut nehme ich das Messer zu Hilfe und schneide einen längeren und dünneren Streifen aus dem Hemd. Diesmal drehe ich ihn straff zusammen, wodurch eine Art dicke Kordel entsteht. Ich sehe mich nach einem geeigneten Knebel um. Hier ist nichts. Ah doch, da ist das Bord, an dem Ma immer aufschreibt, wer was zu tun hat. Der Carbonstift sollte stabil genug sein. Vorsichtig stehe ich auf und gehe zu dem Bord. Der Stift hängt an einer Schnur daneben. Kurz überlege ich, ob ich diese Schnur nutzen soll, aber sie erscheint mir als zu dünn und würde ins Fleisch schneiden. Also durchtrenne ich sie mit dem Messer und nehme nur den Stift. Als ich die Schlinge meiner Kordel um den geschundenen Arm lege, zieht Ma scharf die Luft ein. Das Mittel wirkt, aber es hat sie nicht ganz unter seiner Kontrolle. Sie ist wach und sieht mich mit Tränen verschleierten Augen an. Langsam drehe ich den Stift und ziehe die Schlinge enger. Sie verzieht das Gesicht vor Schmerz, gibt aber keinen Laut von sich. Ihre Lippen formen lautlose Worte. Nein, es ist nur ein Wort, welches sie immer wieder wiederholt. Was sagt sie? Ich rücke näher an ihr Gesicht heran, lasse den Stift aber nicht los.
»Mabe …« höre ich Ma hauchen. Sofort stößt die Schlange in meinem Herzen zu. Mein Gesicht richtet sich auf die Decke. Die Schuppen reißen blutige Striemen in die knorpelartige Substanz meines Herzens. Der Schmerz ist überwältigend. Mit aller Gewalt reiße ich mich zusammen und beende meine Arbeit. Den Stift stecke ich in den Verband. Offenbar hat die Wunde tatsächlich aufgehört zu bluten. Zuletzt wickle ich wieder die Decke um den Stumpf. Ma einen Kuss auf die Stirn drückend, richte ich mich auf. Die Lampe lasse ich bei ihr. Ma soll nicht alleine im Dunkeln liegen.
Meine Beine fühlen sich weich an. Die Angst vor der Schlange in mir ist überwältigend. Kann mir nicht vorstellen, was ich noch auszuhalten vermag. Lauschend trete ich an die unterste Treppenstufe. Da oben ist er. Er muss da oben sein. Dann höre ich erneut ein ersticktes Keuchen. Ich muss handeln.
Es wäre schlau gewesen, eine Falle zu bauen. Ich hätte X8 herüber befehlen, Torma unten an der Treppe erwarten und ihn überraschen können. All dies tue ich nicht. Es fällt mir nicht ein. Nichts fällt mir ein. Die Schlange wütet, beherrscht nun auch mein Gehirn. Sie hat sich nach oben gewunden, ist in meinen Schädel eingedrungen und pocht nun von innen gegen den Knochen. Ich höre draußen das panische Geschnatter der Pferdchen. Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht. Ich komme, du dreckige Bestie.
Schritt für Schritt, Stufe für Stufe erklimme ich die Treppe. In der rechten Hand halte ich das Messer. Die Tür zu meinem Zimmer steht offen und lässt das Tageslicht herein. So kann man die Treppenstufen recht gut sehen. Niemand erwartet mich oben im Flur. Auf einigen der Stufen befinden sich Blutstropfen. Die Schlange zischt und windet sich. Ein Blick in mein Zimmer verrät mir, dass es leer ist. Die Tür zur Nasszelle ist, genau wie die Tür zu Mas und Pas Schlafzimmer, verschlossen. Auch das kleine Gästezimmer, in dem Ma zuweilen schläft, ist zu. Mabes Tür auch. Nur meine steht offen. War er in meinem Zimmer? Die Vorstellung, dass dieses Monster in meinem Zimmer gewesen sein könnte, erfüllt mich erneut mit Empörung. Als ob das noch eine Rolle spielen würde. Aber dennoch, das Eindringen in mein eigenes privates Reich macht es noch ein bisschen schlimmer. Immer noch ein bisschen schlimmer. So etwas passiert uns nicht. Denke immer daran: So etwas passiert uns nicht!
Also trete ich vor Mabes Tür und lege die freie Hand auf den Öffner. Nichts passiert. Drinnen ertönt ein gedämpftes Keuchen, als versuche jemand gegen eine Wand aus Wolle anzuschreien. Oder gegen ein Kissen. Ich nehme all meinen Mut, meine Empörung und meinen neu entdeckten Hass zusammen und betätige den Öffner. Die Tür schiebt sich zur Seite und lässt mich ein in die Höhle des Horrors. Zuerst sehe ich nur Tormas massige Gestalt. Er trägt nur ein Trägerhemd. Es ist blutbesudelt. Ansonsten ist er nackt. Sein Unterleib bewegt sich hektisch vor und zurück. Irgendwo unter ihm, winzig klein, sehe ich Mareh-Betrix` geschundenen Leib. Auf ihrem Gesicht hat sie tatsächlich ein Kissen. Das, welches Grandma ihr von Mern mitgebracht hatte. Ich sehe es so deutlich vor mir. Es ist, als sei es erst gestern gewesen. Das Kissen ist mit einem rosa und gelben Schmetterling bestickt. Auf Gedan gibt es auch Schmetterlinge. Wenn man sie an den Flügeln berührt, löst sich ein feiner Puder, der einem die Augen verätzt.
Helles, bläuliches Fleisch unter dem sich abmühenden Berg aus schwarzen Muskeln. Dann färbt sich die Welt rot. Mir wird schwindelig und ich mache einen Schritt nach vorn. So fest ich kann, ramme ich Torma das gezahnte Messer in die Seite. Mir ist klar, das ich seine Schulterblätter niemals durchstoßen könnte, also versuche ich ihn da zu verletzen, wo ich seine Nieren vermute. Ich weiß nicht, woher ich dieses Wissen habe, aber ich höre darauf. Tief dringt das Messer in seine Seite. In wilder Ekstase stößt er weiter zu. Warum hört er nicht auf? Dann höre ich Mabes Schreie. Der Schmetterling ist zur Seite gerutscht. Die Schreie kommen abgehackt, schnell und heißer, als sei sie am Ertrinken. Sie schreit so laut, dass ich Tormas Knurren überhöre, als er sich zu mir umdreht und mit dem Handrücken meine linke Wange streift. Hätte er mich richtig getroffen, wäre dies das Ende gewesen. So hebe ich das Messer und es dringt mehr aus Versehen von der Wucht seines eigenen Schlages tief in den Muskel seines Oberarmes ein. Leider wird es mir dadurch auch entrissen. Zuerst bleibt es in Tormas dicker Haut stecken, doch dann fliegt es durch die Wucht seiner Bewegung durch das Zimmer und landet irgendwo mit einem dumpfen Schlag auf dem Bogen. Brüllend stürze ich mich auf Torma und kralle mich mit den Fingern in die Wunden seines Gesichtes. Ich bekomme die Öffnung in seiner Wange zu fassen, sehe sein riesiges blutverschmiertes Glied wie die Schlange in meinem Kopf durch den Raum trudeln und dann reiße ich so fest ich kann. Blut spritzt aus seinem Gesicht. Seine Wange reißt. Die Zähne liegen komplett frei, schnappen nach meiner Hand. Das Ganze ist ein Höllenreigen und wir tanzen in den Tod. Dann trifft mich seine Faust am Kopf und das letzte, das ich wahrnehme, ist das Brechen meines Wangenknochen und das hohe Pfeifen von Mareh-Betrix` Schrei.
Aus.
Agonie
Das Erwachen ist eine Qual. Mein Brustkorb fühlt sich eingeengt an. Es ist schwer Luft zu holen. Alles ist taub, alles ist Schmerz. Ich suche nach der Schlange in meinem Kopf, aber da ist nichts mehr. Schließe das Auge. Schlaf.
Jedes Erwachen ist Qual. Ich habe es nun drei oder vier Mal versucht – es bleibt Qual. Meine eine Gesichtshälfte – ich kann nicht wirklich beurteilen, welche, da ich den Sinn für Richtungen und Seiten verloren zu haben scheine – ist eine geschwollene Masse aus Blutergüssen, Knochensplittern und angetrocknetem Blut. Danach tastend erzeuge ich den letzten Rest an Brechreiz der noch nötig ist, um meinen spärlichen Mageninhalt zu Tage zu fördern. Die Galle vermischt sich mit dem Blut in meinem Mund. Alles in meinem Gesicht fühlt sich seltsam falsch und eckig an. Mit zitternden Fingern betaste ich die Verwüstung und fühle den zerborstenen Knochen unter meinem Auge. Kurz kommt mir der Gedanke, dass ich auf dem Auge blind bleiben könnte, aber dann frage ich mich auch schon, welchen Unterschied dies machen würde. Allein über Genesung nachzudenken erscheint mir überflüssig. Ich bin allein in meiner Agonie. Ich brauche keine Genesung. Nichts wird je wie vorher sein. Wenn ich mich bewege, stechen meine Rippen Löcher in die Eingeweide. Vorsichtig betaste ich meine Seite und stelle mehrere gebrochene Rippen fest. Der Schmerz lässt mich erneut würgen, aber es ist nichts mehr da. Ich bin leer. Selbst die Schlange ist fort. Also gut, dann ohne Schlange.
Wo bin ich? Wahrscheinlich sollte ich mich ebenfalls fragen, warum ich noch bin, aber wenn die Welt um einen herum zusammen gebrochen ist, muss man mit kleinen Schritten beginnen, das Chaos zu erforschen. Da ist etwas vor dem sich mein Geist verdreht, sich windet wie ein Aal in einem Fangnetz. Was ist es nur?
Die Rippen sind gebrochen. Ich muss mich stabilisieren, sonst kann ich nicht atmen. Vorsichtig drehe ich mich auf die andere Seite – von der ich nicht weiß, ob sie rechts oder links ist – und bereue sofort mein Tun. Brennender Schmerz bohrt sich in mein Rückenmark und zieht die Beine hinunter bis in die Zehen. Der Magen zieht sich zusammen, die Luft bleibt mir weg. Ohne es verhindern zu können, stöhne ich auf, als ich polternd mehrere Ecken und Kanten nach unten rutsche. Jeder kleine Fall ist ein Vulkanausbruch in meinem Körper. Ich erkenne, wo ich mich befinde. Es ist die Treppe. Muss sie wohl hinunter gefallen sein. Vielleicht auf dem Weg zum Pinkeln falsch abgebogen. Kein Wunder, dass ich mich so fühle. Eine Treppe hinunter zu fallen, hinterlässt Spuren. Na das wird schon wieder. Der Arzt hatte damals freundlich gelächelt und mir eine Zuckerbiene in die kleine Hand gedrückt. Ich erinnere mich an seine seltsam faltigen Augen. Bin ich wieder klein? Bin ich wieder als Junge die Treppe hinunter gestürzt?
Das Esszimmer ist düster. Warum sind die Außenrollläden zu? Es ist stickig und riecht nach Kot und etwas anderem, das ich nicht einordnen kann. Es ist nicht mein Erbrochenes. Ähnlich, aber anders, dumpfer, erdiger und Ehrfurcht gebietender. Jetzt liege ich auf den untersten Stufen. Da ich das Zimmer erkenne, kann ich auch wieder Richtungen wahrnehmen. Ich liege auf dem Rücken und mein Po und meine Beine befinden sich noch auf der Treppe. Mein rechtes Bein schmerzt deutlich mehr als das linke, aber ich kann es versuchsweise bewegen und vermute daher keinen Bruch. Wahrscheinlich eine schlimme Prellung. Was vergesse ich? Da sollte etwas sein, was deutlich wichtiger sein müsste als mein Bein, sogar wichtiger als meine Rippen und wichtiger als mein zerborstener scheiß Schädel. Ich greife danach, aber es hat sich tief hinter meiner zugeschwollenen Augenhöhle zusammengerollt. Da ist es, ein sich leicht immer weiter zuziehender grauer Knoten. Verzweifelt greife ich danach, weil ich um seine Relevanz weiß, aber er zieht sich immer weiter hinter einer Mauer aus Schmerz und Schwindel zurück. Was kann das nur sein?
Die Zimmerdecke dreht sich und eine neue Woge der Übelkeit lässt meinen Körper erzittern. Er quittiert jede Regung mit erneutem, noch stärkerem Schmerz. Mir bleibt wieder die Luft weg und ich muss mich zusammenreißen, um bei Besinnung zu bleiben.
Als ich wieder aufwache – hat nicht geklappt mit dem bei Besinnung bleiben – sehe ich etwas besser. Das Blut in meinem gesunden Auge ist getrocknet und wenn ich es öffne, reißt die Kruste und ich sehe. Das Auge ist frei. Aus der Küche dringt am meisten Licht ins Zimmer. Die Küche kann ich sehen. Sie ist auf der richtigen Seite. Die andere Seite liegt im Dunkel meiner Qualen. Dennoch will ich sie sehen. Man will immer alles sehen. Ein Teil ist nicht genug. Außerdem kann ich kaum hier so liegen bleiben. Der Doc meiner Kindheitstage wird nicht kommen. Niemand wird kommen. Es ist im Grunde gar nicht notwendig, dass ich mich bewege, aber mein Wille macht es zu einem Muss. Die Gründe dafür liegen irgendwo in meinem zertrümmerten Schädel verborgen. Erneut sehe ich nach dem Knoten bei meinem Auge. Er ist zu einer kleinen festen Nuss zusammengeschnurrt. Er wird nichts preisgeben. Später vielleicht. Jetzt muss ich zuerst das Zimmer erkunden. Mit äußerster Anstrengung hebe ich meinen Brustkorb und ziehe mich, die Stiche in meiner Lunge ignorierend, die letzen Stufe von der Treppe herunter. Dabei stoße ich mit dem Hinterkopf gegen das stabile Bein unseres Esstisches und öffne die Schleusen für den Schmerz in meiner Wange. Wieder wird alles schwarz um mich herum, aber dieses Mal bleibe ich und beobachte mich in meiner Qual. Ich lasse locker, versuche nicht mit zusammengebissenen Zähnen – ich kann sie gar nicht mehr zusammenbeißen – dem Schmerz entgegenzutreten, sondern atme stattdessen und lasse die Wellen über mich hinweggleiten. Zitternd warte ich auf Linderung. Es dauert eine Weile. Aber ich habe keine Angst und darum zieht sich der Schmerz nach einiger Zeit zögernd etwas zurück. Er geht nicht. Er bleibt, kauert sich in einer Ecke meines Seins zusammen und wartet ab.
Das Tischbein wird mir helfen. So langsam es geht, schiebe ich mich mit dem Kopf am Holz hinauf. Den Körper abzuknicken gefällt meinen Rippen nicht. Leider bietet dies dem Schmerz wieder eine wunderbare Angriffsfläche. Ich lasse locker und ertrage sein Wüten. Warum, verdammt, ist hier keiner mit einer scheiß Zuckerbiene?
Als ich endlich aufrecht sitze, sehe ich mich um. Leider bekomme ich so kaum Luft, aber dafür gelingt es mir, meinen Kopf soweit zu drehen, dass ich den Rest des Zimmers überblicken kann. Hinten bei den Fenstern liegt ein seltsam flaches und dennoch voluminöses Bündel. Der Knoten hinter meinem Auge regt sich. Vorsichtig stupse ich ihn an. Mit der Zunge berühre ich meinen Gaumen. Er ist nicht da, wo er sein sollte. Der Knoten dreht sich und beginnt sich zu entfalten. Seltsam, wie mich das beruhigt, denn mir ist sofort klar, dass es Dinge gibt, an die man sich gar nicht erinnern will. Aber ich hasse es nunmal, Dinge zu vergessen. Ich bin auch kein Verdränger. Also bohre ich meinen einäugigen Blick in das Bündel beim Fenster. Der Knoten entrollt sich. Langsam. Ich bohre mit der Zunge im Schmerz meines Mundes. Blut rinnt aus Öffnungen zwischen meinen Zähnen. Zähne entpuppen sich als Knochensplitter. Mein Gesicht verzieht sich zu einem makaberen Lächeln. Dann züngelt mir das spitze Gesicht einer Schlange entgegen und mit der Erkenntnis überflutet mich die Angst. Krämpfe schütteln mich, als ich Mareh-Betrix`vor meinen inneren Augen sehe. Stumme Schreie bahnen sich ihren Weg aus meiner Kehle. Ich krümme mich zusammen, weil ich den Schmerz meiner Rippen brauche, um den Schmerz in meinem Herzen überstehen zu können. Dann kommt alles langsam zurück. Die Schlange entfaltet sich, hält erneut Einzug in mein Denken und reibt mit ihrem schuppigen Leib über die ohnehin viel zu frischen Wunden. Ich gleite zur Seite, rolle mich trotz gebrochener Rippen zusammen und wimmere leise in mich hinein. So liege ich da eine ganze Weile und versuche, einfach nur am Leben zu bleiben. Natürlich kenne ich meine Pflicht. Es ist bald Zeit, erneut zu handeln. Es muss sein, denn ohne zu Handeln aufzugeben, ist mir nicht möglich. Nicht, wenn es um sie geht. Aber ich brauche noch einige Momente. Die Schlange treibt mich an, aber mein Körper ist noch nicht in der Lage zu folgen. Ich brauche noch ein paar Minuten. Ein kurze Ruhezeit, in der ich im Urin- und Blutgeruch meiner Ma leide. In der ich mich bemitleide, auf göttliche Intervention hoffe, innerlich fluche und wieder verzweifle. Zum Glück ist die Schlange aber zäher als meine Schwäche. Also überwinde ich die Zweifel, nutze meine Angst, um mich an ihr hoch zu ziehen. Dann wandle ich alles in mir – den Schmerz, die Angst, Agonie, Zweifel, Hoffnungslosigkeit und wieder Schmerz – zu einem anderen Empfinden. Vor meinem Auge entsteht das Totenschädelgesicht meines Feindes. Er grinst mich tröge mit heruntergerissenen Lippen an. Und dann explodieren all die Gefühle der Schwäche in mir zu einem glühenden, alles verzehrenden Ball aus purem Hass.
Trauer
Es dauert lange, vom Tisch zur liegenden Gestalt meiner Mutter zu kriechen. Meine Rippen protestieren bei jeder Bewegung und mein Gesicht ist … ich weiß nicht, was es ist. Sie rührt sich nicht. Keinerlei Bewegung. Mein Herz gefriert und die Schlange in meinem Kopf beginnt erneut zu toben. Nach einer schier endlosen Anstrengung erreiche ich sie schließlich. Der Gestank nach Kot und Urin und Blut ist überwältigend. Er muss wirklich stark sein, denn meine Nebenhöhlen sind geschwollen und mit Blut verstopft. Dennoch, ich nehme den Gestank wahr, schmecke ihn und fühle, wie er sich auf meine Zunge, meinen Gaumen legt. Sie scheint nicht zu atmen, hat sich seit ich sie hier zurückgelassen habe, kein Stückchen bewegt. Tränen rinnen mir über das Gesicht. Mein Hals ist ebenfalls geschwollen und mein Schluchzen klingt wie das Gurgeln einer alten Tiefenpumpe, wenn sie Luft gezogen hat und eine Weile braucht, um wieder Wasser zu transportieren. Langsam, ganz vorsichtig, als streichle ich eine besonders wertvolle und zarte Blumenblüte, fahre ich ihr mit einem Finger über das Gesicht. Zitternd schiebe ich eine Locke hinter ihr Ohr. Sie rührt sich immer noch nicht. Mein Mund nähert sich ihrem Gesicht. Ma, flüstere ich. Kein Laut, keine Antwort, kein Atem. Verzweifelt lege ich meine Wange an ihre Seite. Ihr Brustkorb bleibt reglos. Kann man an einer abgeschnittenen Hand sterben? Vielleicht am Blutverlust? Wartend schließe ich mein verbliebenes Auge. Es kann einfach nicht sein. Bitte, es soll einfach nicht sein. Momente später hebe ich meinen Kopf und sehe sie an. Ihr Gesicht wirkt eingefallen und endlos müde. Von ihrem Schmerz ist jetzt nichts mehr zu sehen. Sie schläft jetzt in einem Reich, in das der Schmerz niemals Einlass erhält. Wimmernd streichle ich ihre unverletzte Hand unter der Decke. Ich spüre, wie verkrampft sie sich um den Stumpf gekrümmt hat. Lass doch los Ma.
So bleibe ich eine lange Zeit neben ihr liegen. Vielleicht sollte ich handeln, für die Lebenden, aber im Augenblick bin ich Teil der Toten und wie sehr ich mich anstrenge, ich kann nicht anders. Neben meiner Ma liege ich. Bis ich ganz sicher bin, dass sie tief und fest und für immer eingeschlafen ist. Erst dann kann ich meine Wacht beenden und mich um die Lebenden kümmern.
Krieg
Jetzt. Jetzt stehe ich auf, denn es muss sein. Ma ist tot. Was bleibt ist Mabe und die Rache. Aufstehen allerdings ist ein großes Wort, ein Berg, den zu erklimmen wirklich eine harte Aufgabe darstellt. Zuerst krieche ich zur anderen Seite des Tisches zurück. Hier kann ich mich abstützen und hoch ziehen. Ohne den Tisch würde es mir schwerfallen überhaupt die Schwerkraft Gedans zu überwinden. Am Tisch angekommen, greife ich hinauf und unterdrücke den Schmerz in meiner Brust. Ich halte die Luft an. Atmen ist eine der Funktionen, die mir am meisten Probleme bereitet. Doch auch ohne zu Atmen gelingt es mir nach größten Anstrengungen, den Kopf über die Platte zu heben und von da an ist es geschafft. Schließlich stehe ich und dann dreht sich das Haus; mir wird schwindelig wie damals, als uns das Shuttle in den Transfer-Raumer brachte und mehrfach die Richtung ändern musste. Unbegreiflich, dass ich nach wie vor etwas in mir haben soll, aber ich übergebe mich dennoch hustend. Es fühlt sich an, als wolle mein Brustkorb sich selbst erbrechen. Verzweifelt drücke ich die Rippen zusammen und falle um. Mit einem erstickten Schrei stürze ich auf die Tischkante, schlage mit dem Kinn auf und erlebe erneut, wie die Welt um mich herum dunkel wird; leider diesmal nur sehr kurz. Zumindest fühlt es sich so an. Das Auge öffnend, kralle ich mich in meinen Hass. Bei allen Göttern, ich werde nicht aufgeben. Auch mit gebrochenen Rippen werde ich es schaffen, noch irgend etwas zu tun. Etwas anderes als hier zu liegen. Irgend etwas hilfreiches für mich, für sie.
Also erklimme ich erneut den Tisch. Dieses Mal halte ich mich fest und rechne mit dem Schwindel, den mein Kreislauf auslöst, sobald ich die Senkrechte erreiche. Mit äußerster Willensanstrengung kralle ich mich an den Seiten der Tischplatte fest und warte, bis sich das Drehen legt. Mein Gesicht pocht wie verrückt und aus den Knochenzacken zwischen meinen Zähnen fließt Blut. Viel Blut. Ich spucke es aus. Spucke nie im Haus auf den Boden!
Mam würde das nicht gefallen, aber sie ist jetzt tot. Toten ist es egal, ob man auf ihre Fußböden spuckt. Was soll ich sonst mit dem Blut machen? Ich kann es schließlich nicht herunterschlucken. Oder? Bei diesem Gedanken wappne ich mich gegen eine neue Übelkeitsattacke, aber sie bleibt aus. Scheiß auf das Blut. Stattdessen schiebe ich mich Schritt für Schritt am Tisch vorbei und nach zwei Metern bekomme ich sogar etwas Luft. Die Türöffnung zur Küche ist verlockend nah, aber da werde ich nichts brauchbares finden. Die Garage – ich muss erneut zur Garage hinüber. Es ist an der Zeit, zu handeln nachdem darüber nachgedacht wurde. Das andere Handeln hatte ich und es hat mir einen zertrümmerten Schädel und gebrochene Rippen eingebracht.
Langsam, langsam, gehe ich mit kleinen Schritten in Richtung Tür. Als ich an der Küche vorbeikomme, erhasche ich einen kurzen Blick durch das Küchenfenster. Der Winkel ist ungünstig und ich kann nur einen handbreiten Streifen sehen. Lächelnd gehe ich weiter. Einatmen, einen Schritt machen, ausatmen, einen Schritt – dabei immer darauf achten, mit dem Arm die Rippen zusammen zu halten. Es kommt mir vor, als würde mein Körper auseinander fallen, sollte ich diese Regel vergessen. Ich vergesse sie nicht. Mit zitternder Hand halte ich mich am Türrahmen, sehe die Dunkelheit der Garage. X8 steht mir im Weg. Er hat sich kein Stückchen bewegt, seit ich ihn hier zurückgelassen habe. Sein abgerissenes Bein liegt ein Stück hinter ihm, aber das wenige Licht aus der Küche reicht nicht aus, um es gut erkennen zu können. Aus dem Stumpf hängen Viber-Kabelenden und etwas, das wie ein dreigeteilter metallener Knochen aussieht. Die Frage drängt sich mir auf, ob er wohl Schmerzen hat. Natürlich hat er keine Schmerzen. Lastendroiden wie X8 nehmen Beschädigungen wie ein abgetrenntes Bein als Statusmeldung wahr. Dennoch sieht er erbärmlich aus und ich streiche ihm im Vorbeihumpeln über die Schulter.
Zum Glück dringt durch die Lamellen der Rolltür ein klein wenig Licht. Ich muss unbedingt eine Waffe finden. Man sollte denken, in einer Garage gäbe es genügend Dinge, die man zum Verletzen eines Menschen nutzen kann, aber so einfach ist das nicht. Mein Gegner ist nicht einfach ein Mensch. Er ist ein verdammter Riese und darüber hinaus scheint er mit irgendeiner Droge vollgepumpt zu sein. Vielleicht das Gift des Grüns? Kann es sich derart auf einen Phani auswirken? Natürlich habe ich noch nie von solch einer Reaktion gehört, aber bis vor kurzem wusste ich ja auch nicht einmal, dass es eine Rasse wie die beschissenen Phani überhaupt gibt. Wir wissen so wenig. Abgeschiedenheit hat Vor- und Nachteile. Wie auch immer, ich benötige etwas, mit dem ich Torma beikommen kann. Mein Geist klärt sich langsam, wie ich feststelle, denn zu derart zielgerichteten Gedanken war ich in der Nacht noch nicht fähig gewesen. Wurde ich ebenfalls vom Grün vergiftet? Berühre nie das Grün, die Folgen können schrecklich sein!
Eine Waffe. Mein Blick streift über den düsteren Garagenboden. Ist es überhaupt noch nötig? Ich weiß ja nicht, ob Torma noch lebt. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich mich zu erinnern. Doch wenn ich meinen Geist in diese Richtung schicke, versperrt mir sofort die Schlange den Weg. Sie sträubt ihre Schuppen, rasselt angriffslustig. Mir kommen die Tränen. Mabe …
Trotzdem könnte es sein, dass ich ihn mit meinem Angriff getötet habe. Das Messer war tief eingedrungen. Vielleicht ist das Schwein verblutet und liegt nun oben im Flur und beginnt zu verwesen. Dann könnte alles wieder gut werden. Beim Gedanken an den Flur erscheint mein Vater vor meinem inneren Auge. Pa, wo bist du? Wo ist er? Ich denke an Ma und wische mir mit dem dreckigen Ärmel meines Hemdes Staub, Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Einsamkeit ist ein gefährlicher Feind. Sie schürt die Verzweiflung. Aber noch lebe ich. Noch brennt der Hass auf meinen Feind in meinem Herzen. Noch muss ich davon ausgehen, dass Torma lebt und eine Gefahr darstellt. Also eine Waffe.
Mit dem Fuß hebe ich eine Stange an. Holz. Ein Besenstiel oder so etwas. Dann ertaste ich mit der Fußspitze unter einer der Werkbänke die Stangensäge zum Kürzen der oberen Triebe unserer wenigen Obstbäume. Sofort schlägt mein Herz höher. Mit der Stange ist das Ding nutzlos, zumindest im Haus. Aber ich bin sicher, die Stange entfernen zu können. Dann habe ich eine sichelförmig gebogene und scharf gezahnte Klinge, mit einem leider sehr schmalen Griffende. Gebückt ziehe ich Metallplatten, einen Sack mit Saatgut, eine Kiste mit Thermoverbundstoffen mit CTC Aufdruck und anderen Kram beiseite und befreie das Werkzeug. Tatsächlich, die Zähne sind scharf. Woher ich das weiß? Weil ich jetzt an der Hand blute. Aber das macht mir nun wirklich nichts mehr. Greife nie in die Zähne einer Säge …
Die Säge steckt mit ihrem Griff in dem Stab, was sie sehr unhandlich macht. So fest ich kann, drehe ich an der Verrieglung des Griffs, aber er sitzt fest. Rau fühlt er sich an. Sicherlich ist er braun vom Rost. Wir haben nicht viele Obstbäume und brauchen die Säge daher eher selten. Na ja und Pas Problem vereitelte wohl in letzter Zeit die Pflege der Werkzeuge. Das Sägeblatt sitzt fest.
Trotzdem befreie ich das ganze Ding und befördere es unter dem Tisch hervor. Dann kommt mir eine Idee. X8 wird es einfach abbrechen und zwar genau da, wo ich will. Dann bleibt ein Teil der Stange erhalten und ich habe eine Art gebogenes Schwert, was noch besser ist als einfach eine Säge. Also tippe ich den Droiden an und flüstere seinen Namen. Keine Regung. Eiskalt begreife ich die Wahrheit. Er ist leer!
Weiter hinten in der Garage ist das Induktionsfeld. Normalerweise begibt sich X8 von selbst zu dieser Stelle, wenn sein Energiestand niedrig ist. Die besonderen Umstände seiner Verletzung – oder besser seiner Beschädigung – müssen ihn durcheinander gebracht haben. Vor Standardjahren ist er uns draußen auf einem der Äcker schon einmal ausgefallen. Das war lustig. Damals hatte es an einem Temperatursturz gelegen. Seine Energiezellen sind alt und an besagtem Tag konnte er seine Leistung nicht mehr richtig einschätzen. Als die Temperatur binnen weniger Stunden um fast 15 °C gefallen war, gingen ihm einfach unerwartet die Lichter aus. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Pa und Humb sich stritten. Immer wieder hatten sie sich gegenseitig die Schuld an der Situation zugeschoben. Dabei wussten wir alle, dass wir nicht genügend Credits hatten, um neue Energiezellen für den Droiden zu kaufen und ihn alle drei Minuten aufzuladen, kam schließlich auch nicht in Frage. Damals hatte man den alten Pod aufs Feld gefahren und X8 mit der Fahrgeugenergiezelle soweit aufgeladen, dass er in der Lage war, selbständig zum Haus zurückzugehen. Das ganze hatte fast den halben Tag in Anspruch genommen, da die Zelle tiefenentladen war und ewig gebraucht hatte, um sich zu erholen. Eine Zeitlang hatten wir gedacht, er würde gar nicht mehr zu sich kommen. Zu sich kommen – als sei er ein bewußtlos gewordener Freund; wie bei einem Sonnenstich oder wenn Pa etwas zu viel Alkohol getrunken hatte. Heute ist er der einzige Freund, den ich habe. Ich brauche ihn. Ohne ihn bin ich verloren. Wir sind eh verloren. Aber nicht jetzt. Jetzt will ich kämpfen und dafür brauche ich einen Mitstreiter.
X8 zur Induktionsplatte zu bringen ist unmöglich. Der Droide wiegt viel zu viel. Nicht einmal drei erwachsene Männer könnten ihn weiter als ein paar Schritte tragen. Also muss ich die Energie zu ihm bringen. Im Dunkeln stolpere ich zu der Platte. Der dicke Kabelkanal, in dem die Energieleitung, die Flüssigkeitszufuhr und die Lichtleiter für die Diagnosezentrale des Droiden stecken, befindet sich hinten in der Platte. Er verläuft von da aus die Wand hinauf, von dicken Thermoplastklammern gehalten. Oben verschwindet er in der Decke. Der Kollektorenleiter und der Haupttransformator befinden sich auf dem Dach, der Energietank direkt darunter in der Gaube. Aber das spielt für mich jetzt keine Rolle. Ich werde einfach den Kanal direkt von der Platte ablösen. Der Energieleiter wird sich automatisch verschließen. Zum Glück, denn der Kontakt mit dem Zeug wäre tödlich.
Ich bücke mich und drehe an der Kabelmanschette. Sie sitzt natürlich fest. Aber das macht nichts. Dafür habe ich Werkzeug. Eine Zange von der Arbeitsplatte löst die Manschette. Der Kanal liegt nun locker auf dem Boden. Mit der Zange entferne ich die Wandklammern. Sie brechen und geben knallende Geräusche von sich, aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Schließlich ist das Kabel frei. Ich ziehe daran und es gibt noch über einen Meter nach. Aus der Decke rauscht es zu mir herab. Staub regnet nach und lässt mich husten. Natürlich reicht es jetzt noch lange nicht bis zur Tür, bei der X8 regungslos steht. Was nun?
Ich blinzle Dreck aus meinen Augen und fühle, mir die Tränen die Wangen herabrinnen. In dem Kabelkanal gibt es mehrere Leitungen. Leider kenne ich mich nicht wirklich gut aus, aber die Viber-Kabel sind für die Elektronik und die leere hohle Leitung ist für die Kühlflüssigkeit. Der Regler hat sie wie erwartet geschlossen und der Rest des Zeugs ist in die Platte gelaufen. Bleibt das dickste Kabel. Es hat einen Durchmesser, der dicker ist, als meine beiden Daumen zusammen genommen. Das ist die Energieleitung. Es gibt ein Verlängerungskabel mit einer entsprechenden Kupplung. Der Rest ist egal. Er muss es ja nur bis zu der Platte schaffen. Mehrere aufgezogene Schubladen und geöffnete Spindtüren später finde ich das benötigte Kabel. Es ist sehr schwer und ich muss es über den Boden Schleifen, um X8 zu erreichen. Zuerst finde ich die Klappe nicht. Sie sitzt unter seiner linken Schulter und ich verfluche stumm die Konstrukteure des Droiden. Was, wenn der Arm vor der Klappe gewesen wäre? Versuchsweise bewege ich den Arm und es geht gerade so. Egal, ich öffne die Klappe – Pa hat sie zum Glück nicht gesichert – und befestige das Kabel an der Buchse. Mit einem satten Schnappgeräusch rastet es ein. Dann zurück zu der Ladeplatte. Hier habe ich die andere Seite des Kabels liegen lassen und jetzt verschraube ich es mit der Energiekupplung. Geschafft, warum passiert nichts. Seine Sensoren springen nicht an. Es gibt keinen Schalter oder so etwas. Sobald das Kabel angeschlossen ist, sollte die Energie fließen. Eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter. Torma wird doch nicht den Konverter ausgeschaltet haben. Die Luft anhaltend, lausche ich … und bin beruhigt. Irgendwo über mir, im Dachboden, schwingt dieses immerwährende Summen des Konverters. Er ist da und er läuft. Aber warum tut sich dann nichts bei X8? Im selben Moment, in dem ich überlege, kommt Bewegung in den Droiden. Zuerst ruckt sein defektes Bein und versucht den Boden zu ertasten – was nicht geht – und dann flackern seine optischen Sensoren auf. Er lebt!
Nach einer kurzen Bestandsaufnahme dirigiere ich X8 auf seine Ladeplattform. Dort stöpsle ich das Kabel an seiner Seite aus und er läuft problemlos die paar Sekunden weiter, die ich brauche, um es mit der Indunktionsplatte zu verbinden. Jetzt lädt er richtig auf. Auch auf die Gefahr hin, ihn dabei zu stören, halte ich ihm die Stange mit dem Sägeplatt vor die Sensoren und deute auf eine bestimmte Stelle am Griff. »Brich das hier durch! Ja, es wird danach kaputt sein und einen Teil seines Wertes verloren haben. Ja, du sollst es dennoch tun«, sage ich müde.
»Einen Großteil«, erwidert X8 ohne eine weitere Gemütsregung in der künstlichen Stimme.
Ich nicke und er knickt mit einer leichten Drehung einer seiner Manipulatoren den Schaft durch. Dann wiederholt er die Bewegung noch drei Mal, bis die letzten Fasern durchtrennt sind. Ich lange nach der Säge und er lässt sie fallen. Schnell ziehe ich meine Hand zurück und muss zusehen, wie das Sägeblatt scheppernd auf dem Garagenboden landet. Verdammter Idiot. Den Schaft kann ich greifen, ehe er ihn loslässt.
Langsam und mit vor Schmerz verzogenem Gesicht bücke ich mich und hebe die Säge auf. Gerade will ich den Droiden doch noch tadeln, als mir im Augenwinkel eine Bewegung auffällt. Erschrocken drehe ich mich zur Tür und da steht er.
Keuchend hebe ich die Klinge über den Kopf, als ob ich ihn damit erschrecken könnte. Sein Gesicht sieht fahl aus. Sein verletztes Auge ist ein Krater aus Eiter und schwärenden Wunden, das andere leer und ausdruckslos. Am schlimmsten ist das fürchterliche Grinsen seiner entblößten Zähne. Das Fleisch um seine zerfetzte Wange ist geschwollen und hat sich entzündet. Seine ganze Seite ist ein blutbesudelter Brei verbrannten Fleisches. Viel Blut ist auch über seinen Hals auf seinem Oberkörper gelandet. Er ist nackt. Sein Glied steht in einem seltsamen Winkel nach links ab. Ein Geburtsfehler? Es sieht aus wie eine dicke schwarze Made, die sich aus einem schwarzen Stamm müht. Ich will es im abhacken.
Leider hindert mich der Blaster in seiner Hand an jeglichem Handeln. Die Waffe ist als tödliche Verlängerung seines Armes auf den Boden gerichtet und der ganze Mann macht einen schwerfälligen, maroden Eindruck. Als könne er sich nur noch mit Mühe bewegen. Andererseits ist es ein Wunder, dass er sich bei all seinen Verletzungen überhaupt noch aufrecht halten kann. Ich versuche, im Dämmerlicht des Flurs die Verletzung an seiner Seite zu erkennen, aber sein Blut hat hier im Dunkeln dieselbe Farbe wie seine Haut.
Langsam, als wiege sie Tonnen, richtet er die Waffe auf mich. Kraftlos lasse ich die Sägeklinge und all meine Hoffnungen fahren. Wie in Zeitlupe fällt sie herab und verursacht heute zum zweiten Mal dieses scheppernde Geräusch. Er wird mich töten. Dann ertönt, wie erwartet, das nasse, seltsam saugende Geräusch des Plasmabolzens, der quer durch den Raum zischt und X8 mitten in den Kopf trifft. Ein Regen aus Blitzen, Funken und Teilen erfüllt den Raum. Mehrere Schrapnelle treffen mich an Schulter und Wange. Ich hechte zur Seite, aber es ist natürlich zu spät. Als der Droide kippt, erwischt er mein Bein und begräbt mich schließlich ganz unter seinen Massen. Ich schreie auf, dann bleibt mir die Luft weg. Es dauert einen Moment, doch mit dem ersten Atemholen, zu dem meine gemarterten Lungen fähig sind, schluchze und fluche ich schrill. Leider spielt dies für Torma keinerlei Rolle.
Unter den Droidentrümmern begraben, sehe ich zwischen Tischbeinen und Manipulatoren hindurch Tormas nackte Waden. Er hat sich schon abgewandt und geht ins Haus zurück. Töte mich du Bastard. Warum bringst du mich nicht endlich um, du verdammter Bastard. Bring es zu Ende …
Bis meine Kehle wund ist und ich vor Schmerzen in den Rippen einfach nicht mehr kann, schreie und fluche ich weiter, jedoch ohne Erfolg. Weder kehrt der Scheißkerl zurück, noch dringen die Boten namenloser Götter in unser Haus und reißen ihn in die Hölle hinunter, in die er gehört. Nichts geschieht. Und ich sitze unter X8s Überresten fest. Wenigstens hat der Funkenregen aufgehört. Meine rechte Wange weist Brandverletzungen auf. Danke X8. Probeweise versuche ich, unter dem Droiden hervorzukriechen, aber die Schmerzen und mein eingeklemmtes Bein verhindern es. Wieder fluche ich. Das kann doch einfach alles nicht sein. Mit den Fäusten bearbeite ich den Boden und meine Rippen lassen dafür Sterne vor meinen Augen tanzen. Ich kann das reproduzieren. Ich belasse es nach dem zweiten Mal dabei.
Es ist schwer, die Zeit richtig einzuschätzen, wenn man mit gebrochenen Rippen unter einem Droiden begraben liegt. Sicher ist eine Stunde vergangen. Vielleicht aber auch ein Tag oder ein ganzes Standardjahr. Alles an mir fühlt sich taub an. Vom Haus her dringt ein seltsam süßlicher Geruch in die Garage. Hier vermischt er sich mit X8s Gestank nach Kordit und meinem eigenen nach Urin und getrocknetem Blut. Und noch etwas riecht anders als sonst. Eine leichte Brise nach frischem Moos. Das Grün riecht so am Morgen nach einer verregneten Sommernacht. Es riecht so, wenn es über Nacht nachgewachsen und gewandert ist. Das Grün lauert da draußen. Ich lausche. Stille. Kein Geräusch dringt vom Hof an mein Ohr. Es ist, als hätte jemand eine gewaltige Glasglocke über unser Land gestülpt. Aber es handelt sich nicht um Glas. Das, was da über uns gekommen ist, hat nichts glattes, nichts reines, es ist lebendig und nass. Meine Augen tränen, wenn ich an die Pferdchen denke. Ihr aufgeregtes Geschnatter, wenn Mabe morgens mit dem Futter zu ihnen kommt, fehlt mir. Sie fehlt mir. Meine Stirn liegt im Staub des Garagenbodens. Meine Beine kann ich nicht spüren. Ich bekomme so wenig Luft, dass ich beim Atmen kleine pfeifende Geräusche mache. Muss schlafen. Die Zeit vergeht.
Da war ein Geräusch. Vom Flur dringt Licht zu mir herüber. Das Licht kommt aus dem Esszimmer. Ich höre leises Gemurmel in einer Sprache, die ich nicht kenne. Es ist mehr eine Art Knurren als gesprochene Rede. Mein Kopf dröhnt und ich habe starke Schmerzen im Rücken. Wie lange liege ich jetzt schon hier? Durst – ich habe solchen Durst.
Im Esszimmer fällt etwas zu Boden. Das Knurren wird lauter und dann klatscht etwas auf nackte Haut. Mein ganzer Körper zieht sich zusammen und ich stöhne laut auf, als ich ihre Stimme höre. Es ist nur ein leises Wimmern, ein Klagelaut wie von einem zu Tode gepeinigten Tier. Dennoch macht es mir klar … sie lebt!
Angespannt höre ich, wie er etwas schlürft. Zwischen dem Gestank um mich herum, nehme ich den vagen Geruch von Eintopf wahr. Gemüseeintopf, wie Ma ihn oft zu machen pflegte. Ich bin so durstig. Meine Augen fühlen sich geschwollen an. X8, mach dich doch bitte nicht so schwer. Kann ich noch etwas Suppe haben? Gib nie Grün in deine Suppe …
Der Ruck fühlt sich an, als würde ich in zwei Hälften zerrissen. Ich schreie, aber aus meiner Kehle dringt nur ein trockenes Keuchen. Bin ich endlich tot? Schmerz und Wahnvorstellungen machen aus der staubig schmutzigen Welt um mich herum eine Landschaft der Hölle. Dann lässt der Druck nach und ich bekomme plötzlich besser Luft. Hustend kann ich mich endlich umdrehen. Alles an mir ist Schmerz. Meine Gelenke knacken und ich habe das Gefühl, sie müssten bei jeder Bewegung brechen. Es ist wieder dunkel, aber ich kann dennoch etwas erkennen. Über mir erhebt sich der kolossale Leib des Lastendroiden, den ich schon für meinen Grabstein gehalten hatte. Nur eines seiner Augen glimmt noch leicht in der Dunkelheit. Die anderen drei, der vorher im Quadrat angeordneten, Sensoren sind zu einer wulstigen Masse aus Kunststoffen und Metallteilen verschmort. Wie kann er noch funktionieren? Dann erinnere ich mich undeutlich, dass Onkel Humb mir mal erklärte, wo sich bei X8s Baureihe die Haupt-KI befindet. Sie sitzt im unteren Torsobereich, ganz so wie bei uns menschlichen Männern. Dabei hatte er gelacht und sich in den Schritt gefasst. Torma hätte dir besser in die Eier geschossen, alter Kumpel.
Der Droide rückt noch ein kleines Stück weiter von mir ab und es kommt mir vor, als versuche er dabei möglichst wenige Geräusche zu verursachen. Ganz behutsam bewegen sich seine Servos und er macht jede Bewegung so langsam, dass die von uns gleitenden Trümmerstücke und Müllteile nicht klappern, als sie zu Boden gleiten. Ganz eindeutig, er hat die Lage begriffen. Wie kann das sein? Er verfügt über keinerlei taktische Programmierung. Ich starre ihn in der Dunkelheit an. Sein zerfetztes Gesicht ist auf mich gerichtet. Dann streckt er einen seiner Manipulatoren nach mir aus und zieht mich vorsichtig hoch. Nach einigen Sekunden hat er mich aufgehoben und trägt mich auf die andere Seite der Garage. Hier gibt es einen Wasserhahn. Mit zitternden Händen lange ich hinunter und X8 bewegt mich weiter auf den Hahn zu, damit ich ihn betätigen kann. Ganz dünn ist das Rinnsal und kalt fühlt es sich in meinen Händen an. Ich trinke vorsichtig. Zuerst wenig, dann etwas mehr. Das Wasser ist sehr kalt und meine Zähne tun weh. Ich schlucke und meine Kehle zieht sich zusammen. Wacher macht mich das Wasser, aber nur kurz, dann versinke ich wieder in der Welt des Schmerzes.
Als ich erneut zu mir komme, erinnere ich mich nicht an meine Träume. Nur Humbs Gesicht sehe ich vor meinem inneren Auge. Ich habe immer noch Durst. X8 hat mich auf den Boden gelegt. Langsam trinke ich erneut. Diesmal kontrollierter. Ich kann jetzt auch wieder atmen. Atmen und Trinken ist gut. Dann versuche ich probeweise aufzustehen. X8 steht ganz still über mir. Sein Sensor leuchtet nicht länger. Ich befürchte, diesmal ist ihm der Saft endgültig ausgegangen und ich werde kaum in der Lage sein, ihn im vorherrschenden Chaos erneut aufzuladen. Doch gerade als ich mich in Gedanken bei ihm bedanke und mich von ihm verabschieden will, kommt wieder Leben in den alten Freund. Er ruckt kurz und der Sensor glimmt auf. Unglaublich, aber er langt nach mir und hilft mir aufzustehen. Mit einer beängstigend menschlichen und zugleich unendlich beruhigenden Geste nickt er mir zu und schiebt mich dabei sachte in die Mitte des Raumes. Dann deutet er mit dem freien Manipulator auf den Boden. Ich verstehe erst nicht, was er von mir will, aber dann sehe ich es. Zwischen dem Müll und einem verkohlten Brocken von X8s Kopf liegt die Säge. Ich hebe sie auf.
Kurz darauf stehen wir an der Tür zum Flur, wie schon einmal. Drüben im Haus ist alles still. Ich lausche angestrengt, aber da ist nichts. Kein Laut. Also mache ich den ersten Schritt, überquere die Grenze zu seinem Reich, welches einst mein Zuhause gewesen war. Es kommt mir so vor, als seien Standardjahre vergangen. Eine Ewigkeit scheint es her zu sein, dass wir in diesem Haus lebten. Wir, Ma, Pa, Onkel Humb, Mareh-Betrix, und ich … und X8. Ich wende mich zu ihm um und sein Sensor scheint zu sagen: Voran, voran, verliert keine Zeit, denn der Feind schläft nie …
Leise tappe ich durch den Flur. Bis aufs äußerste konzentriert lausche ich auf das noch so geringste Geräusch. Aber da ist nichts. Weder von draußen, noch hier im Haus. Nur ich selbst und mein Droide sind da. Nur unsere Bewegungen stören das Vakuum.
An der Treppe schiebt sich X8 langsam zur Seite. Er nimmt eine Position daneben ein. Trotz seiner Größe kann er so von oben nicht gesehen werden. Ich starre ihn an. Was macht er da? Es scheint, als wolle er eine Art Falle aufbauen. Er hier, auf dieser Seite, ich … ja was ist mit mir? Und vor allem, wie kann er so etwas tun? Seine Funktionen sollten auf das Abschätzen von Ablageflächen für Traglasten beschränkt sein. Er wurde programmiert, keine schweren Gegenstände auf den Füßen von Leuten zu platzieren, nicht Fallen für durchgedrehte Riesen zu ersinnen. Andererseits, was spielt es für eine Rolle? Aus dem Blickwinkel ›uns passiert so etwas nicht‹, kann es nicht schaden, wenn mal etwas Seltsames auf der Pro-Seite hinzukommt, oder?
Dann erkenne ich die mir zugedachte Aufgabe. X8 kann nicht die Treppe hinauf. Unmöglich. Ich schon. Wenn ich rufe, kommt er vielleicht runter. Aber mit der Waffe im Anschlag ist er sowohl für mich als auch für X8 unüberwindbar. Wahrscheinlich ist er das sowieso. Egal, ich beginne mit dem Aufstieg und verursache dabei so viel Lärm wie möglich. Wenn ich diesmal erneut – und wohl zum letzten Mal – die Treppe hinunter falle und er mir hinterher kommt, wird X8 ihn erwarten. Vielleicht ist das unsere Chance. Spielt aber keine Rolle, denn einen anderen Ausweg sehe ich nicht. Auf allen Vieren krieche ich die Stufen hinauf. Mit jedem Ruck schlage ich die gebogene Säge krachend ins Holz, wie die gebogene Kralle einer Raubkatze. Sitzt sie fest, ziehe ich meinen geschundenen Körper nach. Meine Zunge spielt mit den Zacken meines Kieferknochens. Es blutet nicht, zumindest nicht, bis ich lange genug damit gespielt habe.
Oben dringt Licht von meinem Zimmer in den Treppenflur. Zum Glück werde ich von der Situation abgelenkt und höre auf, weiter Chaos in meinem Mund anzurichten. Immerhin. Die Tür zum elterlichen Schlafzimmer ist zu, das Wandpaneel herausgerissen. Ob man sie noch öffnen kann? Die Tür zu meinem Zimmer ist offen. Ein schneller Blick verrät mir, dass niemand drinnen ist. Das Zimmer ist wie eine Landschaft in einem seltsamen Kindheitstraum. Als seien viele Standardjahrhunderte vergangen, kann ich mir kaum noch vorstellen wie es war, hier zu leben.
Staubpartikel tanzen im diesigen Morgenlicht. Was hat sie aufgewirbelt? Neben dem Schrank, da wo die Schrankseite nahe dem Fenster ist, wirbeln sie am stärksten. Im Kreis drehen sie sich, ein bisschen wie Wasser, das spiralförmig den Abfluss hinunter gurgelt. Ich lausche und dann höre ich es. Ein ersticktes Schnaufen dringt aus dem Schrank. Mir wird heiß. Der Atem, der am äußeren Rand durch die Türritze dringt, hat den Staub aufgewirbelt, hält ihn in der Luft. Immer beim Ausatmen wird der Strudel erneut angetrieben. Leise lege ich ein Ohr an das Holz. Nun kann ich das Atmen hören. Meine Finger tasten zum Schlüssel, der sonst immer in der Tür steckt. Ich kann mich nicht erinnern, den Schrank jemals abgeschlossen zu haben. Wer würde meine Kleidung stehlen? Der Schrank ist sehr massiv. Die Eltern hatten ihn von Mern mit hierher gebracht. Ein uraltes Prachtstück aus hartem Karbaunenholz. Er ist in dunklem ocker, rot und blau bemalt, doch die Farben sind vergilbt und blättern an vielen Stellen ab. Wie bekomme ich ihn auf? Einen Augenblick sehe ich uns fliehen. Vielleicht mit dem Cargopod, vielleicht zu Fuß. Wir könnten uns das Tal hinunter durch den Wald bis zur Station durchschlagen. Er, der Feind, er würde es sicher zu spät bemerken. Bis er erkennt, dass wir weg sind, kann er uns längst nicht mehr folgen. Vielleicht ist er auch seinen Verletzungen erlegen. Vielleicht würden die Medics der CTC sogar meinen zerborstenen Kiefer richten können. Doch dann, dann holt mich mein Sinn für die Realität in eben jene zurück. Da ist längst kein Weg mehr, den wir gehen könnten. Sicher ist der Pod mittlerweile vom Grün bedeckt. Ich weiß nicht genau, wieviel Zeit vergangen ist, aber sicher, ganz sicher, gibt es von hier kein Entkommen mehr.
»Halt aus«, flüstere ich leise durch das Schlüsselloch. Die Oberfläche des Holzes fühlt sich rau und zersplittert unter meiner Hand an. Keine Antwort dringt aus dem Schrank. Nur das leise unregelmäßige Atmen zeugt von Leben im Inneren. Ich muss den Schrank öffnen. Langsam schiebe ich das Sägeblatt ein Stück zwischen die Tür und die Wand des Schrankes. Es ist zu flexibel. Ein Messer, ein anderes Werkzeug, egal, nur nicht die Säge. Dann versuche ich es am Riegel. Leider ist er aus dickem Guss. Sicher könnte man ihn ohne Probleme mit einer Metallsäge entzwei sägen, doch meine Säge hat eine Holzzahnung. Das wird so nicht funktionieren. Also muss ich einen anderen Weg finden. Ich sehe mich in meinem Zimmer um. Gibt es wirklich nichts hier mit dem ich einen – meinen Schrank aufbrechen kann? Dann fällt mein Blick auf das Bett. Vor einiger Zeit ist eine der Latten des Rostes zerbrochen. Onkel Humb reparierte sie mit geschmiedetem Metall. Langsam krieche ich zum Bett und und sehe mir die Latten an. Wie gut, dass wir die Matratze hinunter gebracht haben. So muss ich nicht lange suchen. Da ist er, ein Winkel aus schwarzem Blech. Er ist eingehängt, einfach gemacht, aber sehr effektiv. Möglichst geräuschlos stecke ich meine Hand unter den Rost und schiebe den Metallwinkel von der Latte. Er löst sich leichter als erwartet und fällt mit einem dumpfen Laut auf den Holzboden. Den Atem anhaltend lausche ich. Über drei Minuten rühre ich mich nicht. Alles an mir ist bis zum Zerreißen angespannt. Hat er etwas gehört? Sicher wird er gleich mit seinem scheiß Blaster in das Zimmer stürmen und mir endgültig den Arsch wegschmelzen. Innerlich bereite ich mich erneut auf das Ende vor. Wozu überhaupt kämpfen? Nicht mal aus dem Fenster gesehen habe ich. So steht es um meinen Mut. Hätte ich wirklich so etwas wie Mut, ich hätte vorhin wenigstens aus dem Fenster gesehen. Aber ich habe keinen Mut. Ich warte. Noch ein wenig länger. Aber es passiert nichts. Er kommt nicht und ich sehe nicht hinaus. Stattdessen greife ich endlich unter das Bett und schnappe mir den Winkel. Am Schrank schiebe ich ihn zwischen die Tür und die Seitenwand. Dann setze ich meinen Fuß gegen den Winkel und stemme den Rücken gegen die Zimmerwand. Die Luft anhaltend drücke ich meine Arme fest gegen meine Rippen und dann trete ich zu. Einmal, so fest ich kann. Der Winkel hält, die Tür nicht. Das Ganze macht nicht einmal besonderen Krach. Der Riegel des Schrankes bricht einfach aus seiner Verankerung und die Tür schwingt auf. Beinahe hätte sie geknarrt, aber ich halte sie geistesgegenwärtig mit dem Fuß auf. Dann starrt mir Pas zerschundenes Gesicht aus der Dunkelheit des Schrankes entgegen.
Ich wische mir den Schweiß und etwas Blut aus den Augen. Sollte ich nicht erleichtert sein? Ich bin es nicht.
Er sieht mich an, als erkenne er seinen eigenen Sohn nicht wieder. Vielleicht ist dies auch so. Ich will gar nicht wissen, wie mein Gesicht aussehen muss. Versuchsweise berühre ich das Fleisch meiner geschundenen Wange und fühle nur die unregelmäßige, geschwollene Haut, die sich über die Knochensplitter spannt.
Was hat man ihm angetan? Oder ist er einfach nur wieder einmal betrunken? Bei genauerer Betrachtung sehe ich tatsächlich zwei schwere Wunden. An Pas Hals befindet sich eine offene Fleischwunde. Es sieht aus, als habe ihn ein Tier, ein großes Tier, gebissen. Seine Seite, sein Arm und seine Hand sind blutbesudelt. Sicher hat er die Wunde eine Zeit lang mit der Hand abgedrückt, bis sie weniger geblutet hat. Die zweite Verletzung befindet sich an der Schulter. Es ist die, der ersten Wunde abgewandte Schulter. Sie scheint gebrochen zu sein und unter seinem verdreckten Hemd ist der aus dem Fleisch ragende Schlüsselbeinknochen deutlich zu erkennen. Der Arm hängt schlaff herab wie bei einer Puppe und wenn Pa sich bewegt, baumelt er hin und her. Seine Augen sind glasig. Er ist nicht betrunken, er steht unter Schock.
Gerade will ich ihn beruhigen, aus seiner Agonie in die Realität zurückholen, da beginnt er mit heißerer Stimme zu flüstern: »Pitt, du musst den Pod holen …« Er versucht ein Grinsen, doch es entgleist zu einer Grimasse des Schmerzes.
»Pa, wir brauchen den Pod nicht … nicht jetzt«, antworte ich leise.
Er schüttelt langsam den Kopf und ich sehe die Wellen des Schmerzes, die diese Bewegung in ihm hervorruft. »Du musst jetzt den Pod holen, weil wir jetzt wegfahren müssen …«, versucht er es erneut.
»Nein Pa, wir müssen sie retten!«
Er sieht mir in die Augen und ich habe das Gefühl, er würde verstehen, aber dann, während ihm Tränen über die Wangen laufen, hebt er einen mahnenden Finger und wiederholt seinen Befehl: »Geh jetzt endlich den scheiß Pod holen, dummer Junge.«
Seine Stimme ist jetzt lauter und ich bereue den Schrank geöffnet zu haben. Ich lausche und hebe die Hand, um Pa zu signalisieren, still zu sein, aber dieser ist jetzt sichtlich aufgetaut. Er betastet sein Schlüsselbein und dann fängt er an zu stöhnen. Zuerst dringt ein leises Wimmern aus seinen aufgeplatzten Lippen, doch dann kommt das weinerliche Jammern, dass ich nur zu gut kenne. Immer, wenn er Ma geschlagen hatte, immer, wenn er Mareh-Betrix begrapscht hatte, immer, wenn er mir weh getan hatte – immer dann, wenn er langsam aus dem Rausch auftauchte, hatte er es von sich gegeben. Dieses feige, dumme Geflenne. Wie oft hatte ich dann in der Ecke des Zimmers gehockt, zusammengekauert und verängstigt, und hatte gewartet, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Denn nichts an ihm war schlimmer, als dieser würdelose Ausdruck seines Selbstmitleides.
Im Nebenzimmer ertönt ein leises Rumpeln und meine Reaktion kommt instinktiv und schnell. Ohne zu denken bewegt sich mein Arm, ohne zu zögern folgt mein ganzer Körper. Als ich begreife, was vor sich geht, ist es schon vorbei. Trotz meiner eigenen angeschlagenen Gesundheit, habe ich Pa mit einer schnellen Bewegung zu Boden gerungen. Er liegt noch halb im Schrank, aber sein Torso befindet sich jetzt ganz außerhalb des Möbelstücks und meine Hand liegt fest auf seinen Mund gepresst. Er kann sich nicht wehren, ist ganz verdreht und der Schrankboden drückt ihm die Luft ab, da wo er mit der Wirbelsäule aufliegt. Mit irrem Blick will er etwas sagen, versucht seinen Kopf hin und her zu bewegen, um frei zu kommen, doch ich liege zu schwer auf ihm. Er hat keinerlei Chance. Als er Luft holen, will drücke ich noch etwas fester zu. Zischend saugt er die Luft durch seine Nasenlöcher. Sein Rotz läuft mir über die Hand. Ich denke an die unzähligen Gelegenheiten, bei denen er mir im betrunkenen Zustand beim Schreien ins Gesicht gespuckt hatte. Dann nehme ich meine zweite Hand zu Hilfe und lege sie fest auf seine Nase.
Drüben im anderen Zimmer, in ihrem Zimmer, höre ich das Knarren einer Matratze. Mir ist schlecht. Meine Augen bohren sich auf die Tür von Mareh-Betrix` Zimmer. Schon befürchte ich Schritte zu hören. Die Gegenwehr unter mir erlahmt. Es wird wieder still im Haus. Das ist besser. Es wäre nicht gut, in unserer Situation Krach zu machen. Uns passiert so etwas nicht. Mach in so einer scheiß Situation nie Krach …
Nachdem ich aufgestanden bin, wische ich Pas Rotz an meiner Hose ab. Langsam schlurfe ich zum Flur. Bei der Tür mache ich Halt und lausche erneut. Die Müdigkeit und der taube Schmerz in meinem Kiefer flüstern mir zu, ich solle einfach zu Bett gehen. Geht ja aber, nicht lächle ich die beiden an. Hab ja gar keine Matratze hier oben. Dann greife ich nach dem Türöffner.
Mareh-Betrix liegt wie ein Wesen aus den Mythen auf ihrem Bett. Ihr nacktes bläuliches Fleisch scheint zu glühen, so hell ist es geworden. Ihre violetten Augen haben sich rot gefärbt und ihr Blick ist auf die Galaxie hinter den Dachbalken und den Ziegeln gerichtet. Um ihren Hals trägt sie ein dunkles Band aus gequetschter Haut. Ihr Schoß ist rot wie ihre kleine Zunge, die ein winziges Stückchen aus ihren Lippen ragt. Gut, ich werde sie jetzt retten. Das Monster liegt zusammengekauert neben dem Bett, wie ein schwarzer Drache aus denselben Geschichten entsprungen, denen auch meine engelsgleiche Schwester entstammt. Es atmet schwer im Schlaf, lebt immer noch und hütet seinen Schatz.
Ohne Zorn mache ich einen Schritt auf Torma zu, setze die Säge an und durchtrenne mit einem schnellen Ruck die Sehne seines linken Fußes. Es geht sehr schnell und noch ehe er richtig zu sich kommt, habe ich genug Zeit, die Prozedur an seinem anderen Bein zu wiederholen. Dickes schwarzes Blut sprudelt aus den Wunden und ich mache unbeholfen ein paar Schritte von ihm weg. Dann ist er wach, fasst sich an die neuen Wunden und aus seiner Kehle dringt ein furchtbar gurgelndes Knurren. Wie die Bestie, zu der er geworden ist, faucht und schreit er. Dann versucht er, sich aufzurichten und aus dem Geknurre wird ein schmerzerfülltes Wimmern. Die Sehnen sind durch Mr Torma, da kann man nichts machen. Er gleitet im eigenen Blut aus und fällt unbeholfen in sich zusammen. Schnell mache ich wieder einen Schritt zu ihm und versetze ihm einen tiefen Schnitt am linken Arm. Dann noch einen und gleich noch einen. Er schreit auf, schlägt nach mir, aber ich bin jetzt schneller als er. Sobald ich aus seiner Reichweite gehe, kann er nichts gegen mich machen. Außer er packt seine Plasmakanone und richtet sie auf mich!
Fast zu spät hechte ich aus dem Raum und schreie auf, während meine Rippen drohen, meine Lungen aufzuspießen, als ich hart auf dem Flur aufschlage. Über mir zerreißt das Gleisen des Plasmabolzens das diesige Licht des Hauses. Er schlägt durch die Wände und hinterlässt glühendes Holz, Tapeten und Verbundstoffe. Dann feuert Torma noch drei weitere Male. Der letzte Schuss kommt erschreckend tief und verfehlt meinen Rücken nur um Haaresbreite. Dicht an die Holzdielen gepresst, robbe ich, so schnell es meine Rippen zulassen, zur Treppe und dann holter die polter hinunter. Ich höre ihn. Er ist mir auf den Fersen. Ich kann genau hören, wie er sich ebenfalls auf den Ellbogen über das Holz hievt. Jede seiner Bewegungen ist von einem harten Pochen begleitet. Das ist der Griff der verdammten Waffe, die auf die Dielen aufschlägt, wenn er sich Schritt für Schritt weiter zieht. Ein Schleifen, ein Schlag, weiter und weiter.
Währenddessen rutsche ich die Treppe hinunter, schlage mir die Knie wund und kämpfe mit der Ohnmacht, denn nichts an mir scheint noch heil zu sein. Schlafe Peter, es ist Zeit – Mareh-Betrix` Stimme klingt so süß in meinen Ohren. Sie flüstert mir zu, ich solle wieder zu ihr kommen. Ich erinnere mich an ihre Berührungen. Alles in mir droht zu zerreißen. Noch nicht!
Im Esszimmer wechsle ich die Richtung, versuche, vom Schusswinkel der Treppe weg zu kommen. Ma liegt da auf ihrem Grab. Zu ihr muss ich hin, weg von der Treppe. Hinter mir poltert die Waffe auf die Stufen. Er ist verdammt schnell. Er kommt.
Ich erreiche Ma, als er bei der untersten Stufe ist. Seine Zähne schimmern gespenstig durch die Löcher in seiner Wange. Seine Augen sind nur noch glimmende Kohlestückchen – Ausdruck seines Fieberwahns. Langsam wendet er mir sein Gesicht zu und dann, noch viel langsamer, richtet er den Lauf der furchtbaren Waffe auf mich. Ich sehe ihn an, blicke ihm in die vom Wahnsinn flimmernden Augen, dann senkt sich X8s schwerer Leib auf ihn und zerquetscht mit einem hässlichen Knacken Tormas Schädel unter seinen Massen.
Unter den Gliedern des Droiden kann ich Tormas Arme und Beine zucken sehen. Da, wo eben noch sein Kopf gewesen war, bildet sich ein Brei aus zertrümmerten Knochen und Gehirn. X8 rührt sich nicht. Als wolle er als Henker und Grabmal gleichermaßen dienen, hat auch er sein künstliches Leben ausgehaucht. Es wird sicher lange dauern, bis man ihn von seinem Opfer trennen kann. Wer weiß, was man von dem schwarzen Riesen von Usec dann noch finden wird? Ich werde ganz sicher nicht dabei sein, wenn man eines diesigen Gedantages das ungleiche Paar aus seiner Umarmung löst. Ich werde längst gegangen sein. Ich gehe jetzt.
Die Zuflucht
Es scheint Tag zu sein. Lagu allerdings versteckt sich hinter einem dicken hellgrauen Schleier aus Nebel. Die Welt um mich, um unser Haus und die ganze Farm erstrahlt in glimmendem nassen Grün. Dazwischen schwirren Millionen kleiner Nabanugi-Fliegen hin und her. Die Insekten leuchten und blinken geheimnisvoll. Sie locken mich tanzend mit ihrem Licht, weisen mir den Weg. Ich folge ihnen gerne. Die Welt hat sich in einen Traum aus Grün verwandelt. Die Luft riecht herrlich frisch, doch bei jedem Schritt setze ich eine zusätzliche Note der Fäulnis frei.
Nach einigen Metern drehe ich mich ein letztes Mal um. An der Terrasse steht Ma und winkt mir zögernd zu. Sie hat die Rollläden geöffnet und den Nebel und das andere ins Haus gelassen. Das wäre nicht nötig gewesen. Oben am Fenster meines Zimmers steht Pa und sieht zu mir herunter. Er scheint sich mit jemandem zu unterhalten, der sich im Zimmer befindet. Es muss Onkel Humb sein; er wollte irgendetwas an meinem Bett reparieren. Ich hebe die Hand, will sowohl Ma als auch Pa zuwinken, aber mein Arm ist schwer. Jeder meiner Schritte ist schwer und verursacht ein nasses Schmatzen. Bei der Scheune angekommen, sehe ich mir den Boden an. Da sind Dutzende kleiner Hügel. Ab und an erzittert einer von ihnen und wenn ich ganz leise hinhöre, kann ich ein leises ersticktes Schnattern hören. Schlaft, ihr Kleinen. Es ist Zeit.
Draußen auf dem Feld sehe ich den alten Formerturm durch die Nebelschleier. Hier erwartet sie mich. Im Nebel erkenne ich nur ihren Umriss und ihr wehendes Haar. Sie ist so schön, so schön wie die grüne Welt um sie herum. Auch sie winkt mir zu, ich soll zu ihr kommen – will zu ihr. Immer schwerer wird es für mich, die Füße zu heben. Das Kribbeln und der einerseits ziehende, andererseits dumpfe Schmerz haben meine Waden erreicht.
Schritt für Schritt durchquere ich die Scheune, versuche nicht, auf einen der kleinen Hügel zu treten. Dann erreiche ich das Feld und ganz kurz dringen doch noch Lagus Strahlen durch den Nebel. Von der Sonne geblendet, hebe ich einen Arm vor meine Augen und als ich ihn wieder sinken lasse, ist Mabe nicht mehr da. Ich bin jetzt auf dem Feld. Der Großteil der Stauden ist niedergedrückt. Es ist eine Welt der stillstehenden Wogen. So sehen sie aus, die Nabanugi-Pflanzen – wie erstarrte Wellen unter einer Schicht aus fransigem Moos.
Hier ist es gut, denn überall ist es so gut wie anderswo. Ich lasse mich zu Boden sinken. Weich fängt dieser mich auf. So hocke ich zusammengekauert da, am nassen Grund und sehe zum Horizont – Nebel, nichts als Nebel und Grün. Das Kribbeln erreicht mein Rückgrat und entfacht einen tiefen grollenden Zorn in meiner Brust. Ich bin wütend, weiß aber nicht, auf was oder wen. Und dann explodiert ein alles zersetzender Hunger tief in meinen Eingeweiden und ich sehe mich um nach etwas, das ich essen könnte. Mich selbst fragend, wie man in dieser Situation an nichts mehr als Essen denken kann, überlege ich verzweifelt, was ich essen könnte. Da ist nichts, außer mir selbst und dem Grün. Esse nie das Grün!
Zum Glück schiebt sich das Kribbeln höher. Nass und klamm kriecht es meinen Rücken hinauf, entzündet Nervenzelle für Nervenzelle meinen Leib. Beinahe hätte ich geschrien, aber da ebbt auch schon der Zorn wieder ab und es bleibt nur ein wenig des Hungers und die tiefe Gewissheit, dass es nun kein Zurück mehr gibt.
So sitze ich da und spüre wie sich das Gewicht auf meinem Körper erhöht. Noch kann ich den Nebel sehen und die kleinen glimmenden Gesellen um mich her. Die Zeit vergeht und das Kribbeln hört endlich auf. Als zögen sich Millionen kleiner Insekten von meinem Leib zurück, entlassen sie mich in die Gefühllosigkeit. Mein Gehirn träumt von Schmerzen, die weiter unten in meinem Körper ausgelöst werden sollten. Da unten hat die Auflösung sicher schon begonnen. Flüssigkeiten treten aus, vermengen sich mit dem Nass des Bodens, bilden Nährstoffe und schaffen neues Leben. Letztendlich bedeckt der nasse Teppich auch meinen Kopf und das allerletzte, das ich sehe, ist das erneute Aufleuchten Lagus. Als wolle das Tagesgestirn sich von mir verabschieden, brennt es sich als violette Flecken in meine Netzhaut. Längst kann ich nicht mehr blinzeln. Meine Augen sehen nur noch flimmernde Farben.
Dann ist dunkel.
Ich höre das Pumpen und Gluckern meiner Umgebung. Jetzt, wo ich Teil davon geworden bin, fühlt es sich nicht mehr nass und klamm an. Es gibt auch keine Fäulnisgerüche mehr. Stattdessen ist meine Welt von einem warmen Hummusaroma erfüllt. Ich spüre deutlich, wie die letzten Barrieren meines Leibes fallen. Die Membran meiner Haut löst sich auf und gibt mich preis. Das Konzept des Schmerzes hat mich verlassen. Noch einmal fahre ich versuchsweise mit der Zunge über die Knochensplitter in meinem Mund. Nichts geschieht, keine Resonanz. Das Gluckern dringt tiefer in meine Ohren. Der Druck steigt, aber es ist nicht unangenehm. Eher fühlt es sich wie eine Art Zuflucht an. Da fällt mir auf, dass ich die ganze Zeit meinen Mund geschlossen gehalten hatte. Eine Schutzreaktion, wie wenn man in einen See fällt und auf keinen Fall Wasser schlucken will. Doch hier und jetzt erkenne ich, macht diese Maßnahme keinen Sinn. Also strenge ich meine Muskeln ein allerletztes Mal an, schließe willentlich die letzten Synapsen, bewege Knochen, Sehnen und Fleisch … und öffne meinen Mund.
Es ist vollbracht. Was bleibt sind Gedanken. Sie fasern auf, hören auf ich zu sein und werden zu allem. Da sind so viele um mich herum und ich erkenne fast erschrocken, dass ich niemals wieder allein sein werde. Sie erzählen mir ihre Geschichten und ich erzähle ihnen meine. Wir benutzen keine Namen, keine Rassenbezeichnungen, keine Zeitbegriffe und keine Moralvorstellungen. Wir sind eine Mischung, keinerlei Ego. Viel später gesellen sich Ma, Pa und Mabe hinzu. Sie sind stiller als die anderen. Vielleicht, weil es zu lange gedauert hat, sie zu uns zu holen. Auch der schwarze Riese ist da. Sein Zorn hat sich ebenfalls aufgelöst. Nun sind wir alle eins. Und endlich wissen wir …
Bekämpfe niemals das Grün!
Epilog
Am 97. Standardtag Sj 2.250 um 0241 überfliegt eine DHS-Einheit (Dur-Hound-Scouts) der ComTrans Cooperation einen Teilabschnitt des Nabanugi-Feld-23.c54ts-Planquadrates und findet weite Flächen des Landes von Vidae Viridemoss der Unterklasse xd21 bedeckt. Von den Habitaten ragen nur noch die Dachgiebel ins Freie. Der Pflanzenteppich ist zum Stillstand gekommen und steht kurz davor, eine neue Richtung einzuschlagen. Exakt zwei Stunden später sind die Räumungsdroiden vor Ort. Sie werden von Schwerlasttransportern über dem Zielgebiet abgesetzt und beginnen sofort mit ihrer Arbeit. Der Löschschaum Mossout MO77 färbt binnen weniger Minuten tausende von Quadratmetern weiß und erstickt jegliches Leben unter seiner chemischen Reaktion. Kurz darauf erreichen die CTC-Inspekteure das Gebiet. Sie landen mit einem Transfershuttle etwas Abseits der Habitate, welche sich per Scan schnell als Farmhaus, eine Art Geräteschuppen und eine kleine Scheune oder Tierhalle herausstellen. Von den Bewohnern der Nabanugi-Farm können nur Spurenelemente aufgezeichnet werden. Sie befinden sich alle vier im Haus. Leider kommt jede Hilfe für sie zu spät. Abschließend treffen die Inspekteure die Entscheidung, das ganze Gebiet großflächig mit der auf einer Kunststoff-Polymer-Paste basierenden Brandlösung Amipropal MPT4 zu bestreichen und reichen ein entsprechendes Gesuch an die Firmenleitung ein. Um 0718 überfliegt ein atmosphärentauglicher Jagdbomber der Kirner Heeresstreitmächte das Gelände und erfüllt den von der CTC angeforderten Auftrag.
Die Fallakte erhält die Kennung IT22.9-tz3291 :: 97-2.250-0241-0718 :: NBF23.c54ts :: 4D-clear
EOT (end-of-transmission) :: :: ::